Montag, 20. Juni 2016

REZENSION: "Was ich euch nicht erzählte" (Celeste Ng)

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Titel: Was ich euch nicht erzählte
Autor: Celeste Ng
Genre: Roman / Psychothriller
Verlag: dtv
Erscheinungsjahr: 2016
Format: Hardcover (19,90 €)
Seiten: 288
ISBN: 978-3423280754





Inhalt:

Am 3. Mai 1977 verschwindet die 16-jährige Lydia Lee aus Ohio spurlos. Während ihr Bruder Nath die Schuld bei dem Nachbarsjungen Jack sucht, der sie mutmaßlich zuletzt gesehen hat, fragen sich ihre Eltern, ob Lydia sich vielleicht etwas angetan haben könnte. Lydia war stets der Mittelpunkt der Familie und das Lieblingskind von James, Sohn von chinesischen Einwanderern, und Marilyn, die zeit ihres Lebens gegen ihre aufgezwungene Rolle als brave Hausfrau anzukämpfen versuchte. Noch ahnt niemand etwas von den schwelenden Konflikten und all den unausgesprochenen Wünschen innerhalb der Familie. 

So gefällt mir das Cover:

Das Cover ist nicht unbedingt ein echter Hingucker oder Eyecatcher, wirkt in seiner Unauffälligkeit aber auch irgendwie ein bisschen bedrohlich und verstörend und passt so hervorragend zur Geschichte. 

Meine Meinung:

Eines vorweg: Celeste Ngs Debüt ist harter Tobak und beschäftigt einen noch weit über die letzte Seite hinaus. Ich musste das Gelesene jedenfalls erst einmal sacken lassen, bevor ich mich an die Rezension machen konnte, und wusste zunächst gar nicht, wie ich den Roman einordnen soll. Ein Thriller ist es im eigentlichen Sinne nicht, eher eine Art Psychostudie, ein schonungslos ehrlicher Blick hinter die Fassade einer perfekten Kleinstadtfamilie. Und dabei so verstörend wie authentisch.

Der erste Satz von Was ich euch nicht erzählte lautet "Lydia ist tot." (S. 7). Und genau dieser reduzierte, erbarmungslose, klare und oftmals eher objektive Schreibstil zieht sich durch den gesamten Roman. Nun trifft diese Art des Erzählens ja eigentlich nicht wirklich meinen Geschmack, Celeste Ngs Roman ist allerdings eines der wenigen Bücher, bei denen sie mich überhaupt nicht stört. Ganz im Gegenteil. Ng liefert auf diese Weise nämlich ein allumfassendes Porträt der Familie Lee, ermöglicht gewissermaßen eine Draufsicht auf das Geschehene und überlässt es dem Leser selbst, sich eine Meinung zu bilden. Man schlüpft in die Rolle des außenstehenden Beobachters und das ist bei dieser Geschichte auch wirklich gut so, denn nur so setzen sich die vielen kleinen Puzzleteile am Ende zu einem schockierenden Ganzen zusammen.

Der Erzähler in Was ich euch nicht erzählte ist außerdem ein allwissender und so hat man auch als Leser eine Innensicht in alle Charaktere, kann ihr Handeln und Denken nachvollziehen. So offenbart sich das gesamte Ausmaß der Tragödie, denn die beginnt nicht - wie man vielleicht denken könnte - mit Lydias Verschwinden, sondern bereits in der Vergangenheit der Eltern. All die unausgesprochenen Wünsche, die Kommunikationsprobleme und der gesellschaftliche Druck innerhalb der Familie Lee gipfeln schließlich in einer Katastrophe, die man als Leser mit Rundumblick kommen sieht, die sich aber für die Familie selbst überhaupt nicht andeutet. Erst, wenn man alle Informationen kennt, erscheinen einem als Leser die Konsequenzen unausweichlich und absolut logisch.

Insgesamt dreht sich in Celeste Ngs Roman alles um das "Warum?" und die Antworten auf diese Frage sind am Ende ebenso verstörend und schockierend wie einleuchtend. Vor allem die Eltern, James und Marilyn, haben beide jeweils ein großes Päckchen zu tragen und projizieren ihre Träume und Wunschvorstellungen auf ihre Kinder - vor allem aber auf Lydia. Während James als Sohn chinesischer Einwanderer noch immer unter den rassistischen Anfeindungen seiner Kindheit und Jugend und den Vorurteilen der Erwachsenen leidet und sich für seine Kinder nichts sehnlicher wünscht, als dass sie akzeptiert und integriert werden, hat Marilyn irgendwann ihren großen Traum, Ärztin zu werden, aufgegeben und fristet ihr Dasein stattdessen als die brave Hausfrau, die die Gesellschaft in ihr sieht. Unter der Oberfläche brodelt eine Menge und es ist nicht verwunderlich, dass die Kinder, allen voran Nath und Lydia, irgendwann bei dem Versuch scheitern, den Anforderungen ihrer Eltern gerecht zu werden.

