Freitag, 13. Mai 2016

REZENSION: "Das Haus der verlorenen Kinder" (Linda Winterberg)

Copyright Aufbau Verlag

Titel: Das Haus der verlorenen Kinder
Autor: Linda Winterberg
Genre: Historischer Roman / Liebesroman
Verlag: Aufbau Verlag
Erscheinungsjahr: 2016
Format: Taschenbuch (12,99 €)
Seiten: 512
ISBN: 978-3746632209




Inhalt:

Norwegen, 1941: Lisbet und Oda sind beste Freundinnen und gemeinsam in dem kleinen Örtchen Loshavn am Meer aufgewachsen. Doch bald schon bekommt die heile Welt der beiden einen Riss, als deutsche Soldaten in Loshavn Einzug halten und unweit des Städtchens eine Festung errichten. Gegen alle Regeln verstoßend, verlieben sich Lisbet und Oda in die Soldaten Erich und Günter, die jedoch bald schon an die Ostfront versetzt werden. Da erwarten die Freundinnen bereits deren Kinder, werden von ihren Familien geächtet und verstoßen und finden nur Zuflucht in einem von den Deutschen gegründeten Lebensborn-Heim...
Wiesbaden, 2005: In einem ehemaligen Kinderheim der Nazi-Organisation Lebensborn, das mittlerweile als Altersheim genutzt wird, stößt die junge Marie auf eine seltsame Akte und beginnt, Stück für Stück die Vergangenheit ihrer verstorbenen Mutter zu enträtseln. Schon bald führt die Spurensuche sie nach Hurdal Verk in Norwegen...


So gefällt mir das Cover:

Das Cover ist mir sofort aufgefallen, weil ich diese Art von Bildern einfach liebe. Der ausgeblichene Sepiaton, das Profil der konservativ gekleideten Frau und die kleine Stadt am Meer im Hintergrund wirken nostalgisch und passen hervorragend zur Geschichte. Mir gefallen auch die dezenten Schnörkel an den Seiten - alles in allem ein wunderschönes Cover.

Meine Meinung:

Der Zweite Weltkrieg ist eine Zeit, die mich schon immer besonders fasziniert, interessiert und natürlich betroffen gemacht hat. Das Haus der verlorenen Kinder von der deutschen Autorin Nicole Steyer, geschrieben unter dem Pseudonym Linda Winterberg, behandelt in diesem Zusammenhang einmal ein Thema, das bis heute vermehrt tot geschwiegen wird und zu dem ich allein deswegen bereits ein gewisses Vorwissen hatte, weil ich ein absoluter Doku-Junkie bin. Es geht um den Lebensborn-Verein - eine von den Nazis gegründete Organisation, die es sich zur Aufgabe machte, für die Verbreitung der "arischen" bzw. "nordischen" Rasse zu sorgen und deswegen auch vermehrt in Norwegen tätig war. 

Erzählt wird auf zwei verschiedenen Zeitebenen. Zum Einen begleiten wir die junge Lisbet in Norwegen während des Zweiten Weltkriegs und zum Anderen die Vollwaise Marie im Jahr 2005. Man merkt relativ schnell, dass die Schicksale von Lisbet und Marie in irgendeiner Verbindung zueinander stehen und dass auch die Seniorin Betty, mit der sich Marie außerordentlich gut versteht, etwas mit der ganzen Sache zu tun haben muss. In der Gegenwart nämlich stellt Marie Nachforschungen zu ihrer mittlerweile verstorbenen Mutter an, die als Kind allem Anschein nach in einem Lebensborn-Heim in Wiesbaden untergebracht war. Diese Kapitel wechseln sich mit jenen Sequenzen ab, in denen Lisbets Geschichte erzählt wird, die sich während des Zweiten Weltkriegs in einen deutschen Soldaten verliebte.

