Sonntag, 28. August 2016

REZENSION: "Elias & Laia - Die Herrschaft der Masken" (Sabaa Tahir)

Copyright One

Titel: Elias & Laia - Die Herrschaft der Masken
Autor: Sabaa Tahir
Genre: Roman / Jugendroman / Fantasy
Verlag: One
Erscheinungsjahr: 2015
Format: Hardcover mit Schutzumschlag (16,99 €)
Seiten: 509
ISBN: 978-3-8466-0009-2



Inhalt 

In nur einer einzigen Nacht verliert Laia alle Menschen, die noch von ihrer Familie übrig geblieben sind. Schon vor Jahren wurden ihre Eltern ermordet und nun wird ihr Bruder von den Soldaten des Imperators verschleppt. In ihrer Verzweiflung wendet sie sich an die Kämpfer des Widerstandes. Ihr Anführer Mazen willigt ein, ihn zu befreien - unter der Bedingung, dass sich Laia als Spionin ins Imperium einschleußt. Getarnt als neue Magd für die Kommndantin sucht sie in der Stadt nach Hinweisen über den Aufenthaltsort ihres Bruders - und wird dabei von der Kommandantin an ihre körperlichen und seelischen Grenzen gebracht. Elias kennt deren Tyrannei zur Genüge - als Maske untersteht er nicht nur ihrem Befehl, sondern er ist auch noch ihr unehelicher, von ihr verachteter Sohn. Umgekehrt steht sie für alles, was er am Imperium hasst. Schon seit Monaten bereitet er seine Flucht aus der Stadt vor, doch als er zu einem der vier Anwärter auf den Posten des neuen Imperators ausgerufen wird, werden seine Pläne zunichte gemacht. Und dann ist da noch Laia, zu der er sich auf eigenartige Weise hingezogen fühlt. Wie kann er sie beschützen, wenn nur der kleinste Fehltritt ihren Tod bedeuten könnte? 

Cover

Das Cover hat ebenso wie die geschichte, etwas Magisches und Fesselndes - einfach, weil es nicht zu viel und nicht zu wenig zeigt und einen direkt an den Schauplatz à la Die Märchen aus Tausendundeiner Nacht transportiert.