Celeste Ng lässt absolut nichts aus und so ist ihr Debütroman die verstörende psychologische Studie einer nach außen hin perfekten Familie, hinter deren Fassade derartig viel brodelt, dass es schon fast beängstigend wirkt. Aber (und das ist das Geniale an der Geschichte) zu keinem Zeitpunkt übertrieben oder weit hergeholt, sondern vielmehr echt, pur und durch und durch authentisch. Das Hauptthema des Romans ist dabei das Zusammenspiel der verschiedenen Familienmitglieder und ihrer Schwächen und Fehler. Der Roman zeigt, wie gefährlich und fatal es ist, wenn Eltern ihre Wünsche und Vorstellungen auf ihre Kinder projizieren und ihnen (aus den richtigen Gründen vielleicht) keinen Raum geben, um sich selbst zu entfalten. So will James Lee aufgrund seiner Erlebnisse mit aller Macht verhindern, dass auch seine Kinder vorverurteilt und gemobbt werden und erreicht damit genau das Gegenteil, während seine Frau Marilyn Lydia fördert und fördert, bis diese völlig erschöpft und ausgelaugt ist. Die Eltern sind aber, so zeigt es diese Geschichte, deswegen keine schlechten Menschen. Vielmehr verwandelt sich eine gute Absicht in fatalen Fanatismus, der nicht nur Lydia, sondern auch ihren nie zur Kenntnis genommenen älteren Bruder Nath und die kleine Hannah, um die sich gleich gar keiner kümmert, auf der Strecke bleiben lässt.

Ein spannendes Psychogramm, in dem es nicht vordergründig darum geht, zu enthüllen, was schlussendlich passiert ist, sondern warum es passiert ist. Was innerhalb der Familie schief gelaufen ist, dass es zu einer Tragödie solchen Ausmaßes kommen konnte. Mich hat hier vieles schockiert, entsetzt und teilweise sogar verstört und doch zieht das Buch einen in einen Sog, aus dem man einfach nicht entkommen kann. Eben weil es so absolut authentisch und ungeschönt aus dem Leben einer eigentlich "normalen" Familie erzählt - eine Familie, wie sie unsere sein könnte. Wer einen rasanten Thriller erwartet, wird vielleicht enttäuscht, aber spannend, fesselnd und tiefgründig ist Celeste Ngs unglaubliches Debüt von der ersten bis zur letzten Seite.

Mein Fazit:

Ich sage das nicht besonders oft, aber: Lest dieses Buch! Unbedingt! Celeste Ngs Debütroman ist so vieles: Authentisch, verstörend, fesselnd, spannend, berührend, bewegend, einfach atemberaubend erzählt. Ein erschreckend ehrliches Psychogramm einer scheinbar perfekten Familie, das enthüllt, welche Konflikte hinter der glücklichen Fassade schwelen und zu welch einer unfassbaren Tragödie sie führen können, wenn sie unausgesprochen bleiben. Die Themen reichen von Rassismus über Emanzipation bis hin zu Neid unter Geschwistern und am Ende lautet die Botschaft: Redet miteinander! Redet miteinander, damit es erst gar nicht zu einer solchen Katastrophe kommt, wie sie die Lees erlebt haben.


2 Kommentare:

Martina hat gesagt…

Und schwupps...wieder ein neues Buch auf meiner Wunschliste! Ich tänzle schon die ganze Zeit darum herum und war mir nicht sicher, ob es nun gut ist oder nicht...aber dein Geschmack ähnelt meinen sehr, deshalb denke ich, kann ich beruhigt zugreifen!
Liebe Grüße
Martina
http://martinasbuchwelten.blogspot.co.at/

Svenja Prautsch hat gesagt…

Huhu Martina :)

Stimmt, wir haben ja wirklich einen ähnlichen Geschmack. Dieses Buch ist aber ziemlich außergewöhnlich - mich hat es jedenfalls komplett umgehauen und ich bin gespannt, wie du es dann findest. ;)

Liebe Grüße
Svenja

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