Montag, 16. Mai 2016

REZENSION: "Der Tag, als wir die Erde drehten" (Valérie Tong Cuong)

Copyright Hoffmann und Campe

Titel: Der Tag, als wir die Erde drehten
Autor: Valérie Tong Cuong
Genre: Roman
Verlag: Hoffmann und Campe
Erscheinungsjahr: 2015
Format: Hardcover, Taschenbuch (10,00€)
Seiten: 196
ISBN: 978-3-85179-253-9




Inhalt

Das Leben geht manchmal seltsame Wege und so treffen unter unterschiedlichen Umständen Marylou, Tom, Albert und Prudence in einem Krankenhaus aufeinander. Kurz zuvor ist das Gebäude explodiert, in dem Marylou höchst brisante Unterlagen abgeben sollte. Nur, weil ihr Zug durch einen missglückten Selbstmordversuch Verspätung hatte, ist sie die einzige Überlebende. Die Unterlagen sollte sie der Kanzleiangestellten Prudence aushändigen, die im Krankenkenhaus ihre herrische Chefin besuchen will. Tom dagegen ist dort, um seine Wunde, die er durch einen Fahrradunfall, in dem der Hund besagter Chefin verwickelt war, nähen zu lassen. Und Albert wiederum wurde dorthin zitiert, weil sein Arzt ihm Neuigkeiten mitzuteilen hat, die sein Leben verändern. Noch wissen die Vier nicht, dass dieser Tag unmittelbare Auswirkungen auf ihre Zukunft haben wird.

Cover

Der Blick auf das Buch stimmt mich irgendwie sofort nachdenklich, aber auch ruhig und entspannt. Als würde für einen Moment alles stillstehen, was angesichts des Titels recht paradox ist. Aber mir gefällt's.


Meine Meinung

Ich habe wirklich keine Ahnung, was Romane von französischen Schriftsteller/innen an sich haben, dass ich mich jedes Mal fühle, als würde ich in einen anderen Kosmos hineingesogen werden. Ich bin dann so isoliert von meiner Umgebung, dass ich mich gänzlich auf die Geschichte einlasssen kann. Und auch hier war das definitiv der Fall.
Valérie Tuong Cuong hat einen sehr ansprechenden Schreibstil: sie wählt die richtigen Worte, damit ihre Charaktere greifbar werden, lässt sie innere Monologe führen und mal sarkastisch, mal einfühlsam ihren Alltag und ihre Gedanken- und Gefühlswelt schildern. Sie modifiziert dabei immer wieder die Art und Weise, wie sie die Worte zu Sätzen zusammenfügt, je nachdem wie die Situation es erfordert. Außerdem ist dabei auch ein Wechsel zwischen den einzelnen Protagonisten spürbar, denn sie passt sich in jedem Fall der jeweiligen Figur an. Ich konnte Marylous Liebe zu ihrem Sohn Paulo nachempfinden, Prudence' Ärger über ihre Chefin und wie sehr sie ein Erlebnis in der Kindheit traumatisiert hat, Toms Fassungslosigkeit über den Verrat seiner Freundin Libby (die mir gänzlich unsymphatisch ist) und Alberts Gefühle, als ihm - mehrfach! - der Boden unter den Füßen weggezogen wird.
Obwohl mit jedem Kapitel wieder die Hauptfigur wechselt, hatte ich keine Probleme, mich wieder zurecht zu finden. Ich wusste sofort, wo der letzte Auszug aus dem jeweiligen Handlungsstrang aufgehört hat. Die Übergänge sind also nahezu nahtlos. Ich fand es außerdem genial, wie sie die einzelnen Personen zueinandergeführt und ihre Erlebnisse miteinander verwoben hat. Denn im Grunde stellt sich heraus, dass die Aktion einer der Personen sich automatisch im Dominoeffekt auch auf alle anderen ausgewirkt hat. Die gesamte Geschichte an sich ist stimmig und auch die Charaktere harmonieren perfekt miteinander. Genau das hat das Lesen dieses Romans zu einem wahnsinnig tollen Erlebnis gemacht.
Meine 'Kritik' an dem Buch ist eigentlich nicht wirklich eine, aber ich muss es dennoch sagen: das Buch ist einfach zu dünn! Ich konnte gar nicht genug bekommen von Prudence, Albert, Tom und Marylou. Alle vier sind mir ans Herz gewachsen, ich habe mit ihnen mitgefühlt und süffisant gegrinst, wenn sie ihren Kontrahenten eins ausgewischt haben. Müsste ich mich für einen Favoriten entscheiden - ich könnte es nicht! Nur zu gerne hätte ich weiterverfolgt, was aus den Vieren geworden ist, denn auch, wenn Cuong am Ende einen Sprung in die 'Zukunft' macht, hätte ich mir einfach gewünscht, dass sie die neuen Entwicklungen wortreicher ausführt. So war es doch eher ein Abriss, der sehr viel Interpretationsspielraum lässt.  

Fazit

Der Roman ist definitiv ein kleiner literarischer Schatz. Die Charaktere sind liebevoll ausgearbeitet, die vier Handlungsstränge sind - trotz ihrer Verbindung zueinander - völlig verschieden und sorgen daher für Abwechslung, und auch der Erzählstil war angenehm, flüssig und auf die jeweilige Person abgestimmt. Der einzige Schönheitsfehler ist der geringe Seitenumfang: zu meinem Leidwesen durfte ich nur 196 Seiten in der Welt von Tom, Prudence, Albert und Marylou verweilen. Ausreichend, aber viel zu kurz!
 

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