Freitag, 10. Juni 2016

REZENSION: "Anna und der Schwalbenmann" (Gavriel Savit)

Copyright der Hörverlag
Titel: Anna und der Schwalbenmann
Autor: Gavriel Savit
Genre: Jugendroman / historischer Roman
Sprecher: Laura Maire
Erscheinungsjahr: 2016
Format: Hörbuch (16,99 €), HC, eBook
Länge: ungekürzte Lesung, 378 Minuten (272 Seiten)
ISBN: 978-3844521405

Inhalt:

Krakau, 1939: Anna ist gerade mal 7 Jahre alt, als ihr Vater, ein jüdischer Gelehrter, von den Deutschen verschleppt wird. Doch das ist Anna zunächst nicht klar, alles, was sie weiß, ist, dass sie plötzlich allein und ihr Vater verschwunden ist. Da lernt Anna den Schwalbenmann kennen, einen mysteriösen Fremden, der mit Vögeln spricht und es versteht, sich vor den Deutschen zu verstecken. Er nimmt das kleine Mädchen unter seine Fittiche, zieht sie auf und bringt ihr allerhand bei: Wie man in der Wildnis überlebt, wie man unsichtbar bleibt und dass man niemandem trauen kann. Doch was ist, wenn der Schwalbenmann selbst zur Gefahr wird?


So gefällt mir das Cover:

Das Cover finde ich bezaubernd und einfach wunderschön. Es wirkt so ruhig und still und gleichzeitig sehr melancholisch und tief traurig. Die Spuren im Schnee, der Schatten der Schwalbe und die trostlose Umgebung - all das passt perfekt zu Gavriel Savits einfühlsamer Geschichte.

Meine Meinung:

Geschichte und Erzählstil:

Die Geschichte von dem kleinen Mädchen, dessen Vater von den Deutschen verschleppt wird und das daraufhin mit ihren 7 Jahren ganz auf sich allein gestellt ist, ist von Anfang an besonders. Die kleine Anna ist ein wissbegieriges, aufgeschlossenes Kind, dass mit ihrer unkomplizierten Art sofort die Aufmerksamkeit des Schwalbenmannes erregt. Und auch dem Leser/Hörer direkt ans Herz wächst. In dieser rauen Welt, dem von den Deutschen eingenommenen Krakau, wirkt Anna gleichzeitig schutzbedürftig und kindlich, aber auch erwachsen. Zunächst schockiert sie das Verschwinden ihres Vaters, doch bald schon fügt sie sich in die Gegebenheiten ein und passt sich mit einem unerschütterlichen Instinkt an, um zu erleben. Damit ist sie ein absolut bemerkenswertes Kind. 

Es ist immer wieder tragisch, erschreckend und so unendlich traurig, wenn man liest, wie schnell kleine Kinder sich während des Krieges an Tod, Zerstörung und unermessliches Leid gewöhnen mussten, wie sie es als selbstverständlich betrachteten und wie sie das alles ganz ohne jeden Zweifel als Teil ihrer Welt akzeptierten. Bis zum Ende hat es mich absolut betroffen gemacht, wie Anna all das hinnimmt - in ihrer kindlichen Unschuld und Naivität. Es zeigt wieder einmal, auf wie vielen Ebenen der Zweite Weltkrieg einfach nur ein grausames, entsetzliches, unbegreifliches Verbrechen an der Menschheit war.

Der Schwalbenmann ist hingegen ein eher rätselhafter, mysteriöser Charakter, über den man nicht viel erfährt - vor allem seinen Namen nicht. Den hält er auch vor Anna bis zum Schluss geheim. Auch ich bin nicht wirklich schlau geworden aus dem Schwalbenmann - einerseits ist er stellenweise ein unerwartet feinfühliger Mann, der Anna den Krieg auf eine verständliche, vereinfachte Weise erklärt (so z.B. die Deutschen und die Russen als Raubtiere, die als Menschen getarnt auf Beutezug gehen). Er ist aber auch pragmatisch, ernst, clever und gewieft und gegen Ende sogar roh und unberechenbar. Bis zum Ende ist unklar, wieso der Schwalbenmann Anna unter seine Fittiche genommen hat, weshalb er dafür sorgt, dass ihr nichts passiert, wer er überhaupt ist und weshalb er Tag für Tag, Jahr für Jahr durch die polnischen Wälder wandert.

Stellenweise ist die Geschichte selbst sehr konfus und man fragt sich immer wieder, worauf das Ganze hinausläuft. Dynamisch machen die Handlung dabei unerwartete Wendungen und Kniffe, wie zum Beispiel die gemeinsame Sprache Annas und des Schwalbenmanns. Es ist eine berührende Geschichte, die auf schonungslose und schmerzhafte Weise von den Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs erzählt, und das ist auch wirklich gut gelungen. Nur bleibt die Geschichte bis zum Ende auch vage und geheimnisvoll und das Meiste bleibt ungeklärt. So bleibt man als Leser ein wenig ratlos zurück und muss sich fragen, worauf Annas Reise an der Seite des Schwalbenmannes schließlich hinauslief. Das finde ich leider etwas schade.

Sprecher:

Gelesen wird Anna und der Schwalbenmann von Laura Maire, die ich als Hörbuchsprecherin noch nicht kannte, deren Stimme aber perfekt zur kleinen Anna passt. Maires Stimme klingt auf eine sehr authentische Art und Weise unschuldig und kindlich und transportiert Annas Emotionen wie beispielsweise Wut, Angst, Ratlosigkeit und Freude sehr überzeugend und anrührend. Auch die übrigen Charaktere, nicht zuletzt den Schwalbenmann, verkörpert Maire überragend und arbeitet dabei fantastisch mit Lautstärke und Rhythmus, wodurch sie ihrer Stimme je nach Situation verschiedene Klänge verleiht. Für mich definitiv eine der besten Hörbuchproduktionen!

Mein Fazit:

Anna und der Schwalbenmann erzählt die bewegende und zutiefst erschütternde Geschichte eines kleinen Mädchens, das mit der Grausamkeit des Krieges aufwächst. Die kleine naive Anna und der mysteriöse Schwalbenmann sind ein ungewöhnliches Gespann und ebenso ungewöhnlich ist auch ihre Reise. Trotzdem war die Handlung mir an vielen Stellen zu konfus und zu undurchsichtig und ich hätte mir am Ende mehr Antworten erhofft. Dank der überragenden Interpretation von Laura Maire ist das Hörbuch alles in allem aber wirklich spannend und fesselnd.



1 Kommentare:

Martina hat gesagt…

Das Buch polarisiert ganz schön! Mir gefiel die Geschichte, aber ich fand es auch sehr schade, dass das Ende so offen bleibt.
Liebe Grüße
Martina

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