Donnerstag, 18. August 2016

REZENSION: "Die Vegetarierin" (Han Kang)

Copyright Aufbau Verlag



Titel: Die Vegetarierin
Autor: Han Kang
Genre: Roman
Verlag: Aufbau Verlag
Erscheinungsjahr: 2016
Format: Hardcover (18,95 €)
Seiten: 190
ISBN: 978-3351036539




Inhalt:

Yong-Hye ist eine ganz normale, durchschnittliche Frau. Nichts an ihr ist besonders - wie ihr Mann Chong findet und genau das schätzt er an ihr. Doch alles ändert sich, als Yong-Hye eines Tages aus heiterem Himmel beschließt, sämtliche tierische Produkte aus ihrem Leben zu verbannen und sich fortan nur noch vegan zu ernähren. Damit stößt sie in ihrem Umfeld auf Ablehnung und Unverständnis und greift zu drastischen Mitteln, um ihren neuen Lebensstil durchzusetzen. Denn Yong-Hye will sich nicht nur vegan ernähren, sie träumt von einem Leben als Pflanze. 

So gefällt mir das Cover:

Das Cover wirkt durch die auffälligen Blüten und die versteckten menschlichen Körperteile (Zunge, Finger, Auge), das Steak und die Essstäbchen ein wenig obskur und ebenso surreal wie schließlich die Geschichte. Es ist besonders - wie Han Kangs Roman eben auch.

Meine Meinung:

Die Vegetarierin von Han Kang hat bereits vor der Veröffentlichung in Deutschland große Wellen geschlagen und ich als Vegetarierin kam natürlich an diesem Roman nicht vorbei. Ich hatte auch noch das große Glück, bei einer Leserunde vom Aufbau Verlag auf Lovelybooks.de mitmachen zu können, in deren Rahmen intensiv über Kangs provokantes Werk diskutiert wurde.

Auf den ersten Blick mag die Geschichte recht unspektakulär und nicht sehr ungewöhnlich klingen: Eine Frau führt ein ganz normales, wenig aufregendes Leben mit ihrem Ehemann - bis sie sich dazu entscheidet, sich fortan ausschließlich vegetarisch zu ernähren. (Kurze Anmerkung: Der Begriff "Vegetarier" steht hier für den absoluten Verzicht auf tierische Produkte - also das, was bei uns mit "Veganer" bezeichnet wird. Das muss man vorab wissen.) Ich hatte zwar schon erwartet, dass es in Südkorea sicherlich nicht so leicht ist, sich rein vegetarisch bzw. vegan zu ernähren, wie bei uns, aber Kangs Erzählung hat mich dann doch absolut überrascht und geschockt.

In einem klaren, schonungslosen Stil, der die Geschichte sehr authentisch und umso obskurer wirken lässt, schildert Kang ein verstörendes Szenario, das mit Yong-Hyes Entschluss, auf tierische Produkte zu verzichten, ihren Anfang nimmt. Ihr Vegetarismus versteht sich als Akt der Rebellion, eine Auflehnung gegen die vorherrschenden Normen und Regeln. Indem Yong-Hye dem Fleisch entsagt, bricht sie aus dem ihr aufgezwungenen Leben als brave, gehorsame Tochter und fleißige Hausfrau aus. Sehr zum Unmut ihrer Familie - insbesondere einige Szenen mit ihrem Vater und ihrem Ehemann, der doch eigentlich nur eine durchschnittliche, fügsame Frau haben möchte, sind richtiggehend bizarr, brutal und verstörend. Es wird blutig, es wird psychologisch und es kommt wirklich alles (alles!) anders, als man denkt.

Kangs Roman gliedert sich in drei Teile, die alle aus einer anderen Perspektive erzählt werden. Zu Wort kommen Yong-Hyes Ehemann, ihr Schwager und ihre ältere Schwester. Der Perspektivwechsel kam für mich zunächst sehr überraschend und war irritierend, man gewöhnt sich jedoch schnell daran und er entpuppt sich als interessantes stilistisches Mittel. Als Leser erfährt man so, wie verschieden Yong-Hyes neuer radikaler Lebensstil von ihrer Familie wahrgenommen und interpretiert wird. Dabei muss man sich aber zwangsläufig auf die Mutmaßungen und Wahrnehmungen dieser Personen verlassen und kommt Yong-Hyes wahrer Beweggründe nicht wirklich auf die Spur. Ich hätte sie gern besser nachvollziehen können (vor allem gegen Ende, als Yong-Hyes Verhalten krasser und krasser wird), obwohl mir klar ist, dass das wohl nicht die Hauptintention des Romans ist.

Vielmehr geht es darum zu zeigen, wie anders etwas, das bei uns in Deutschland mittlerweile zum Alltag gehört, in Ländern wie Südkorea wahrgenommen wird. Wie mit dem Drang zur Individualität und selbstbestimmten Lebensweise teilweise umgegangen wird. Kangs Offenbarungen sind radikal und provokant und stellenweise wünscht man sich als Leser, wegsehen zu können. Gleichzeitig ist die Handlung aber dermaßen packend, dass man das gar nicht kann. Vor allem im Mittelteil gibt es bizarre und skurrile Szenarien, die einen schlichtweg sprachlos machen. Wie ihr merkt, fällt es mir ein wenig schwer, das Gelesene in Worte zu fassen und ich will euch auch gar nicht zu viel verraten, denn Kangs Roman lebt zum Teil auch von der kryptischen Darstellungsweise.

Lediglich der dritte Teil hat mich letztlich ein wenig enttäuscht. Obwohl er einige der schockierendsten und psychologisch gesehen grausamsten Szenen enthält, war er mir insgesamt zu kryptisch und offen. Yong-Hyes Verhalten gibt einem nach wie vor Rätsel auf und die zahlreichen eingebauten Rückblicke bringen weniger Licht ins Dunkel, als dass sie die Auswirkungen ihres Verhaltens auf das Leben ihrer Schwester In-Hye demonstrieren. Es gibt zwar Andeutungen in Form von blutigen Träumen (auch diese sind nichts für schwache Nerven), die nahelegen, dass Yong-Hyes Vegetarismus aus grauenhaften Erlebnissen in ihrer Kindheit resultiert, aber ich hätte gerne trotzdem in ihren Kopf geschaut. Und stehe mit diesem Wunsch wiederum auf der Seite ihrer Verwandten, die nur geschockt zuschauen können. Man ist bei diesem außergewöhnlichen Werk definitiv Zuschauer in der ersten Reihe.

Mein Fazit:

Die Vegetarierin von Han Kang ist ein radikaler, ein provokanter Roman mit teilweise skurrilen und abstrusen und teilweise schlichtweg grausamen Szenen, die erschüttern und schocken. Man kann einfach nicht wegschauen oder aufhören zu lesen und das macht die Geschichte umso beeindruckender. Auf den sensationellen Anfang und den verstörenden Mittelteil folgt allerdings ein etwas schwächerer Mittelteil, der mich dann nicht mehr ganz so mitreißen konnte. Dennoch: Dieses Buch muss man unbedingt gelesen haben!



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