Sonntag, 15. Mai 2016

DIES & DAS: Zwischen Glitzer-Fummel und eimerweise Schmalz - Mein ESC-Debakel


Wer von euch gestern gut versorgt mit Knabberzeug und (hoffentlich) dem ein oder anderen nicht ganz antialkoholischen Getränk auf dem Sofa saß, um sich genau wie ich 4 Stunden bestens unterhalten zu lassen (oder!?), dem ist vielleicht auch aufgefallen, dass der Eurovision Song Contest mit jedem Jahr abstruser, inszenierter und einfach auch irgendwie unerträglicher wird. Und selbstverständlich darf auch mit der deutschen Tradition nicht gebrochen werden, Jahr für Jahr das Ranking anzuführen - von hinten, versteht sich. Das wahre Debakel ist aber ein anderes.

Seit Jahren ist der Eurovision Song Contest für mich einer der Höhepunkte des Fernseh-Jahres. Nicht unbedingt, weil ich total ESC-verrückt bin, sondern einfach, weil mich sonst eigentlich herzlich wenig interessiert, was so in der deutschen Fernsehwelt passiert. Amüsant fand ich den Grand Prix trotzdem schon immer, auch wenn die obligatorische Enttäuschung am Ende der Veranstaltung der Stimmung natürlich stets einen empfindlichen Dämpfer verpasst.

Doch gestern erreichte das in Schwedens Hauptstadt Stockholm ausgetragene Finale des Eurovision Song Contest eine völlig neue Dimension des schlechten Geschmacks. Das fing ja bereits mit der Eröffnung der Show und den zwischen aufgeplatzten Marshmallow-Models und den wilden Fantasien eines taumelnden Elefanten im Drogenrausch einlaufenden Kandidaten der 26 antretenden Länder an. Liebes Schweden: Was zur Hölle sollte das? Wieso tut ihr arglosen Fernsehzuschauern aus aller Welt (es wurde ja immer wieder betont, dass Australien schon seit Jahren ESC-verrückt ist und auch die USA dieses Jahr gebannt vor den Bildschirmen sitzt) so etwas an? Fremdschämen deluxe - das hätte kein Topmodel-Finale der Welt besser beziehungsweise erschreckender hinbekommen.

Während man sich also noch von dem Schock erholte, dass die eigens für diesen Abend kunstvoll auf dem Couchtisch arrangierten Leckereien anderswo in Europa offensichtlich als geeignete Dekoration für in hautfarbenen Miederslips steckende Models gelten, erschienen ein fast schon gruselig gut gelaunter Mans Zelmerlöw und seine stets grausam gekleidete Moderatoren-Partnerin auf der Mattscheibe. Im Laufe der Show legten diese beiden einen denkwürdigen Auftritt nach dem anderen hin - angefangen mit einem Come Together mit der schwedischen Siegerin von 2012, Loreen, und ihrem ganz eigenen Nipple Gate bis hin zu einem einfach nur schmerzenden Song mit dem einprägsamen Titel "Love, Love, Peace, Peace", begleitet von gut eingeölten, selbstverständlich halbnackten Trommlern, den finnischen Monstern von Lordi, dauergrinsenden Folklore-Omis und (warum????) dem norwegischen ESC-Gewinner Alexander Rybak, den ich bis dahin eigentlich immer klasse fand. 

Doch von all diesen Höhepunkten der Show ahnte man ja noch gar nichts, als mit einer glitzernden, wild umherhüpfenden Discokugel vor 70er-Jahre-Gedächtnis-Hintergrund aus Belgien der erste Länder-Beitrag des Abends die Bühne frei machte für eine Horror-Show der Superlative. Es folgten: Unzählige Balladen in guter alter ESC-Manier, wahlweise vorgetragen von offensichtlich unter Höllenqualen leidenden Schönlingen, bei denen man sich teilweise fragte, ob sie es vor dem Auftritt nicht mehr rechtzeitig auf die Schüssel geschafft haben, um noch schnell den Darm zu entleeren, oder spektakulär in Szene gesetzten Damen, entweder im weißen Walle-Walle-Kleid, augenkrebsverursachenden Glitzer-Fummel oder (der Trend des Abends!!) hautfarbenen Totalausfall. Verkappte Möchtegern-Rockstars, Gott sei Dank direkt hinter Gittern und sicher verwahrt in direkt auf der Bühne platzierten Käfigen. Eine Indie-Rockband, die eigentlich recht souverän sang, deren Licht-Show aber jedem Epileptiker den Garaus gemacht hätte und dem Zuschauer vorgaukelte, es am Abend vorher mit dem Teufel Alkohol deutlich übertrieben zu haben. Oder eben klassisch dünner Gesang mit nichtssagendem Song, garniert mit einer grausamen Bühnenshow der ganz besonders entsetzlichen Sorte und einem Bühnenoutfit, das die Outfits der Eröffnungs-Marshmallow-Models sogar noch unterbot. 

