Freitag, 16. September 2016

REZENSION: "Marlene" (Hanni Münzer)

Copyright Piper Verlag



Titel: Marlene
Autor: Hanni Münzer
Genre: Historischer Roman
Verlag: Piper
Erscheinungsjahr: 2016
Format: Klappenbroschur (9,99 €)
Seiten: 544
ISBN: 978-3492309479




Inhalt:

München 1944: Nach einem Luftangriff liegt die Stadt in Schutt und Asche und die Widerstandskämpferin Marlene muss davon ausgehen, dass ihre Freundin Deborah und deren kleiner Bruder im Bombenhagel umgekommen sind. Doch das ändert nichts an ihrer Entschlossenheit. Der Kampf gegen das Naziregime muss weitergehen und deswegen schließt sich Marlene erneut dem Widerstand an und lernt dabei die 15-jährige Trudi kennen: Ein mutiges Mädchen, das sich für unsterblich hält und sich an Marlenes Fersen heftet. Auch sie will kämpfen. Marlene wird für einen Auftrag nach Warschau geschickt und mit Trudi im Schlepptau gerät sie in eine tödliche Gefahr nach der anderen. Schon bald geraten sie in die Fänge eines gefährlichen Nazifunktionärs und werden nach Auschwitz gebracht - einem Ort, an dem es keine Hoffnung gibt. Doch in dieser Hölle findet Marlene die Liebe und legt ihr Leben in die Hände eines Mannes, der alles dafür tut, um wenigstens ein paar Menschen zu retten. Doch als Marlene die Chance erhält, den Krieg endlich zu beenden, muss sie dafür akzeptieren, dass der Mann, den sie liebt, sterben muss...


So gefällt mir das Cover:

Das Cover gefällt mir ziemlich gut, denn es entführt einen gleich in eine andere Zeit und zeigt eine starke, offensichtlich kultivierte und selbstbewusste Frau - Marlene. Wenn man nicht weiß, worum es in dem Roman geht, könnte man allerdings eher denken, er spiele im alten Hollywood. Ein bisschen missverständlich ist die Nahaufnahme der Frau also schon.

Meine Meinung:

Den neuen Roman von Hanni Münzer habe ich bei einer Buchverlosung auf Lovelybooks.de vom Piper Verlag gewonnen und mich sehr darüber gefreut, denn thematisch spricht Marlene mich - wie ihr euch denken könnt - absolut an. Allerdings habe ich erst, als ich das Buch in den Händen hielt, bemerkt, dass es ein zweiter Teil ist und zwar die Fortsetzung zu Honigtot. Meine anfänglichen Bedenken haben sich aber schnell in Luft aufgelöst, denn Marlene greift zwar ab und an auf die Geschehnisse in Band 1 zurück, erzählt aber eine eigenständige Geschichte und so kann man es auch sehr gut lesen, ohne Honigtot zu kennen.

Anfangs hatte ich trotzdem ein paar Probleme, in die Geschichte hineinzufinden. Ich musste mich erst einmal in Marlenes Welt zurechtfinden und mich mit den Figuren vertraut machen. Das hat bei Hanni Münzers Roman etwas länger gedauert als bei anderen Büchern, aber nach den ersten 100 Seiten etwa hat mich die dramatische Geschichte der Widerstandskämpferin Marlene dann restlos gepackt. Sehr gelungen fand ich es dabei, dass Hanni Münzer zwischen den meisten Kapiteln sogenannte "Kriegssplitter" einfügt. Das sind Zitate, Auszüge aus Reden und Dokumenten, historische Berichte usw., welche die Authentizität der Geschichte untermauern und einem immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass diese spezielle Geschichte zwar fiktiv ist, aber vor dem realen Hintergrund des grausamsten Krieges der Neuzeit spielt und sich so oder so ähnlich zugetragen haben könnte.

