Donnerstag, 12. Mai 2016

REZENSION: "Die Allee der verbotenen Fragen" (Antonia Michaelis)

Copyright Droemer Knaur

Titel: Die Allee der verbotenen Fragen
Autor: Antonia Michaelis
Genre: Roman / Liebesroman
Verlag: Droemer Knaur
Erscheinungsjahr: 2016
Format: Hardcover mit Schutzumschlag (19,99 €)
Seiten: 383
ISBN: 978-3-426-65386-9




Inhalt

Als Akelei  ihr Spiegelbild im Schaufenster betrachtet, muss sie feststellen, dass sie nicht zufrieden ist mit dem, was sie sieht: sie ist eine langweile Hausfrau geworden, die älter aussieht als 36. Doch kurz bevor sie resigniert den Blick abwendet, sieht sie noch etwas: die Reflexion ihrer ersten Liebe Fin. Doch wie kann das sein? Fin ist doch vor Jahren spurlos verschwunden! Und warum sieht er immer noch aus wie mit 18? Ungläubig, dann neugierig, heftet sie sich an seine Fersen, folgt ihm auf Schritt und Tritt quer durch Deutschland. Es ist der Beginn einer Reise - in ihre Zukunft, aber auch in ihre Vergangenheit.

Cover

Das Cover hat etwas Nostalgisch-Melancholisches, das an sich sehr gut zum Buch passt, allerdings hat es einen merkwürdigen Grünstich, der mich etwas stört (zumindest bei meinem Exemplar).


Meine Meinung

So leid es mir tut: macht euch wieder auf eine ellenlange Rezension meinerseits gefasst!
Am Anfang war ich ziemlich befangen und ein wenig habe ich befürchtet, dass mir der Roman überhaupt nicht zusagen würde. Das erste Kapitel las sich mühselig, da die Protagonistin Akelei wie eine gelangweilte Hausfrau daherkam und sich selbst auch so empfand. Entsprechend trist wirken ihre Gedanken und ihr Alltag. Sie war eher ein Schatten ihrer Selbst. Diese Lethargie ist nicht unbedingt das, was mich als Leser fesseln könnte. Außerdem haben mich die Szenen am Anfang extrem verwirrt. Ich war mir nicht ganz sicher, ob Johann nun real oder eine Ausgeburt von Akeleis Fantasie war. Ich wollte das Buch schon enttäuscht aus der Hand legen, aber als ich mich erstmal an Akelei gewöhnt hatte und langsam das Knäuel entwirren konnte, ist das Lesen für mich tatsächlich zum Genuss geworden. Besonders als die Rückblenden einsetzten, kam die Geschichte langsam ins Rollen. Ab da hat sie mich ständig überrascht, überwäligt, erstaunt, entsetzt, mitgerissen - kurz: verzaubert
Im weiteren Verlauf stellt sich nämlich heraus, dass Akelei eine richtige Powerfrau ist, wodurch sie mir immer besser gefallen hat. Sie steckt voller Energie und weigert sich, weiterhin ein langweiliges und gelangweiltes Dasein an der Seite des Mannes zu verbringen, den sie nicht liebt. Sie will nun aktiv ihre Umwelt mitgestalten und selbst in Gefahrensituationen erstarrt sie nicht, sondern handelt geistesgegenwärtig. Sie ist außerdem etwas skurril (besonders weil sie ein Huhn mit sich spazieren führt), aber sie ist sich dessen bewusst und schämt sich nicht dafür. Das zeugt von einem Selbstbewusstsein, um das ich sie einfach nur beneidet habe und sehr liebenswert ist. Insgesamt ist sie zu einer Romanfigur geworden, die eine komplette Handlung alleine tragen kann.
Neben Akeleis Gedanken- und Gefühlswelt bekommt man auch Einblicke in die von Johann. Er ist typisch für sein Alter noch etwas plan- und orientierungslos. Er lässt sich treiben wie ein Blatt im Wind und beginnt mehr und mehr an sich zu zweifeln, weil alles, was er zu kennen und zu wissen glaubte, scheinbar eine Lüge ist. Antonia Michaelis ist es hier gelungen, den Kontrast zwischen einer erwachsenen und einer jugendlichen Perspektive und einem entsprechenden Lebensgefühl herauszuarbeiten. Das große Mysterium ist der dritte Protagonist, der den halben Roman über eigentlich nicht präsent ist: Fin, Akeleis erste und einzige Liebe. Er ist das Bindeglied zwischen Akelei und Johann, denn sie beide haben das Ziel, ihn zu finden. Man merkt deutlich, dass Michaelis den Plot sehr gut durchdacht hat und entsprechend das gegenwärtige und vergangene Geschehen angeordnet und strukturiert hat. Stück für Stück nähern sich Erinnerungen und aktuelle Ereignisse einander an. Nicht nur arbeitet Akelei ihre Kindheit und Jugend auf, indem sie ihre Erinnerungen zurückgewinnt, sondern sie schließt auch die Lücken in dem Leben, das Fin nach seiner Abreise nach Berlin geführt hat. Die Art und Weise, wie Johann und Akelei Fins Spur folgen, verleihen dem Roman einen Hauch von Detektivgeschichte, die mich immer mehr in den Bann gezogen hat. Dabei kommen immer mehr Verknüpfungen und Geheimnisse ans Licht, die zu Mutmaßungen anregen und schließlich in einem recht unerwarteten Showdown enden. Ich war davon wirklich begeistert!
Der Stil, in dem Antonia Michaelis die Geschichte erzählt, ist eine Mischung aus Das Institut der letzten Wünsche und Der Märchenerzähler: sie schreibt immer noch detailverliebt und malerisch, mit einem - wie ich finde - ernsthaften, schweren Unterton und einem Hauch Mystik, verlässt aber nie ganz den Pfad des Realistischen, Echten. Zudem hat sie es geschafft, dass sie irgendwie auf jeder Seite als Erzählerin spürbar ist. So abstrus und makaber es klingen mag, aber ich empfand es so, als hätte sie sich mit dem Huhn selbst in die Geschichte hineingeschrieben: sie zieht den Leser durch die Geschichte - mal subtil, mal energisch. Sie ist allgegenwärtig, aber agiert still im Hintergrund. Wie das Huhn über sein "Book-Book" mit Akelei kommuniziert, man es aber aufgrund der Sprachdifferenzen nicht versteht, so streut Michaelis Details und Andeutungen ein, die der Interpretation bedürfen, denn wie gewöhnlich lebt auch dieser Roman von der Metaphorik und Symbolik. Meine anfänglichen Bedenken waren also völlig unbegründet.

Fazit

Es ist eine außergewöhnliche Geschichte, die hier erzählt wird. Sie handelt zwar von der Suche nach einer verlorenen Liebe, aber bei der Spurensuche kommen viele weitere Geheimnisse ans Licht, die damit in Zusammenhang stehen und unglaublich verworren sind. Zwar hatte ich gewisse Startschwierigkeiten, aber es hat sich wirklich für mich gelohnt, dieses Buch zu lesen. Die Figuren und die Handlung haben mich letztlich fasziniert und ich wollte immer weiter lesen.




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