Donnerstag, 21. Juli 2016

REZENSION: "Das Atelier der Wunder" (Valérie Tong Cuong)

Copyright Thiele Verlag


Titel: Das Atelier der Wunder
Autor: Valérie Tong Cuong
Genre: Roman
Verlag: Thiele Verlag
Erscheinungsjahr: 2014
Format: Gebundene Ausgabe   (16,00 €)
Seiten: 240
ISBN: 978-3-85179-255-3




Inhalt

Das Atelier der Wunder ist ein Auffanglager für gebrochene Existenzen, für Menschen, die unglücklich sind, die nicht weiterwissen im Leben, die einen Neuanfang brauchen. In seiner Institution gibt Jean Heart eben solchen Menschen ein zu Hause, greift ihnen unter die Arme und bietet ihnen ein offenes Ohr und eine Schulter zum Anlehnen. So landen der Alkoholiker und Ex-Soldat Monsieur Mike, die überforderte Lehrerin Meriette und Millie, die nach einem Unfall vermeintlich ihr Gedächtnis verloren hat. Allen Dreien zeigt Jean einen Ausweg, doch ganz ohne Haken ist seine Unterstützung nicht.

Cover

Wieder einmal bin ich mit mir selbst uneins, ob ich das Cover mag oder nicht. An sich finde ich es schön gestaltet und auch ansprechend, leicht melancholisch und verspielt, andererseits sehe ich keinen Bezug zum Inhalt des Romans. Das Cover der Neuauflage ist da möglicherweise besser geeignet. Zu einem französischen Setting passt es aber wiederum. 