Gekonnt vermischt Hanni Münzer historische Personen mit fiktiven Charakteren, sodass die Grenze zwischen Wirklichkeit und Fantasie verschwimmt. Neben Nazigrößen und brutalen Mördern trifft man auf mutige Menschen, die passiv und aktiv Widerstand leisten, auf Menschen, deren Leben der Krieg für immer zerstört hat, und auf Menschen, die dem Tod näher sind als dem Leben. Und man trifft natürlich auf Marlene - eine unfassbar starke, mutige Frau, an der man sich einfach ein Beispiel nehmen muss. Ich habe sie durchgehend bewundert und an ihrer Seite gegen einen Gegner kämpft, der lange Zeit übermächtig und unbesiegbar schien. Doch nicht nur Marlenes Mut und ihr Kampfgeist sind bewundernswert, sondern auch und vor allem ihr großes Herz. Auch in der Hölle auf Erden, dem Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz, verschließt sie es nicht und bewahrt sich so die Menschlichkeit. Das ist eine unvorstellbare Leistung, vor der man den größten Respekt haben muss.

Auch die anderen Charaktere sind schlichtweg beeindruckend: Zum einen ist da Ernst, ein Nazioffizier, der unsterblich in Marlene verliebt ist und durch sie den Mut findet, sich der Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Krieges entgegen zu stellen. Zum anderen die kleine Trudi, die ein bisschen lebensmüde, aber auch mutig wie ein Löwe ist. Sie manövriert sich immer wieder in ausweglose Situationen, kann jedoch aufgrund ihrer Unverfrorenheit meistens aus eigener Kraft fliehen. Und dann Jolanta: Nach außen hin ist sie eine harte, taffe Frau, die vom Krieg profitiert und mit den Nazis Geschäfte macht. Sie leitet das Bordell in Auschwitz und anfangs kann man nur Verachtung für sie empfinden. Doch man sollte sie genau im Auge behalten, denn die Menschen sind ja bekanntlich nicht nur schwarz oder weiß und das trifft mehr als auf jeden anderen auf Jolanta zu. Und schließlich ist da Peter: Ein Arzt in Auschwitz, der Marlene nicht nur mehrmals das Leben rettet, sondern ihr vor allem zeigt, dass es immer noch Hoffnung gibt. Und dass es auch in Kriegszeiten eine große Liebe geben kann.

Hanni Münzer erzählt eine mitreißende Geschichte über unvorstellbares Leid, erbitterten Kampf und den Funken Hoffnung, der manchmal reicht, um weiterzumachen, um zu überleben. Sie erzählt schonungslos, eindringlich und erschreckend authentisch - die Gefahr und das Grauen sind auf beinahe jeder einzelnen Seite spürbar und man kann sich als Leser nicht davor verschließen. Der Zweite Weltkrieg und der Holocaust waren grausam und Hanni Münzer gelingt es erschreckend gut, mehr als nur einen Bruchteil dieser Grausamkeit in Worte zu fassen. Man begreift, wie dicht unermessliches Leid und großes Glück im Krieg beieinander liegen. Die Schauplätze in Marlene reichen vom zerstörten München über Warschau (als Symbol für den jüdischen Widerstand) bis ins gefürchtete Auschwitz. In all diesen Orten ist der Krieg präsent, doch wie ihr euch sicher vorstellen könnt, sind es vor allem die Kapitel in Auschwitz, die einem die Luft zum Atmen nehmen, einem die Kehle zuschnüren und einen einfach nur auf eine bessere Welt hoffen lassen. Nichtsdestotrotz ist Hanni Münzer hier vielleicht auch ein wenig an ihre Grenzen gestoßen, denn ihre Darstellung des Vernichtungslagers ist zwar historisch korrekt, aber dennoch bleibt der Ort irgendwie vage. Man hat als Leser eine größere Distanz zu ihm als in anderen Romanen (mir fällt da etwa Das Lachen und der Tod von Pieter Webeling ein). Möglicherweise ist das aber auch gewollt..

Ein paar Kleinigkeiten haben mich vor allem gegen Ende des Romans dennoch gestört. Rückblickend empfand ich einige Wendungen in der Handlung als zu unglaubwürdig, vielleicht auch als fantastisch. Ich möchte natürlich nichts verraten, aber vor allem wenn es um reale Personen wie Hitler und Himmler ging, hatte ich manchmal das Gefühl, dass hier Authentizität verloren geht und Münzer sich mit ihrer Darstellung zu weit aus dem Fenster lehnt. Auch gab es in der Geschichte einige Leerstellen und Längen, die mich persönlich etwas gestört haben. Münzer spannt in Marlene einfach einen unglaublich großen Bogen und packt so viel in diese Geschichte hinein, dass dabei ein paar Dinge, die einer näheren Betrachtung bedurft hätten, verloren gehen. Im Kontext sind das aber wirklich nur Kleinigkeiten, die nicht unbedingt jedem auffallen müssen.