Mich persönlich hat die Geschichte von Lisbet und ihrer Freundin Oda mehr gepackt als der Gegenwarts-Teil und ich hätte diesen als zweite Ebene nicht unbedingt gebraucht. Das erschütternde Schicksal der beiden Freundinnen, die sich in die falsche Männer verlieben, von ihren Familien verstoßen und von ihren Landsleuten als "Deutschenmädchen" betitelt, verpönt und sogar inhaftiert werden, hat mich einfach tief bewegt und betroffen gemacht und wieder einmal gezeigt, wie viele verschiedene grausame Facetten ein Krieg hat. Linda Winterberg schildert auf sehr einfühlsame und gleichzeitig authentische Weise, mit welchen Schwierigkeiten die jungen Mütter Lisbet und Oda von Anfang an zu kämpfen hatten, welche Hoffnungen und Träume sie hatten und wie sehr sie sich nach ihren Männern an der Front sehnten.

Sehr schön fand ich auch die zwiespältige Darstellung der Lebensborn-Heime in Winterbergs Roman: Zum Einen ist man erschüttert angesichts des offensichtlichen Zwecks dieser Einrichtungen und der Art und Weise, wie dort mit als nicht "arisch" geltenden Frauen und Kindern umgegangen wird und sieht in den Heimen lediglich Zuchtstätten der Nazis. Andererseits fängt der Lebensborn verzweifelte Frauen wie Lisbet und Oda auf, gibt ihnen und ihren Kindern ein Dach über dem Kopf und unterstützt sie mit Unterhalt. Natürlich kann man sich aber trotzdem nicht von dem Offensichtlichen lösen: Dass die Mehrzahl der hübschen norwegischen Kinder nach Deutschland gebracht und zu Bilderbuch-Ariern herangezogen werden soll. Während des Lesens eröffnet sich einem die gesamte Dimension des Lebensborns und man realisiert, wie viele Familien diese Organisation zerstört, wie viele Menschen und vor allem Mütter und Kinder sie unglücklich gemacht hat. Der Kloß im Hals ist obligatorisch.

Man merkt der Geschichte eindeutig an, dass sie gut recherchiert, absolut gelungen und berührend erzählt und sehr nah an den historischen Ereignissen dran ist. Zu einigen Dingen (wie eben z.B. den Lebensborn-Heimen und dem Umgang mit den sogenannten "Deutschenmädchen") hätte ich mir aber einfach detailliertere Informationen gewünscht, denn vieles wurde im Dunkeln gelassen und nicht ausführlich genug erklärt. Das ist zumindest mein persönliches Gefühl. Andererseits hat es mir außerordentlich gut gefallen, dass Winterberg Lisbets Geliebten Erich, der zwischenzeitlich auch als Wachsoldat in einem Kriegsgefangenenlager arbeiten muss, als den Menschen darstellt, der er ist und nicht zum typischen Täter stilisiert. Auch vor seiner Sicht der Dinge macht sie nicht Halt und setzt sich auf eine differenzierte Art und Weise mit seinen Handlungen als Soldat auseinander. Das zeigt, dass die Mehrzahl der deutschen Soldaten nicht mit den Methoden und Einstellungen der SS einverstanden war, aus Angst um das eigene Leben aber nicht widersprachen, ohne dieses Handeln allerdings zu relativieren. Und das finde ich sehr wichtig.

Auch die Liebesgeschichte zwischen Lisbet und Erich, die sich so sehr nacheinander sehnen und sich mehr als alles andere wünschen, nach dem Krieg heiraten und gemeinsam für ihre Tochter sorgen zu können, hat micht tief berührt. Ebenso wie die enge Freundschaft zwischen Oda und Lisbet, die während des Krieges immer wieder auf die Probe gestellt wird. Es ist so unendlich traurig, mitzuverleben, wie aus den unbeschwerten jungen Mädchen, die die beiden zu Beginn sind, todunglückliche, fast schon verbitterte Frauen werden, die nur noch ums Überleben kämpfen und sich immer weiter voneinander entfernen.

