Montag, 19. September 2016

BLOGGERPROJEKT #DieNachtigall: Kämpfen oder Fügen - wie würde ich entscheiden?



Heute erscheint im Aufbau Verlag ein Roman, in dem es um zwei Schwestern geht, deren Schicksale während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg zwei vollkommen verschiedene Richtungen einschlagen. Die Rede ist von "Die Nachtigall" von Kristin Hannah. Ich lese das Buch aktuell und nehme parallel dazu an einem Blogger-Projekt des Verlags teil, in dessen Verlauf die Teilnehmer 4 Aufgaben rundum den Roman erledigen müssen. Aber ich möchte euch nicht einfach nur meine jeweilige Lösung hinwerfen, sondern diesen historischen Roman vor dem Hintergrund des gausamsten Krieges der neueren Geschichte zum Anlass nehmen, um darüber nachzudenken, was ich wohl tun würde. Denn ich denke, dass das eine der großen Aufgaben der Literatur ist: Uns die Augen zu öffnen für andere Welten, andere Zeiten und uns im gleichen Atemzug für das zu sensibilisieren, was jetzt in diesem Moment um uns herum passiert.

Ich möchte mich deshalb mit der Frage auseinandersetzen, wie Menschen sich im Krieg verhalten und dabei Bezug auf die zwei Titelheldinnen in Kristin Hannahs Roman nehmen: Die Schwestern Vianne und Isabelle. Im Zuge der zweiten Aufgabe des Blogger-Projektes gilt es, folgende Frage zu beantworten:

"Die Schwestern Isabelle und Vianne gehen ganz unterschiedlich damit um, dass Krieg herrscht. Isabelle reagiert mit Wut und Protest und riskiert ihr Leben, um sich der Résistance und dem Kampf gegen die Nazi-Okkupation anzuschließen. Bei Vianne dominieren hingegen Angst und Vorsicht, schon allein um ihrer Kinder willen bemüht sie sich, jegliche Konflikte zu vermeiden. Welches Verhalten beeindruckt dich mehr, welchen Weg findest du für dich persönlich besser nachvollziehbar oder verständlicher?"

Ich bin noch mittendrin in der Geschichte, habe die beiden Schwestern also gerade erst kennengelernt und mitverfolgt, wie ihr Leben sich seit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und nach der Besatzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht grundlegend änderte. Ich muss ehrlich sagen, dass ich beim Lesen fast durchgehend ebenso große Wut empfand wie die impulsive Isabelle. Sie ist die jüngere der beiden Schwestern, wurde als Kind in verschiedene Internate abgeschoben und hat sich stets widersetzt. Es erscheint also ganz natürlich und vollkommen logisch, dass sie sich nun auch gegen die deutschen Soldaten auflehnt, die das Heimatstädtchen ihrer älteren Schwester, bei der sie zeitweilig untergekommen ist, besetzen. Isabelle will kämpfen, sich nichts gefallen lassen und sich vor allem nicht einem Regime unterwerfen, das sie in keinster Weise billigt. Ich kann sie voll und ganz verstehen, kann ihre Wut und den tiefen Wunsch nach Gerechtigkeit nachempfinden und würde gern glauben, dass ich an ihrer Stelle genauso handeln würde.

Doch so einfach ist das nicht. 

Es sind die Umstände, die unsere Handlungen bestimmen. Ich selbst denke von mir, dass ich einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn besitze und eine Sache, für die ich kämpfen möchte, bis aufs Blut verteidigen würde. In der Theorie. Aber wäre ich bereit, mein Leben für das Land zu riskieren, in dem ich aufgewachsen bin? Vermutlich nicht. Denn es mag zwar ein Teil von mir sein, aber Heimat ist immer auch da, wo meine Familie ist, wo ich mich sicher fühle. Und ich denke, würde ich mich hier in Deutschland irgendwann nicht mehr sicher fühlen, würde ich schneller die Beine in die Hand nehmen, als irgendjemand das Wort "Krieg" überhaupt aussprechen könnte. Nicht weil ich ein Feigling bin, sondern weil ich einfach nicht bereit wäre, mich für eine Sache töten zu lassen, die nicht die meine ist. Spielball in einem Kampf zu werden, den ich nicht ausfechten möchte. Und weil das so ist, kann ich jeden verstehen, der aktuell seinem Land den Rücken kehrt, in der Hoffnung auf ein bisschen Frieden und das Recht, weiterzuleben.

Auch Vianne kann ich deshalb bis zu einem gewissen Grad verstehen. Sie macht gute Miene zum bösen Spiel, arrangiert sich mit der neuen Situation, um ihre Tochter nicht zu gefährden und ihrem Mann, der noch als französischer Soldat im Krieg ist, nicht das Zuhause zu nehmen. Sie versucht, unter dem Radar zu fliegen und so wenig wie möglich aufzufallen, doch man spürt beim Lesen ganz deutlich, wie schwer ihr das fällt. Schließlich sind es diese Männer, die sich da in ihrer Heimat und ihrem Haus breit gemacht haben, die ihren Ehemann daran hindern, nach Hause zu kommen. Ich kann verstehen, dass sie einfach nur versucht, zu überleben, aber ihre Naivität und ihren unbeirrbaren Glaube an das Gute kann ich nicht nachvollziehen. Sie fügt sich einfach, stagniert - das Gefühl habe ich zumindest ab und an. Und ich kann beileibe nicht begreifen, wieso Vianne nicht auf ihre Schwester hört und die große Gefahr, die von den Deutschen ausgeht, nicht erkennt. Sie hätte gleich am Anfang fliehen müssen, nur dann hätte sie ihre Tochter schützen und sich gleichzeitig selbst treu bleiben können. Das zumindest ist meine persönliche Meinung.

Aber das ist eben etwas, das man nicht pauschalisieren kann. Man kann nie wissen, wie man sich selbst unter solch extremen Zuständen wie Krieg verhalten würde. Was dieser mit einem machen würde. Am Ende hat man es nicht in der Hand. Deswegen achte ich sowohl das Verhalten von Isabelle als auch das von Vianne - beide tun das, was sie für richtig halten und Richtig und Falsch liegen in Kriegszeiten nun einmal nah beieinander...Oder wie seht ihr das?

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