Montag, 30. Mai 2016

REZENSION: "Die Sehnsucht des Vorlesers" (Jean-Paul Didierlaurent)

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Titel: Die Sehnsucht des Vorlesers
Autor: Jean-Paul Didierlaurent
Genre: Roman, Liebesroman
Verlag: dtv
Erscheinungsjahr: 2015
Format: Klappenbroschur (14,90 €)
Seiten: 224
ISBN: 978-3423260787




Inhalt:

Guylain Vignolles ist der Vorleser: Jeden Tag nimmt er den Regionalzug um 06.27 Uhr zur Arbeit und jeden Tag liest er während der Fahrt seinen Mitreisenden laut einige Seiten vor. Denn Guylain liebt Bücher, auch wenn er sie als Maschinenführer einer großen Papierpresse tagtäglich zerstört. Doch eines Tages wird Guylains Routine unterbrochen und zwar von einem knallroten USB-Stick, den er unter seinem Klappsitz im Zug findet. Und mit diesem USB-Stick nimmt eine einzigartige Liebesgeschichte ihren Lauf...


So gefällt mir das Cover:

Das Cover ist der Traum eines jeden Bibliophilen: Ich mag sowohl den hellen Gelbton, der mich irgendwie an alte, vergilbte Bücher erinnert, als auch die geschwungene Schrift und die umherflatternden Bücher. Und natürlich die Zeichnung des Mannes, der in sich gekehrt auf einer Bank sitzt und liest. Das Ganze wirkt irgendwie verträumt und romantisch und ist ein absoluter Blickfang.

Meine Meinung:

Die Sehnsucht des Vorlesers ist der Debütroman des französischen Autors Jean-Paul Didierlaurent und war nicht nur in Frankreich ein riesiger Erfolg. Auch hierzulande wurde das Buch nach seinem Erscheinen im Herbst 2015 hoch gelobt, oft rezensiert und weiterempfohlen. Mich machten schon Titel und Cover sehr neugierig auf die Geschichte, da ich Bücher über Bücher ja (wie jeder Bibliophile) absolut liebe. Und so viel kann ich schon einmal sagen: Enttäuscht hat mich Jean-Paul Didierlaurents zauberhafte und außergewöhnliche Story überhaupt nicht.

Von Anfang an habe ich Didierlaurents wunderbar bildhafte und wohltuend poetische Sprache sehr genossen. Ohne hochtrabend oder zu gestelzt zu klingen, gelingt es ihm, eine ganz spezielle, virtuose Sprache zu entwickeln, der man sich als Leser nicht entziehen und aus der man deutlich die Liebe zum geschriebenen Wort herauslesen kann. So wird beispielsweise die Recycling-Maschine, die alte Bücher schreddert, zusammenpresst und aus ihnen neues Papier macht, als Monster beschrieben, das alles, was in seinen Schlund gerät, zermalmt.

Ebenso einzigartig wie die Sprache des Romans ist aber auch sein Protagonist. Über Guylain erfährt man verhältnismäßig wenig - Didierlaurent greift nicht auf eine seitenlange Biografie zurück, um seinem Charakter Leben einzuhauchen, sondern lässt sein Verhalten, seine Taten sprechen. Guylain ist ein etwas verschrobener, sehr liebenswerter junger Mann, der seinen Beruf mehr als alles andere hasst, was man aber nicht dadurch erfährt, dass er beispielsweise seitenweise lamentiert und in Selbstmitleid versinkt, sondern was man einfach in seinem Verhalten spürt. Die Art und Weise, wie er zur Arbeit geht, wie er sich immer wieder abzulenken versucht, wie er auf dem Weg zur Arbeit die Straßenlaternen zählt und natürlich, mit welcher Hingabe er seinen Mitfahrern morgens im Zug vorliest.

Denn Guylain ist wie die Bücherdiebin. Jeden Tag rettet er ein paar Seiten, die die Maschine verschont hat, vor der Zerstörung und liest sie am nächsten Tag laut vor, damit sie nicht in Vergessenheit geraten, sondern noch einen Zweck haben, noch jemanden unterhalten können. Ein so romantischer und traumhafter Gedanke! Daran lässt Didierlaurent übrigens auch den Leser teilhaben, denn die Seiten, die Guylain vorliest, werden gut gekennzeichnet in die laufende Handlung eingebaut und so hat man seine Stimme beim Lesen regelrecht im Ohr.

Überhaupt sind alle Charaktere in Die Sehnsucht des Vorlesers herrlich verschroben, originell und einzigartig und man möchte sie einfach sofort alle ins Herz schließen - von Guylains ehemaligem Kollegen, der seit Jahren seine verlorenen Beine sucht, über den Torwärter, der den ganzen Tag lang Verse deklamiert, bis hin zu der mysteriösen Frau, welcher der USB-Stick gehört, den Guylain findet. Indem er ihre Texte liest, verliebt er sich in ihre Worte und damit natürlich auch in sie und so entwickelt sich eine ungewohnt zarte und derart vereinnahmende Liebesgeschichte, wie ich sie noch nie gelesen habe - lasst euch überraschen.

Mein einziger Kritikpunkt: Didierlaurent zeichnet seine Charaktere mit so viel Hingabe, entspinnt seine außergewöhnliche Geschichte mit so viel Liebe zum Detail, dass sie einfach mehr Raum gebraucht hätten. Ich finde, auf 224 Seiten konnte sich der Plot nicht vollends entfalten und hat zumindest mich am Ende relativ unbefriedigt zurück gelassen. Das i-Tüpfelchen auf der wundervollen Geschichte fehlt sozusagen. Es hätte den Roman perfekt gemacht.

Mein Lieblingszitat:

"Vor ein paar Tagen habe ich entdeckt, dass es auf dieser Welt jemanden gibt, der eine erstaunliche Wirkung auf mich hat. Dieser Jemand lässt alle Farben heller leuchten, nimmt meinem Alltag seine Schwere, wärmt mich von innen, macht das Unerträgliche erträglicher, das Hässliche nicht ganz so hässlich und das Schöne noch viel schöner. Kurzum, dieser Mensch macht mein Leben lebenswert. Und dieser Mensch ... dieser Mensch sind Sie, liebe Julie." (S. 219-220)

Mein Fazit:

Jean-Paul Didierlaurents Roman Die Sehnsucht des Vorlesers ist eine Hommage an das geschriebene Wort, aus der man auf jeder einzelnen Seite seine Liebe zu Büchern herauslesen kann. Die Charaktere sind einzigartig und wundervoll, die sich anbahnende Liebesgeschichte so zart und doch so vereinnahmend, dass man sich ihr nicht entziehen kann. Und über all dem schwebt Didierlaurents poetische Sprache, die man nur genießen kann. Hätte er seiner Geschichte ein wenig mehr Raum gegeben, um sich zu entfalten, wäre sie für mich absolut perfekt gewesen.



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