Eines muss ich unbedingt noch anmerken: Am Ende schwenkt Münzer in das Jahr 2012, in dem ihre Heldin Marlene als 97-jährige Frau ihre Geschichte erzählt und die Menschen ermahnt. Damit macht Münzer deutlich, wie präsent die Vergangenheit noch immer ist und wie aktuell das Thema Krieg. Ihre Geschichte ist ein einziges Plädoyer für den Frieden. Ein Plädoyer dafür, endlich zu begreifen, dass es keinen guten Krieg gibt - sondern nur Leid, Zerstörung, Tod und Rückstand. Aktueller könnte das gar nicht sein, blenden wir doch allzu gerne aus, was im Rest der Welt gerade passiert und konzentrieren uns lieber darauf, welche Auswirkungen das auf unser Leben im mittlerweile behüteten Deutschland hat. Ich spreche unter anderem von Syrien: Die Menschen dort brauchen unsere Hilfe, weil sie sonst für eine Sache sterben, die nicht die ihre und obendrein noch so sinnlos wie jeder andere Krieg der Menschheitsgeschichte auch ist. Es wird Zeit, dass wir das begreifen und aufhören, uns darüber zu beschweren, dass eine syrische Familie uns hier den Wohnraum wegnehmen könnte. Wir sind alle Menschen und es ist unsere Pflicht, dafür einzustehen. Danke Hanni Münzer: Danke dafür, dass du die Menschen daran erinnerst!

Zitate:

"Hass zu schüren, war so einfach und sie fragte sich, wie viele Hitlers es in der Zukunft noch geben würde? Lauerte schon der nächste 'Führer' irgendwo da draußen?" (S. 259)

"Es ist wahr, manche Denkmuster sind wie Zwangsjacken; die Unfähigkeit der Menschen, die eigene Meinung zu hinterfragen, verhindert bis heute ein friedliches Zusammenleben der Völker. Jedoch bedeutet Toleranz auch die Fähigkeit, mehrere Wahrheiten zu akzeptieren." (S. 261)

"Neue Extreme erwachen. Die Geschichte darf sich niemals wiederholen. Aber im Grunde ist es das, was Geschichte immer tut, sich wiederholen. Leider mit allen schlimmen Auswüchsen. Der Mensch lernt nicht aus seinen Fehlern, er tritt in seiner Entwicklung auf der Stelle." (S. 522)

"Alles entwickelt sich weiter, wird immer fortschrittlicher, die Medizin, Wissenschaften, unsere Waffen zur Kriegsführung. Nur der Mensch scheint in seiner Ignoranz zu stagnieren, er pflegt rassisches Gedankengut, verherrlicht männliche Dominanz." (S. 531)

Mein Fazit:

Hanni Münzers Marlene ist ein großer Roman über Leid, Grausamkeit und den Mut sich zu wehren. Es gab für mich ein paar kleinere Unstimmigkeiten, aber insgesamt ist die Geschichte so packend, so mitreißend, so authentisch wie kaum eine andere. Sie zeigt, wie präsent die Vergangenheit bis in die Gegenwart hinein ist und macht deutlich, dass wir das dunkelste Kapitel in der Geschichte Deutschlands niemals vergessen dürfen. Denn wenn wir das tun, machen wir die gleichen Fehler noch einmal und stürzen die Welt ins Verderben. Vor Hanni Münzer muss ich einfach meinen imaginären Hut ziehen!



Die Reihe:

1. Band: Honigtot
2. Band: Marlene

2 Kommentare:

Hanni Münzer hat gesagt…

Und ich muss mich einfach bei Dir bedanken, für diese mitreißende Rezension! DANKE Svenja :-) Deine Hanni M.

Svenja Prautsch hat gesagt…

Wow, vielen Dank! =) Ich fand deinen Roman aber auch einfach großartig und bin jetzt schon sehr gespannt auf den ersten Teil!

Liebe Grüße
Svenja

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