Meine Meinung

Ich schätze, ich habe mich so eben neu verliebt: in Sabaa Tahir als Autorin, in die Welt, die sie geschaffen hat, in das verworrene Netz der miteinander verwobenen Handlungsstränge und in die unterschiedlichen, starken Persönlichkeiten, die man kennenlernt. Fast schon wie eine Besessene habe ich das Buch verschlungen - ich denke, das spricht für sich.
Man kann es sich wohl vom Titel her denken: die Perspektiven, aus denen erzählt wird, wechseln zwischen Laia und Elias. Ins Rollen kommt die Ereigniskette dadurch, dass Laias Bruder von einer "Maske" (die Soldaten des Imperators, die - oh Wunder - Masken tragen) entführt wird und sie beschließt, ihr einzig verbliebenes Familienmitglied zurückzuholen. Daher wendet sie sich an die Widerstandskämpfer, die einst von ihren Eltern geführt wurden (was es damit auf sich hat bleibt im ersten Teil noch ein Rätsel, das es zu lösen gilt). Anfangs schwirrte mir ganz schön der Kopf, weil ich all die neuen Informationen verarbeiten musste. Aber nachdem ich mir langsam einen Weg durch den Informationsdschungel gebahnt hatte, hatte ich keine weiteren Probleme mehr. Interessant fand ich, dass der Widerstand an sich scheinbar in zwei Lager gespalten ist: die Jungspunde unter Mazen und die 'Veteranen' unter Sana. Meine Sympathien liegen definitiv bei Sana, den Mazen - da wird mir wohl jeder zustimmen - ist ein schmieriges Ekel. Er bietet Laia zwar an, ihren Bruder zu retten, aber schickt sie dafür in die Höhle des Löwen (a.k.a. Elias' Mutter, siehe unten) zum Spionieren. Hat der Mann denn gar keinen Funken Mitleid? Okay, vielleicht würde ich einer Wildfremden auch nicht helfen, aber Laia ist ihm eben nicht fremd. Er kannte ihre Eltern, hat besonders ihre Mutter bewundert, und trotzdem ist er nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Solche Menschen machen mich wahnsinnig. Dass Laia trotzdem zugestimmt hat, fand ich schon ziemlich dumm, aber es ist die Tat einer Verzweifelten. Für meine Familie würde ich auch einiges riskieren. Daher machte sie einen sehr entschlossenen und mutigen Eindruck auf mich - auch wenn sie selbst das eigentlich nie so sieht.
Elias gehört wiederum zur feindlichen Gruppierung: er ist selbst eine Maske. Allerdings ist seine Maske noch nicht festgewachsen, was im Grunde seine innere Rebellion gegen die gesamte Philosophie des Imperiums bzw. der Masken wiederspiegelt. Er zeigt sich erstaunlich sensibel und hilfsbereit und verfügt über einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Ein Soldat, der zum Töten ausgebildet wird und sich dafür hasst? Definitiv ein tragischer Held vom Feinsten! Auch wenn das etwas fies klingt, aber: mir persönlich geht da das Herz auf. Ich hab mich ihm so verbunden gefühlt und mit ihm mitgelitten, wie er in den Prüfungen mit sich selbst, aber auch gegen andere gekämpft hat. Ich konnte seine Frustration und seine Wut einfach sehr gut nachvollziehen. 
Man mag es sich sicherlich schon gedacht haben: die zwei Hauptfiguren aus den oppositionellen Fraktionen fühlen sich zueinander hingezogen (alles im Dienste der Dramatik). Ich schreibe bewusst 'hingezogen' und nicht 'verlieben', weil Letzteres einfach nicht zutreffend ist. Die Anziehung zwischen den beiden ist in erster Linie körperlich, was aber auch nicht heißen soll, dass sie bloße Opfer ihrer Hormone wären. Sie sind auch ohne Frage geistig miteinander verbunden, teilen dieselben Ansichten, haben dieselben Ziele, unterstützen sich gegenseitig im Kampf gegen ihre Selbstzweifel - kurz: sie passen aufeinander auf und geben sich Geborgenheit. Ihre Herzen jedoch (verzeiht diese platte Metapher) schlagen jedoch für andere Personen (auch wenn sich Elias dessen weniger sicher ist als Laia). Und ich muss ehrlich gestehen, dass ich mir zum jetzigen Zeitpunkt wünsche, dass Laia mit dieser anderen Person zusammenkommt. Das kann sich später durchaus ändern (wer weiß, wie sich die Charaktere noch entwickeln werden), aber was Laia mit diesem anderen Menschen hat, ziehe ich ausnahmsweise dem Knistern zwischen ihr und Elias vor.
Abgesehen von der engen Bindung des Lesers an Elias und Laia durch den Perspektivenwechsel, hat er auch den Vorteil, dass alle anderen Charaktere undurchsichtig bleiben. Dadurch ist jeder verdächtig, denn jeder könnte ein potentieller Verräter sein - oder das genaue Gegenteil tritt ein und eine Person, der man vorher misstraut hat, scheint doch gute Absichten zu haben. Diese Ungewissheit macht das Geschehen so fesselnd. Man fragt sich die ganze Zeit, ob man die Personen richtig einschätzt und die Zeichen richtig deutet. Bisher sieht es zum Beispiel eindeutig so aus, dass die Kommandantin (also Elias' Mutter) eindeutig zu den Bösen gehört. Selten habe ich eine dermaßen grausame literarische Figur erlebt (Psychopathen in Krimis und Thrillern ausgeschlossen): nicht nur ist sie kühl und barsch und begegnet ihrem Sohn mit Geringschätzung (wenn überhaupt), sondern sie ist auch unglaublich brutal und grausam ihren Angestellten gegnüber. Sie ist vollkommen unbarmherzig und genießt es sogar, ihnen Schmerzen zuzufügen - da sind Auspeitschen und Augenausstechen noch die harmlosesten Aktionen ihrerseits. Mir ist beim Lesen öfter die Luft weggeblieben, so schockiert war ich. Ein wahrer Albtraum von einer Frau! Und dennoch sagt ein zartes Stimmchen in mir, dass sie mich früher oder später positiv überraschen wird. Haltet mich für verrückt, aber ich hab da so ein Gefühl... Zwar kann das ihr Verhalten niemals wieder gutmachen, aber ich hoffe dennoch, dass ich damit richtig liege. Ich bin gespannt, denn möglich scheint bei Sabaa Tahir alles zu sein. Treue und Verrat sind zwei Extreme, die nahe beieinander liegen können. Ebenso Feigheit und Mut.
Wie oben schon angedeutet, geht es viel um moralische und ethische Werte. Dadurch wird man dazu animiert, zu überdenken, wo die Grenzen zwischen Richtig und Falsch, zwischen Gut und Böse gezogen werden. Ist man ein schlechter Mensch, wenn man die falschen Dinge aus den richtigen Gründen tut? Ist es gerechtfertigt, Menschen zu opfern, um das Wohl für eine größere Gemeinschaft zu erreichen? Ist Mord gleich Mord? Vor allem Marcus, Mazen und Elias fordern solche Überlegungen heraus, jeder auf eine andere Art und Weise. Gerade, wenn man eine Figur in eine Schublade gesteckt hat, tut oder sagt sie etwas, wodurch man ins Zweifeln gerät.
Und das Beste habe ich euch noch gar nicht verraten: ich habe absolut überhaupt keine Ahnung, wie sich die Handlung in den nächsten Bänden entwickeln wird. Und das finde ich einfach genial! Zwar mag ich es hin und wieder, wenn der Verlauf und das Ende vorhersehbar sind, weil man da genau weiß, was man bekommt, und nicht enttäuscht wird. Aber bei spannungsgeladenen Fantasygeschichten finde ich das immer kontraproduktiv. Für mich gilt: je unberechenbarer, desto besser. Und Sabaa Tahir stehen hier fast alle Türen offen.

Fazit

Um meinen Eindruck von Elias & Laia in einigen Adjektiven zusammenzufassen: es ist mitreißend, heftig, überwältigend, verworren, rätselhaft, mystisch - kurz: genau nach meinem Geschmack.



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