Dienstag, 16. August 2016

REZENSION: "Wie viel Leben passt in eine Tüte?" (Donna Freitas)

Copyright Gabriel Verlag

Titel: Wie viel Leben passt in eine Tüte?
Autor: Donna Freitas
Genre: Jugendroman
Verlag: Gabriel Verlag
Erscheinungsjahr: 2012
Format: Gebundene Ausgabe     (18,95 €), eBook
Seiten: 400
ISBN: 978-3-522-30312-5




Inhalt

Seit dem Tod ihrer Mutter fühlt sich Rose, als hätte man ihr selbst das Leben ausgesaugt. Sie fühlt sich einsam und abgekapselt und auch ihre Freunde können sie aus ihrer Lethargie nicht befreien. Als sie schließlich eins der Survival Kits findet, die ihre Mutter immer gemacht hat, kommt allmählich wieder Bewegung in ihre Welt. Mit neuer Energie widmet sie sich dem Garten, den ihre Mutter früher liebevoll gepflegt hat, allerdings geht das nur mithilfe von Will, dem sonderbar schweigsamen Jungen, der sich bisher um die Pflanzen gekümmert hat. Dank ihm blüht auch Rose - zusammen mit den Blumen - allmählich wieder auf. Doch Will stellt sie vor eine vollkommen neue Herausforderung, denn er ist selbst vom Tod seines Vaters gezeichnet. Wie kann eine Beziehung zwischen zwei Jugendlichen funktionieren, die sich so schwer mit Geühlen tun?

Cover

Gestalterisch hätte man hier durchaus mehr rausholen können, denn ein Blickfang ist die Frontalansicht nicht wirklich. Der Titel sticht zwar ins Auge, aber ansonsten gibt es nichts Aufregendes zu sehen, was angesichts der Geschichte selbst etwas schade ist.