Meine Meinung

Solche Romane leben hauptsächlich von Personen, die im Grunde sind wie Du und Ich, aber trotzdem eine oder mehrere Eigenarten haben oder in skurrile Situationen geraten. Genau solche begegnen einem in Das Atelier der Wunder
Millie ist das Paradebeispiel des Typs "Graue Maus": introvertiert, unauffällig und schnell verunsichert. Enstprechend unzufrieden ist sie auch mit sich, sieht jedoch keine Chance, ihre Position zu verändern. Für sie ist es eine glückliche Fügung des Schicksals, dass man, nachdem sie als Opfer eines Hausbrandes im Krankenhaus gelandet ist, glaubt, sie habe ihr Gedächtnis verloren. Ich kann verstehen, dass es für sie die ultimative Lösung für all ihre Probleme ist, weil sie dadurch eine neue Identität annehmen kann. Ich persönlich habe es aber von Anfang an so gesehen, dass sie nur vor ihren Problemen davongerannt ist. Mal ehrlich: ihr muss von vornherein klar gewesen sein, dass sie dieses Lüge nicht aufrecht erhalten kann, oder? Ich sehe ein, dass sie verzweifelt ist, so ganz einverstanden war ich mit er Aktion nicht. Abgesehen davon mochte ich sie aber durchaus gerne. Sie ist eine intelligente, einfühlsame Person, weshalb man ihr nicht wirklich böse sein kann. Außerdem hat sie Humor, was sie in ihren Dialogen mit Monsieur Mike öfter gezeigt hat.
Dieser wiederum hat mir anfangs nicht wirklich zugesagt. Abgesehen davon, dass ich es albern finde, dass dieses "Monsieur" unauflöslich mit seinem Namen verknüpft zu sein schien, mochte ich ihn als verwahrlosten Alkoholiker nicht, als der er in die Geschichte eingeführt wurde. Ich war mir auch zunächst nicht sicher, ob er fantasiert, als er von einem Gnom berichtete (scheint aber nur ein Spitzname für einen kleinwüchsigen Menschen gewesen zu sein). Meine Abneigung habe ich dann aber sehr schnell hinter mir gelassen und mit jeder Szene ist er mir mehr ans Herz gewachsen. Im Grunde ist er ein lieber, hilfsbereiter Kerl. Vielleicht trifft er nicht immer die richtigen Entscheidungen, aber das ist ja nur menschlich. Besonders gerne habe ich natürlich gesehen, dass er sich ein wenig in Millie verknallt hat und ich wollte unbedingt, dass das zwischen den beiden was wird. 
Auch Meriette empfand ich zunächst als anstrengend. Ihre Anspannung konnte ich bei ihrem Job vollkommen verstehen, aber ich kann es wirklich nicht leiden, wenn sich jemand unterbuttern lässt - besonders nicht vom eigenen Ehemann. Da schrillen bei mir immer sämtliche Alarmglocken. Ich habe eigentlich die ganze Zeit nur darauf gewartet, dass sie explodiert und ihm endlich die Meinung geigt. Bei solchen Szenen muss ich immer süffisant grinsen (was hier auch der Fall war). Ihr Interesse an Jean Heart wiederum fand ich etwas peinlich, obwohl sie mir schon etwas leidtat. Warum genau, verrate ich an der Stelle jedoch nicht.
Das Bindeglied zwischen diesen drei sehr unterschiedlichen Charakteren ist Jean Heart. Wie ein Engel taucht er wie aus dem Nichts auf und nimmt sich der "Problemkinder" an. Sie bekommen entweder einen Job oder einen Platz als Patient in seiner Einrichtung, was eine eigene Wohnung automatisch beinhaltet, er kümmert sich um sie, hört ihnen aufmerksam zu, vermittelt ihnen (d.h. Millie) einen Job ohne eine finanzielle Gegenleistung zu fordern - kurz: er ist der gute Samariter. Da fragt man sich natürlich, warum er das tut und wie er das bewerkstelligt. Denn zunächst klingt das einfach alles sehr rosig: die drei Hauptfiguren bekommen durch ihn einen Ausweg aus ihrem Schlamassel und können wieder neuen Mut und Kraft tanken. Man merkt jedoch schon bald, dass im Atelier der Wunder nicht alles so wunderbar ist, wie es den Anschein hat, und so platzen allmählich die Seifenblasen der Protagonisten. Natürlich war eine Katastrophe bzw. ein Wendepunkt vorhersehbar, denn worauf sonst sollte eine so paradiesisch anlaufende Geschichte sonst hinaus laufen? Was sich Valérie Tong Cuon dann aber überlegt hat, lag jenseits meiner Erwartungen. Nicht in dem Sinne, dass es so schockierend gewesen wäre, sondern eher dahingehend, dass ich diese Entwicklung niemals in Betracht gezogen hätte. Daher war ich angenehm vom Fortlauf der Handlung überrascht.
Mein Problem mit Tong Cuong ist an der Stelle, dass ich beim Lesen Lust auf mehr von ihr habe, ihre Geschichten jedoch recht kompakt sind und sie auch nicht mehr als zwei Romane in Deutschland veröffentlicht hat. Sie schreibt einfach so fantastisch, so anschaulich, dass man sofort in die Geschichte(n) hineingezogen wird. Man hat schon nach wenigen Zeilen das Gefühl, als würde man die Personen schon ewig kennen. Durch die Reflexionen über ihr jeweiliges Leben konnte ich Nähe zu ihnen aufbauen und Verständnis für ihre Handlungen aufbringen. Genau darauf kommt es beim Geschichtenerzählen meiner Meinung nach an.
An sich war ich mit dem Ausgang der Story auch vollkommen zufrieden - mit einer einzigen Ausnahme. Mir ist klar, dass ein allzu paradiesisches Ende einfach unglaubwürdig gewesen wäre, aber das ausgerechnet dieses Ereignis eintreten musste, hat mich dann doch etwas heruntergezogen.

Fazit

Auch der zweite Roman, den ich von Valérie Tong Cuong gelesen habe, hat mich von ihrem schriftstellerischen Können überzeugt. Sie kreiert mit wenigen Worten eine gewisse Atmosphäre, sodass man sich von der realen Welt losgelöst fühlt, und gibt einem das Gefühl, die Charaktere zu kennen. Entsprechend zügig habe ich den Roman auch gelesen und war etwas enttäuscht, als ich auf der letzten Seite angekommen war.



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