Nicht ganz so packen konnte mich leider Maries Geschichte beziehungsweise überhaupt der Gegenwarts-Teil. Hier waren es mir dann einfach zu viele Zufälle - da trafen auf einmal alle aufeinander und gingen gemeinsam auf Spurensuche, sprachen sich aus und lernten sich kennen (mehr möchte ich nicht verraten). Das war mir einfach einen Ticken zu rosarot. Auch konnte ich keinen richtigen Bezug zu den Gegenwarts-Charakteren Marie, ihrer Kollegin Gertrud, dem geheimnisvollen Jan und natürlich Betty herstellen. Sie wirkten auf mich allesamt ein wenig blass und waren im Gegensatz zu Lisbet, Oda, Erich und Günter nicht so gut ausgearbeitet. Trotzdem habe ich Maries Spurensuche mit Interesse verfolgt und mich auch bei diesen Teilen nicht gelangweilt. Besonders bestürzt war ich angesichts der Reaktionen und des Stillschweigens, auf das Marie immer wieder stößt. Niemand scheint ihr helfen zu wollen, den Fall ihrer Mutter aufzuklären - viel lieber will jeder schlichtweg vergessen und verdrängen. Furchtbar!

Dass ich mit dem zweiten Handlungsstrang, obwohl er durchaus spannend gestaltet ist, nicht ganz warm geworden bin, kann aber auch einfach daran liegen, dass ich so gern mehr über die Schicksale von Lisbet, Oda und anderen Frauen in den Lebensborn-Heimen erfahren hätte. Andererseits machen diese beiden Zeitstränge eben auch deutlich, dass Vergangenheit und Gegenwart untrennbar miteinander verwoben sind.  Ich werde mich da auf jeden Fall noch weiter belesen. 

Mein Fazit:

Das Haus der verlorenen Kinder ist ein gut recherchierter historischer Roman, der nicht nur das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte und seine Folgen für ganze Generationen behandelt, sondern auch ein Thema, das bis heute tabuisiert wird: Den Lebensborn-Verein der Nationalsozialisten und seine Arbeit in Ländern wie Norwegen. Linda Winterberg erzählt auf authentische und ergreifende Art und Weise die tragische Geschichte von Oda und Lisbet, die sich während des Zweiten Weltkriegs in die falschen Männer verliebten und mit den fatalen Folgen zu kämpfen hatten. Nicht ganz so gut gefallen hat mir der zweite Handlungsstrang um die Vollwaise Marie, den ich nicht unbedingt gebraucht hätte, aus der Hand legen konnte ich den Roman aber trotzdem nicht. Ein grandioses Buch - nicht nur für historisch interessierte Bücherwürmer wie mich, sondern für alle, die nicht genug kriegen können von dramatischen, tief berührenden Geschichten.


   
  

2 Kommentare:

Martina hat gesagt…

Ich habe das Buch in der Leserunde mitgelesen und finde deine Rezension wirklich toll! An meiner arbeite ich gerade... Ich kann dir aber auf jeden Fall zustimmen, dass ich - wie eigentlich fast immer - den historischen Erzählstrang auch bevorzugt habe...eine sehr berührende Geschichte.
Liebe Grüße
Martina

Svenja Prautsch hat gesagt…

Hallo Martina =)

Die Geschichte hat mich wirklich auch sehr berührt. Ich habe mir jetzt auch das Buch bestellt, das die Autorin für die Recherche genutzt hat: "Schicksal Lebensborn: Die Kinder der Schande und ihre Mütter". Ich will mich einfach gerne noch intensiver mit dem Thema beschäftigen, vor allem auch, da sich unweit meines Heimatdorfes ein Lebensborn-Heim befand, das vor allem norwegische Kinder aufnahm.

Liebe Grüße
Svenja

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