Samstag, 10. September 2016

REZENSION: "Der Junge, der vom Frieden träumte" (Michelle Cohen Corasanti)

Copyright S. Fischer Verlag


Titel: Der Junge, der vom Frieden träumte
Autor: Michelle Cohen Corasanti
Genre: Roman
Verlag: S. Fischer
Erscheinungsjahr: 2016
Format: Taschenbuch (9,99 €)
Seiten: 400
ISBN: 978-3596032839




Inhalt:

Ahmed wächst als Sohn eines wohlhabenden Orangenplantagen-Besitzers in einem kleinen Dorf in Palästina auf. Doch als seine kleine Schwester Amal beim Spielen auf eine Landmine tritt, zerbricht die heile Welt der Familie. Wenig später vertreiben die Israelis Ahmed, seine Eltern und seine fünf Geschwister aus ihrem Zuhause und von da an beginnt für sie ein Martyrium. Nachdem sein Vater als vermeintlicher Terrorist verhaftet und in ein Gefangenenlager gebracht wurde, muss Ahmed als ältester Sohn allein für seine Familie sorgen. In diesen schweren Zeiten treibt ihn nur eines voran: Seine einzigartige Begabung und große Leidenschaft - die Mathematik. Und als Ahmed die Chance auf ein Stipendium für ein Mathematik-Studium an einer renommierten Universität in Jerusalem erhält, muss er sich entscheiden: Bleibt er bei seiner Familie oder geht er seinen Weg?

So gefällt mir das Cover:

Das Cover gefällt mir außerordentlich gut, denn es hat mich tatsächlich gleich an die Bücher von Khaled Hosseini erinnert und entführt einen direkt in eine andere Welt. Man kann schon anhand des Covers vermuten, dass die Geschichte in einem arabischen Land und auch der Junge, der anscheinend vor etwas davonläuft, passt zum Buch. Ich finde das Bild sehr stimmungsvoll und gut gewählt.

Meine Meinung:

Der Junge, der Träume schenkte von Michelle Cohen Corasanti war ein Spontankauf - ich habe das Buch in der Buchhandlung deswegen mitgenommen, weil mich sowohl das Cover als auch der Klappentext an die Romane von Khaled Hosseini erinnert haben. Wer den Drachenläufer oder Tausend strahlende Sonnen kennt, weiß was ich meine! Und tatsächlich muss sich Michelle Cohen Corasantis Debütroman nicht hinter diesen Büchern verstecken.

Hosseinis Geschichten spielen in Afghanistan, Der Junge, der vom Frieden träumte hingegen in Palästina. Es geht um den kleinen Ahmed, der als Sohn eines wohlhabenden Plantagen-Besitzers aufwächst und dessen Leben komplett aus den Fugen gerät, als die Israelis in seinem Land einmarschieren und die Familie zwangsumsiedeln. Die Handlung setzt im Jahr 1955 ein, einem Jahr, in dem der Konflikt zwischen Israel und Palästina äußerst angespannt war. Corasanti gelingt es hier sehr gut, dem Leser die geschichtlichen Aspekte nahe zu bringen und auch als jemand (wie ich), der bisher nicht viel über dieses Thema wusste, kommt man gut mit. Der geschichtliche Hintergrund wird sehr authentisch und schonungslos ehrlich beschrieben und ich war angesichts der Brutalität, mit der die Israelis die Palästinenser unterwerfen und erniedrigen, ehrlich geschockt. Das, was Ahmed und seine Familie erleben, ist stellenweise grausam, unbegreiflich und einfach nur erschütternd. Vor allem, wenn man vor Augen hat, was den Juden während des Holocaust angetan wurde und wie sie anschließend gegen die Muslime vorgingen... Ich möchte nichts pauschalisieren oder relativieren, aber das war für mich ziemlich hart.

Der Junge, der vom Frieden träumte bietet auf jeden Fall einen interessanten Einblick in die jüngere Geschichte Palästinas, ohne dabei zu trocken und nüchtern zu wirken. Die Geschichte von Ahmed und seiner Familie ist sehr bewegend und geht ans Herz. Der Terror, dem die Familie im von Juden besetzten Palästina ausgesetzt ist, ist einfach unvorstellbar. Man sieht die nach Israel geflohenen Juden mit ganz anderen Augen - ein weiterer völlig unnötiger religiöser Konflikt und ein sinnloser Kampf um Macht und Geld. Gleichzeitig gibt Corasantis Roman aber auch einen Einblick in das Leben einer muslimischen Familie: Vieles empfindet man als befremdlich, vor allem, wenn es um Themen wie klassische Rollenverteilung und Zwangsverheiratung geht. Ich finde, Corasanti ist es sehr gut gelungen, bei solchen brisanten Themen sachlich und neutral zu bleiben, aber auch beide Seiten zu beleuchten. Denn ihr Protagonist Ahmed ist alles andere als ein stereotypischer Muslim (wenn es so etwas überhaupt gibt).

