Mittwoch, 29. Juni 2016

REZENSION: "Das zweite Leben des Travis Coates" (John Corey Whaley)

Copyright Hanser Literaturverlage

Titel: Das zweite Leben des Travis Coates
Autor: John Corey Whaley
Genre: Roman / Jugendroman
Verlag: Hanser Literaturverlage
Erscheinungsjahr: 2015
Format: Broschiert (15,90€)
Seiten: 304 
ISBN: 978-3-446-24862-5





Inhalt

Travis' einzige Chance, nicht dem Krebs zu erliegen, ist die Abtrennung seines Kopfes von seinem Körper. Solange er auf einen passenden Spendekörper wartet, wird sein Kopf eingefroren. Fünf Jahre nach dem Eingriff wacht er wieder auf. Mit neuem Körper, neuem Elan, neuer Gesundheit. Doch fünf Jahre sind eine lange Zeit, in denen sich viel verändern kann. Travis muss heftig schlucken, als er feststellen muss, dass sein bester Freund Kyle nach wie vor sein Geheimnis mit sich herumträgt, und noch heftiger, als er erfährt, dass seine Ex-Freundin Kate nun verlobt ist. Nun setzt er alles daran, sie zurückzugewinnen.  

Cover

Das Cover finde ich einerseits genial, weil es mich daran erinnert, wie wir als Kinder immer einen Körperteil auf ein Blatt gezeichnet haben, den der andere dann ergänzen musste, ohne die vorherige Zeichnung zu kennen. Andererseits stört mich paradoxerweise, dass seine Hände und das Skateboard doppelt zu sehen sind. Das Model selbst gefällt mir allerdings sehr gut ;)

Meine Meinung 

Bei diesem Roman habe ich lange mit mir gerungen, ob ich ihn wirklich lesen will oder nicht. Der Gedanke, dass man einen Kopf von seinem Körper trennt, einfriert und schließlich auf einen anderen Körper transplantiert, hat bei mir ziemliches Unbehagen ausgelöst. Aufgrund des teilweise rasanten medizinischen Fortschritts habe ich mich allerdings für's Lesen entschieden. Einfach, um mich schonmal mental auf die Zukunft vorzubereiten. Mit medizinischen Details wird man jedoch - Gott sei Dank - weitgehend verschont. Im Vordergrund stehen eigentlich die Probleme, die mit einem solchen Eingriff einhergehen. Probleme, die mir im ersten Moment überhaupt nicht in den Sinn gekommen wären. Travis muss sich nicht nur an einen Körper gewöhnen, der nicht seiner ist, sondern auch an seine neue Umgebung. Denn während für ihn die Zeit stehen geblieben ist, lief sie ja für seine Mitmenschen weiter. Seine Eltern und seine Freunde sind nun allesamt fünf Jahre älter. Für ihn hat sich nichts geändert, denn nach seinem Empfinden war es eher so, als wäre er abends eingeschlafen und am nächsten Morgen wieder aufgewacht. Seine Mitmenschen dagegen mussten jahrelang ohne ihn auskommen. Es war, als wäre er tot, doch gleichzeitig konnten sie nicht um ihn trauern, da ein Teil von ihm weiterhin existierte. Diesen Zwiespalt Tag für Tag erleben zu müssen, stelle ich mir ungemein zermürbend und deprimierend vor. Daher war ich wirklich gerührt davon, wie viel Mühe sie sich gegeben haben, wieder dort anzuknüpfen, wo Travis sie 'verlassen' hat. Sein bester Freund Kyle ist auch nach wie vor sein bester Freund und seine Eltern wollen ihm das Heim bieten, das er kennt. Für mich waren sie die 'wahren Helden' des Romans. Die Spannungen bleiben jedoch trotz aller Bemühungen nicht aus. Das liegt vor allem daran, dass Travis teilweise nicht akzeptieren kann, dass sich in fünf Jahren manche Dinge eben doch verändert haben. Er ist mehr als verzweifelt, als er herausfindet, dass seine ehemalige Freundin Kate nicht auf ihn warten konnte und nun verlobt ist. Im ersten Moment war sie mir deswegen sehr unsympathisch. Im Verlauf der Geschichte konnte ich sie aber immer besser verstehen. Mal abgesehen von dem Altersunterschied, der nun zwischen ihnen liegt (sie ist 21, er 16, sodass eine Beziehung strafbar wäre), ist sie vor allem auch reifer geworden, während Travis noch die alterstypischen pubertären Ansichten vertritt. Entsprechend stur und manchmal kindisch verhält er sich dann auch. Natürlich sind sie noch auf einer Wellenlänge, haben Spaß und teilen gemeinsame Erinnerungen, aber sie befinden sich einfach an völlig unterschiedlichen Punkten im Leben. Ich verstehe ja, dass das schwer zu verdauen ist, dass er deswegen deprimiert ist, und ich bewundere ihn auch für seine Hartnäckigkeit, aber meistens hat es mich ziemlich aufgeregt, dass er sie nicht ziehen lassen konnte und ihr ständig hinterhergelaufen ist. Das Problem daran ist, dass der gesamte Roman fast nur darum kreist, wie er sie für sich zurückgewinnen will, sodass andere Handlungsstränge immer wieder verdrängt werden. Es gibt zwar durchaus noch andere Konflikte (seine Eltern, Kyle) zu bewältigen, aber sein Liebeskummer war meines Erachtens der Kern des Ganzen. Das fand ich einfach schade, da es das Geschehen sehr einseitig wirken lässt. Das Potential ist einfach nicht ausgeschöpft. Deshalb blieb der Roman letzlich hinter meinen Erwartungen zurück.
Da Whaley jedoch einen humorvollen Ton angeschlagen hat und auch sonst sehr angenehm schreibt, werde ich aber auch seinen nachfolgenden Werken eine Chance geben.

Fazit

Trotz eines brisanten Themas ist die Handlung relativ einfach gestrickt. Auch wenn sich für Travis Probleme ergeben haben, an die ich zuerst nicht gedacht habe, fehlte es an einer wirklich tiefgründigen Auseinandersetzung damit. Zudem war er mir manchmal zu wehleidig, sodass ich seine Mitmenschen eigentlich mehr mochte als ihn.    



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