Meine Meinung

Der erste Pluspunkt für den Roman sind die Kapitelüberschriften. Donna Freitas hat sich dafür entschieden, sie durchgehend mit Songs verschiedener Künstler zu überschreiben. So etwas liebe ich prinzipiell. Zum einen weil die nachfolgenden Abschnitte dadurch einen thematischen Rahmen bekommen und klar wird, dass sich die Autorin sehr viele Gedanken zu ihrer Geschichte gemacht hat. Zum anderen weil ich selbst ein kleiner Musik-Geek auf der Suche nach neuen musikalischen Stoff bin und ich dadurch meiner Sucht ein wenig fröhnen kann. Einige der Lieder oder Künstler waren mir schon bekannt, von anderen wiederum hatte ich vorher noch nie gehört. Auch wenn die Lieder nicht immer meinem Geschmack entsprachen, hat mir die Recherche doch Spaß gemacht und ich fand die Auswhal immer sehr passend zum Kapitel. Ich frage mich, ob sie zuerst geschrieben und dann die Playlist zusammengestellt hat, oder sie ihren Plot (zumindest zum Teil) so angelegt hat, dass er zu den Songs passt?! Beides stelle ich mir durchaus schwierig vor. 
Nun zum Wesentlichen des Romans: den Charakteren.  
Von Will war ich natürlich gleich zu Beginn hin und weg. Schweigsame Typen haben ja immer so eine Aura des Mysteriösen und wirken daher besonders anziehend. Daher konnte ich Rose's Interesse an ihm auch sehr gut nachvollziehen, da sie selbst durch den Tod ihrer Mutter wortkarg, introvertiert und emotional etwas abgestumpft ist. Will hat nicht erwartet, dass sie wieder das blühende Leben ist, wieder lacht und Freude empfindet. Da er selbst seinen Vater verloren hat, versteht er sie blind. Zudem kannte er Rose nicht, wie sie früher gewesen ist, und erwartet daher auch nicht, dass sie wieder zu der alten Version ihrer Selbst wird. Sie kann neuanfangen, muss sich nicht rechtfertigen und kann ihren eigenen Rhythmus finden, um den Tod ihrer Mutter zu verarbeiten. Zunächst klingt die Situation ideal, da Will damit quasi zum perfekten Partner für sie wird: jemand der sie versteht und nicht drängt. Die Kehrseite ist jedoch, dass man sich an Will wirklich die Zähne ausbeißen kann. Er ist nicht einfach nur still und schüchtern, sondern wirkt auch manchmal richtig kühl und stößt andere mit seiner Art vor den Kopf. Wie er sich verhält, ist zwar im Hinblick auf seine Trauer verständlich, aber ich an Rose's Stelle hätte öfter heftig schlucken müssen. Das hat meiner Begeisterung hinsichtlich seines Charakters dann doch einen kleinen Dämpfer verpasst. In manchen Momenten war mir da Chris, Rose's Ex-Freund, tatsächlich etwas lieber: er ist zwar der typische Sunnyoy/Sportler, aber wenigstens wusste man, woran man bei ihm ist. Natürlich ging er mir manchmal ein wenig auf den Zeiger, aber wirklich böse konnte ich ihm nie sein. Weder hat er sich als nachtragender, böswilliger Ex-Freund entpuppt, noch wirkte er übermäßig verzweifelt in seinem Bemühen, Rose zurückzugewinnen. Klar bewegte er öfter an der Grenze zum Kitsch mit seinen Aktionen (ich sage nur: Valentinstag), aber auch er wusste, wann es genug war. Eigentlich habe ich die ganze Zeit vermutet (erst befürchtet, dann gehofft), er würde mit einer ganz bestimmten Freundin von Rose zusammenkommen.
Richtig genial fand ich aber vor allem Rose's Großmutter Maggie, die die typisch bissige ältere Frau ist, die trotzdem unglaublich viel Liebe und Wärme in sich trägt. Auch wenn sie keinen besonders großen Part in der Geschichte hatte, habe ich sie schnell lieb gewonnen, und musste aufgrund ihres Sarkasmus und ihrer lapidaren und/oder direkten Antworten öfter auflachen.
Donna Freitas Erzählstil erinnert mich hauptsächlich an die 'alten' Romane von Sarah Dessen, zumindest was den Tiefgang der Charaktere und ihrer Probleme betrifft und auch die Struktur ähnelt der ihrigen. Allerdings hab ich Dessens Fähigkeit, handlungsirrelevante, aber dennoch unglaublich liebevolle und herzerwärmende Szenen und Dialoge einzustreuen, vermisst, die die Passagen zwischen wichtigen Ereignissen füllen und so die Geschichte verdichten und Figuren plastischer werden lassen. Es gibt zwar auch diese kleinen Momente, die zwar keinen Effekt auf den Fortlauf des Geschehens haben, aber im Gedächtnis bleiben, nur wurde nur sehr spärlich Gebrauch von ihnen gemacht. Zudem hatte ich das Gefühl, die Handlung würde zunehmend im Sande verlaufen. Nach einem wirklich mitreißenden Start war dann ein wenig die Luft raus, primär, weil die dramatischen Elemente fehlten. Nichtsdestoweniger gefiel mir der Verlauf an sich, insbesondere das Konzept mit den Survival Kits, die Rose's Mutter immer gemacht hat. Ich denke, jeder von uns könnte so etwas gebrauchen: eine Tüte voller Dinge, die einen motivieren oder zum lächeln bringen, die einem wichtig sind. Umso mehr hat es mich enttäuscht, dass das Kit, das sie für Rose gemacht hat, manchmal so stark in den Hintergrund getreten ist (wenn man von dem iPod mal absieht).

Fazit

Mir gefielen grundsätzlich die Charaktere, der Plot und der 'Aufhänger' mit den Survival Kits und der Playlist. Meine anfängliche Euphorie konnte ich dann aber doch nicht ganz aufrecht erhalten, da mir einfach die gewissen Spannungsmomente gefehlt haben und besonders Will mich an den Rande eines (leichten) Nervenzusammenbruchs gebracht hat. 


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