Ahmed ist ein faszinierender Junge, der schnell erwachsen werden muss, als sein Vater verhaftet wird und er Verantwortung übernehmen muss. Zunächst fügt er sich in seine neue Rolle als Familienoberhaupt und tut das, was von ihm erwartet wird: Er geht arbeiten und ernährt seine Familie. Doch in ihm brodelt es. Sein Traum, Mathematik und Physik zu studieren, beherrscht sein Denken und irgendwann bringt er den Mut auf, das zu tun, was er eigentlich nicht darf. Er verlässt seine Familie, um ein Studium an einer Universität in Jerusalem zu beginnen. Inmitten der Feinde, der Juden. Dabei muss er sich nicht nur gegen die Vorurteile der Israelis, die ihn ebenfalls als Feind und ungebildeten Terroristen betrachten, behaupten, sondern sich auch immer wieder gegen den Unmut seiner Familie wehren. In Ahmed tobt ein innerer Konflikt. Doch irgendwann beginnt er zu begreifen, dass nicht alle Israelis gleich sind und dass sie es genauso verdient haben, dass er ihnen ohne Vorurteile begegnet wie er selbst. Natürlich macht Ahmed negative Erfahrungen während seines Studiums, aber im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder lässt er sich nicht von dem Hass leiten. Angesichts des Leids, das seine Familie ertragen musste, finde ich dieses Verhalten einfach nur bewundernswert und beispielhaft. Ahmed ist ein Held und bleibt es bis zum Schluss, ohne dabei verklärt zu werden. Denn auch er macht Fehler, aber er wächst daran und lernt aus ihnen.

Die Geschichte ist insgesamt einfach fesselnd und unglaublich bewegend. Man kann das Buch kaum aus der Hand legen und schließt Ahmed, der einem manchmal als einsamer Kämpfer vorkommt, ins Herz. Man wünscht sich sehnlichst, dass er es schafft, auszubrechen und aller Welt ein Vorbild zu sein. Das einzige Problem, das ich mit dem Buch hatte, waren die Zeitsprünge, die manchmal gleich mehrere Jahre umfassten. Einerseits ist die Geschichte so natürlich auf das Wesentliche konzentriert und nicht unnötig aufgebläht, andererseits werden aber auch (zumindest in meinen Augen) wichtige Ereignisse teilweise komplett ausgeklammert oder in einigen wenigen Sätzen abgehandelt. Der Bezug zu den Hauptpersonen ist trotzdem da, aber so gehen manchmal leider auch die Emotionen verloren und man kann nicht ganz so mit ihnen mitfiebern, wie man es eigentlich möchte. An anderen Stellen muss man allerdings auf jeden Fall Taschentücher bereithalten, so viel sei euch gesagt!

Mein Fazit:

Der Junge, der vom Frieden träumte erzählt die bewegende Geschichte des kleinen Ahmed, der sich von ganz unten nach ganz oben kämpft. Ein modernes Märchen vor dem Hintergrund des Israel-Palästina-Konflikts, das zu Tränen rüht, mitreißt und betroffen macht. Für mich eines der besten Debüts des Jahres, auch wenn es einen Punkt Abzug gibt, weil mir die Zeitsprünge stellenweise einfach zu groß waren und der Roman eines dieser Bücher ist, denen 100-200 Seiten mehr tatsächlich gut tun würden.



2 Kommentare:

Severin hat gesagt…

Auch ich bin schockiert von israelisch-palästinensischen Konflikt. Aber ich bitte darum, nicht pauschal sämtliche Israelis zu Holocaustüberlebenden zu machen. Israel bestand als sogenanntes Mandatsgebiet ja bereits vor dem Holocaust. Es ist das Produkt der zionistischen, d.h. einer jüdischen Nationalbewegung, die auf dem Hintergrund der Verfolgungen im 19.Jahrhundert insbesondere in Osteuropa entstanden ist. Die Holocaust-Überlebenden haben noch nie die Mehrheit der israelischen Bevölkerung ausgemacht.Vielmehr waren sämtliche Überlebenden der Shoa in der israelischen Gesellschaft stark ausgegrenzt. Dazu gibt es Diskussionen namhafter Historiker außerhalb und innerhalb Israels. Yad Vashem kann darüber nicht hinwegtäuschen. Wenn es Menschen in Israel gibt, die die Aussöhnung mit den Palästinensern wünschen, sich in der Friedensbewegung engagiert haben, dann sind das sehr häufig Menschen, die aus Familien stammen, die die Shoa überlebt haben. Ich bitte, sich dies vor Augen zu führen. Es gibt sehr viele Israelis und weltweit Juden, die die Politik Israels gegenüber den Palästinensern genauso verurteilen wie wir. Israelische Regisseure / Drehbuchautoren / Schriftsteller äußern sich künstlerisch in vielfältiger Weise dazu. Wir müssen das wahrnehmen. Auch Michelle Cohen Corasanti ist schließlich Jüdin.

Svenja Prautsch hat gesagt…

Hallo :) Ich wollte beim besten Willen nicht behaupten, dass alle israelischen Juden Opfer des Holocaust sind und es tut mir sehr leid, wenn du das so aufgefasst. Das war wirklich nicht meine Absicht. Ich bin lediglich auf den Roman eingegangen, indem sich die Autorin ja schon kritisch mit der Rolle der Juden im Israel-Palästina-Konflikt auseinandersetzt und die Shoa auch mehrmals anspricht. Es geht im Buch eben auch um einige Juden, die den Holocaust überlebt und anschließend nach Israel geflohen sind - und dort den Palästinensern tatsächlich sehr feindlich gesinnt sind. Genau das ist ja das Brisante an Corasantis Roman. Aber natürlich ist das nur ein Aspekt - eben einer, der mich besonders getroffen hat. Wie gesagt, ich wollte keine politische Diskussion auslösen oder irgendetwas pauschalisieren, mir ist schon klar, dass Israel nicht nur aus Holocaust-Überlebenden besteht und dass der Konflikt insgesamt wesentlich komplexer ist. Natürlich ist mir auch klar, dass nicht alle israelischen Juden mit Freude Palästinenser angreifen oder irgendetwas in der Art - also es tut mir wirklich leid, wenn du es so aufgefasst hast! Ich habe nur Bezug auf die Handlung des Buches genommen, nicht meine eigene politische Haltung oder ähnliches formuliert.

Liebe Grüße,
Svenja

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