Mittwoch, 4. Mai 2016

REZENSION: "Romeo & Romy" (Andreas Izquierdo)

Copyright Suhrkamp Insel Verlag



Titel: Romeo & Romy
Autor: Andreas Izquierdo
Genre: Roman / Liebesroman
Verlag: Suhrkamp Insel
Erscheinungsjahr: 2016
Format: Klappenbroschur (14,99 €)
Seiten: 491
ISBN: 978-3458361411




Inhalt:

Nach dem Tod ihrer Großmutter kehrt Romy in ihr kleines Heimatdorf im Erzgebirge zurück: Ohne Job, ohne Freund und ohne Perspektive. Dort ist unterdessen ein erbitterter Kampf um die letzten beiden Gräber auf dem örtlichen Friedhof entbrannt, denn die Alten aus Großzerlitsch sind des Lebens schon lange überdrüssig. Um ihnen wieder einen Lebensinhalt zu geben und sich selbst zu beweisen, beschließt Romy, ihre alte Scheune in ein elisabethanisches Theater zu verwandeln und Shakespeares "Romeo und Julia" aufzuführen - mit den Dorfbewohnern in den Hauptrollen. Eine verrückte Idee, die aber zumindest von einem Star tatkräftig unterstützt wird, dem attraktiven Ben aus der Waschmittelwerbung.


So gefällt mir das Cover:

Das Cover finde ich ganz zauberhaft, denn es wirkt leicht und romantisch und macht Lust auf eine verträumte Geschichte. Ich liebe den blauen Himmel im Hintergrund, die Pusteblumen und die Silhouetten des Liebespaares im &-Zeichen. Einfach wunderschön.

Meine Meinung:

"Romeo & Romy" war mein erstes Buch von Andreas Izquierdo und anfangs hatte ich mit seinem Schreibstil so meine Probleme. Er war mir irgendwie zu intensiv und direkt, nach einigen Seiten konnte ich mich aber damit anfreunden und fand gut in die Geschichte rein.

Gleich zu Beginn sprüht Izquierdos Geschichte nur so vor Witz, Charme und Originalität, denn schon die Ausgangssituation macht deutlich, dass es ungewöhnlich und amüsant wird. Nach ihrer Kündigung als Souffleuse und dem Tod ihrer Großmutter, bei der sie aufgewachsen ist, zieht es Romy nämlich zurück nach Großzerlitsch - ein abgeschiedenes, ursächsisches Kaff mitten im Erzgebirge, dessen einzige Kneipe "Muschebubu" heißt (was musste ich hier prusten :D) und dessen Einwohner durchgehend Rentner sind. Diese versuchen nun auf die skurrilsten Arten, sich umzubringen, denn auf dem örtlichen Friedhof sind nur noch zwei Gräber frei und schließlich will jeder der erste sein. Diese Situation hatte ich angesichts des Klappentextes nicht erwartet und war sehr überrascht. Sie hat mich immer wieder zum Schmunzeln gebracht.

Die schrulligen, verschrobenen Dorfbewohner sind jeder für sich auf eine andere Weise schräg und skurril, aber auch herrlich begeisterungsfähig und gewitzt und machen den Großteil der Originalität des Romans aus. Ich habe jeden einzelnen "Alten" beim Lesen in mein Herz geschlossen und es genossen, mitzuverfolgen, wie Romy sie aus ihrer Lethargie reißt und ihnen wieder eine Aufgabe gibt - etwas, was sie dringend gebraucht haben. Mit Romy konnte ich mich grundsätzlich sehr gut identifizieren, denn mit ihren 25 Jahren ist sie ja etwa so alt wie ich. Teilweise konnte ich ihr Handeln und ihr Denken allerdings nicht ganz so gut nachvollziehen, denn sie wirkt ab und an doch recht naiv, vor allem was ihr Bauvorhaben angeht und hat teilweise mehr Glück als Verstand. Außerdem ist sie sehr impulsiv und temperamentvoll und man hat das Gefühl, dass sie bei jeder Kleinigkeit sofort in die Luft geht und man sie mit Samthandschuhen anfassen muss. Das hat mich teilweise schon etwas genervt.

Mit der Liebesgeschichte zwischen Romy und Ben konnte ich lange Zeit so gar nichts anfangen. Am Anfang war sie mir sogar eher suspekt, denn Romy weist Ben immer wieder ab und man versteht als Leser einfach nicht, wieso. Dadurch wirkt Ben ziemlich verzweifelt und durchgeknallt und Romy wie eine kaltschnäuzige Kratzbürste. Später erfährt man dann, dass Ben ein selbstverliebter Schürzenjäger ist und mir war er bis zum Ende leider überhaupt nicht sympathisch. Generell scheint so gut wie jeder Charakter außerhalb der Dorfgemeinde Romy in die Pfanne hauen zu wollen - da kann man den Glauben an das Gute im Menschen schon mal verlieren.

Insgesamt ist der Plot aber gut durchdacht und hält jede Menge überraschende Wendungen für den Leser bereit, sodass garantiert keine Langeweile aufkommt. Die Handlung ist spannend, rasant und sehr dynamisch. Romys fixe Idee gibt den Alten im Dorf einen neuen Lebensinhalt, bringt aber auch jede Menge Schwierigkeiten mit sich - angefangen bei der fehlenden Baugenehmigung bis hin zum chronischen Geldmangel. Doch immer, wenn man denkt, jetzt müsse das Projekt endgültig scheitern, kommt wieder ein anderer mit einer zündenden Idee daher und vor allem die Dorfbewohner gehen in ihren neuen Aufgaben vollkommen auf.

Logisch - wer eine alte Scheune auf seinem eigenen Grundstück in ein elisabethanisches Theater verwandeln will, wird mit einigen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, aber das Pech von Romy und "ihren Alten" ist ja geradezu biblisch. Mir ist das hier und da ein bisschen zu viel des Guten (bzw. Schlechten) gewesen - ist ein Problem gelöst, steht schon das nächste vor der Tür und zwar gehen die Probleme dabei tatsächlich nahtlos ineinander über. Da sehnt man sich als Leser doch schon manchmal nach einer Atempause und würde sie auch der geplagten Protagonistin und den liebenswerten Dorfbewohnern durchaus gönnen. Stattdessen geht es Schlag auf Schlag und das ist stellenweise ziemlich anstrengend für den Leser.

Die extreme Anhäufung von Todesfällen und Katastrophen kostet die Geschichte dabei nicht nur ein großes Stück ihrer Glaubwürdigkeit, sondern auch ihre Leichtigkeit. Klar, in Großzerlitsch leben nur alte Menschen, aber dass sich innerhalb der Gemeinde in einem Sommer so dermaßen viele Tragödien ereignen - das ist dennoch höchst unwahrscheinlich und hat mich eher irritiert. Dafür geht das Ende aber sehr zu Herzen und hat mich dann doch wieder versöhnlicher gestimmt. Wie gesagt, die Idee und die Figuren sind toll, aber einen Ticken weniger Dramatik hätte die Geschichte durchaus vertragen können.

Mein Fazit:

Andreas Izquierdo erzählt in seinem neuesten Roman "Romeo & Romy" eine süße, amüsante Geschichte mit tollen Charakteren und (für mich als Wahl-Sachsen) einem wundervollen Setting im schönen Erzgebirge. Allerdings war mir stellenweise einfach zu viel los, der Plot zu vollgepackt und dann auch zunehmend zu übertrieben und unglaubwürdig. Sehr schade, denn die Geschichte ist wirklich originell und hatte viel Potenzial. So war das Lesen aber zeitweise wirklich anstrengend.





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