Donnerstag, 23. Juni 2016

REZENSION: "Alba & Seven - Vertraue niemals der Erinnerung" (Natasha Ngan)

Copyright Arena Verlag


Titel: Alba & Seven - Vertraue niemals der Erinnerung
Autor: Natasha Ngan
Genre: Dystopie / Jugendroman
Verlag: Arena Verlag
Erscheinungsjahr: 2016
Format: Gebundene Ausgabe (17,99€)
Seiten: 432
ISBN: 978-3-401-60138-0



Inhalt 

Aufgewachsen in einer wohlsituierten Familie im Nordbezirks London führt Alba ein Leben, von dem die meisten nur träumen. Doch was für die einen das Ideal darstellt, ist für Alba ein Albtraum. Eingesperrt in ihrem goldenen Käfig und tyrannisiert von ihrer Mutter, sehnt sie sich nach dem Tag, an dem sie ihr Elternhaus verlassen kann. Als mitten in der Nacht ein Fremder im Arbeitszimmer ihres Vaters steht, ist ihre Neugier und ihr Wunsch nach Freiheit größer als ihre Angst. Deshalb schließt sie einen Deal mit dem Jungen, der die DSCs (aufbewahrte Erinnerungen) ihres Vaters stehlen will: wenn er sie einige seiner geklauten Erinnerungen surfen lässt, wird sie ihn nicht verraten. Seven geht auf den Vorschlag ein. Noch ist den beiden nicht klar, dass manche Erinnerungen gefährlicher sind als andere und besser nicht gesehen werden sollten. Denn es gibt Menschen, die bereit sind zu morden, damit manche Geheimnisse ungelüftet bleiben.


Cover

Die Buchgestaltung gefiel mir von Anfang an: sehr schöne Kontraste, satte Farben und ein Hauch Mystik. Ich musste ein wenig an Polarlichter denken, die einfach traumhaft schön und imposant sind. 

Meine Meinung

Dass ich bzw. wir ein Faible für Dystopien haben, dürfte ja inzwischen dem ein oder anderen aufgefallen sein. Daher ist es keine Überraschung, dass Alba & Seven - Vetraue niemals der Erinnerung auf meiner Leseliste gelandet ist. Der Roman greift zum Teil das gängige Schema auf, indem der Leser in eine Zukunftswelt katapultiert wird, die sich jedoch abgesehen von der fortgeschrittenen Technik und einigen Veränderungen der politischen Grenzen und historischen Ereignisse nicht sonderlich von unserer Gegenwart unterscheidet. Auch der Gut-Böse-Konflikt ist ein fester Bestandteil dieses Genres, ebenso der Umstand, dass es den Protagonisten (hier Alba und Seven) allmählich dämmert, dass alles, was sie glaubten zu wissen, nur Lug und Trug ist. Von dieser Warte aus betrachtet also nichts Neues an der Dystopie-Front. Und doch habe ich das Lesen wirklich genossen. Das liegt zum einen an Ngans Art zu schreiben, denn sie schreibt unkompliziert, anschaulich und driftet nur selten ins Romantisch-Kitschige ab, zum anderen an ihren Hauptfiguren. Zwischen Alba und Seven hat die Chemie meiner Meinung nach gestimmt. Beim ersten Aufeinandertreffen verlieben sie sich nicht auf den ersten Blick ineinander, auch wenn sie dem jeweils anderen nicht unbedingt abgeneigt sind. Natürlich sprang mir da sofort ins Auge, dass die Autorin mit Märchen- bzw. Romeo und Julia-Elementen spielt: Alba ist das schöne Mädchen, das in ihrem (scheinbar) goldenen Käfig gefangen ist. Anders als eine Prinzessin wächst sie jedoch nicht in einem liebevollen Familienumfeld auf. Im Gegenteil springt ihre Mutter Oxana alles andere als mütterlich mit ihr um. Wie brutal sie gewesen ist, hat mich, um ehrlich zu sein, etwas geschockt und damit ist sie sofort in die Schublade der Bösen gerutscht. Damit war ich allerdings wohl etwas voreilig. Wenngleich ich nicht behaupten kann, dass sie ein Paradebeispiel für Liebe und Zuneigung ist, so hat mich Oxana dennoch gegen Ende überrascht. Auch wenn es ihr Verhalten keineswegs wett macht, so erklärt der Einblick in ihre eigene Vergangenheit zumindest ihr distanziertes, grausames Auftreten. Diesen Turn fand ich ausgesprochen gut, sodass ich mir sogar gewünscht hätte, man hätte dem mehr Platz eingeräumt.
Aber zurück zu Alba und Seven. Seven wiederum ist der nicht ganz so strahlende, aber doch recht mutige Prinz/Romeo, der Alba die Türen in eine neue Welt öffnet. Ich mochte es, wie die Begegnung beiden eine neue Perspektive auf ihre Umgebung eröffnet hat. Alba sieht in Sevens Leben die Freiheit, nach der sie sich sehnt, und Seven lernt umgekehrt, dass nicht alle reichen Familien automatisch glücklich sind und dass Geld keine heile Welt garantiert. In der Beziehung ergänzen sie sich also perfekt. Ich muss zwar bemängeln, dass beide phasenweise etwas naiv oder blauäugig waren, aber das ist angesichts ihres Alters ja auch kein Wunder. Ihre Gefühle füreinander haben mich zwar nicht vor Verzückung dahinschmelzen lassen, aber ich empfand sie als wesentlich autenthischer und tiefgründiger als bei manchen Pärchen aus Romance-Stories.
Der Aspekt der Aufbewahrung von Erinnerungen war für mich ziemlich reizvoll und relativ unverbraucht (auch wenn ich glaube, dass es schon ein ähnliches Konzept in Hüter der Erinnerung gab). Ich stelle es mir durchaus spannend vor, in die Erinnerungen von Menschen aus der Vergangenheit einzutauchen. Allerdings hadere ich ein wenig damit, dass es ein ungemeiner Eingriff in die Privatsphäre ist. Es war eine willkommene Abwechslung, dass ausnahmsweise mal nicht ein verrücktgewordenes bzw. machtbessessenes (Staats-)Oberhaupt mit einer Seuche oder einer Massenvernichtungswaffe versucht hat, sich die ganze Welt Untertan zu machen. Es geht zwar auch darum, gegenüber bestimmten Leuten zu dominieren (dementsprechend gibt es auch Rebellen), aber das versucht man mehr oder weniger auf psychischer Ebene zu erreichen, indem Erinnerungen manipuliert werden. Ich denke, das ist ein gelungener Verweis auf die Theorie(n), dass es nicht 'die eine absolute Wahrheit' gibt, sondern dass unsere gesamte Welt und unsere Auffassung von Realität konstruiert ist, also aus diversen Narrationen besteht (einige Studenten wissen wahrscheinlich, wovon ich spreche). Ich bin gespannt, wie Ngan das weiterspinnen und aufdröseln will. Zumindest hoffe ich inständig, dass es noch eine Fortsetzung gibt, denn am Ende blieben definitiv noch einige Fragen für mich  offen. 

Fazit

Alba & Seven ist meiner Meinung nach, eine der besser gelungenen Dystopien. Das Rad wird hier zwar nicht neu erfunden, aber mit einigen weniger verbrauchten Elementen aufgewertet. Zudem konnten mich die Charaktere überzeugen und einige sogar überraschen. ich würde mir hiervon auf jeden Fall eine Fortsetzung wünschen. 







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