Natürlich war nicht alles schlecht: Halbwegs überzeugen konnte mich etwa die tschechische Sängerin, was vor allem daran gelegen haben mag, dass sie die erste Ballade des Abends vortrug und ich somit erst nach ihrem Auftritt dahingehend übersättigt war. Den Schweden Frans und seinen seichten Gutelaune-Song fand ich ganz passabel, den italienischen Beitrag mochte ich, weil er eben auf Italienisch vorgetragen wurde, und der Australierin hätte ich den Sieg definitiv gegönnt. Auch Jamie-Lees Auftritt für Deutschland war doch recht passabel. Zugegeben - das extravagante Manga-Outfit harmoniert für mich nach wie vor nicht mit dem verhältnismäßig ruhigen Song, aber kommt schon - 11 Punkte? Das arme Mädchen, das hat sie nicht verdient. Mindestens die Hälfte aller Länder-Beiträge war zweifelsohne wahlweise peinlicher, nichtssagender oder ganz einfach zum Weggucken, Weghören und Untertauchen.

Während man dann die überwiegend schauderhaften Auftritte noch einmal ausführlich in zwei quälend langen Schnelldurchläufen Revue passieren lassen konnte, zog sich die Abstimmungspause diesmal länger hin denn je. Dem zu dieser Stunde vermutlich nicht mehr ganz so aufnahmefähigen Zuschauer wurde mindestens drei Mal erklärt, dass Jury-Voting und Zuschauer-Stimmen dieses Jahr getrennt voneinander verkündet werden, um die ganze Sache spannender zu machen. Der 4-minütige Zusammenschnitt von Schwedens abwechslungsreicher Musikgeschichte war da schon interessanter, brachte aber sicher wiederum den ein oder anderen Epileptiker ins Grab und mich zum Verzweifeln. Der Höhepunkt war da noch der Halb-Playback-Auftritt von Weltstar Justin Timberlake - musikalisch mit Abstand der beste Auftritt des Abends. Und das vom Pausenfüller. Irgendwie traurig. Achja: Und für den Fall, dass es der ein oder andere noch nicht mitgeschnitten hatte - die Votings der Länder-Jurys und Zuschauer werden dieses Jahr getrennt voneinander gewertet und bekanntgegeben. Kopf auf Tischplatte...

Und dam war er da: Der spannendste Augenblick des ESC. Die Punktevergabe! Halbwegs interessant fand ich es ja schon, dass man dieses Mal erkennen konnte, wie die Jurys und wie die Zuschauer der 42 abstimmenden Länder voteten. Unnötige Konversationen und technische Defekte zogen aber auch diesen Programmpunkt wieder in die Länge. Überraschen konnte mich dann doch, dass Australien seinen sicher geglaubten ersten Platz nach der Vergabe der Zuschauer-Punkte an die Ukraine verlor, die sich in letzter Sekunde ausgerechnet gegen Russland durchsetzte, gegen das sich der ukrainische Beitrag "1944" ja auch richtete. Faszinierend. Leider gar nicht überraschend: Deutschland landete mit traurigen 11 Pünktchen auf dem letzten Platz und wurde zuletzt sogar von Polen - für mich einer der peinlichsten und ekelhaft Schmalz-intensivsten Beiträge - noch haushoch überholt. Was die Zuschauer daran fanden, es bleibt mir ein Rätsel. Wie so vieles. 1 Jurypunkt für Deutschland? Nein, einfach nein.

Hatte man in den letzten Jahren immer mal wieder die vage Hoffnung, der Eurovision Song Contest könnte wieder zu dem werden, was er einmal war (nämlich ein unterhaltsame Musikfest, welches der Sänger mit der besten Stimme und dem überzeugendsten Auftritt für sich entscheidet), so straft einen der Grand Prix 2016 erneut Lügen. In meine persönliche Geschichte geht die Show als die am schlechtesten organisierte und am furchtbarsten inszenierte ein, wenngleich es in den vergangenen Jahren auch stets ein reiches Spektrum an musikalischen und optischen Totalausfällen gab. Vielleicht war Gastgeberland Schweden nach so vielen Siegen einfach übersättigt und nicht mehr in der Lage, eine großartige Show auf die Beine zu stellen. Und natürlich bleibt auch wieder die Gewissheit: Politik hat in der Unterhaltungsbranche nichts zu suchen, findet aber leider stets ein Hintertürchen. Wird Russland nächstes Jahr in der Ukraine siegen? Nein. Deutschland vielleicht? NEIN! Dann eher doch einer der traditionellen Sieger: Schweden, Finnland, Norwegen. Oder vielleicht auch Aserbaidschan.

Mein abschließendes Fazit zum Eurovision Song Contest 2016: NEIN! EINFACH NEIN! 
Falls es aber doch jemanden interessiert: Alle Auftritte und Platzierungen findet ihr HIER


0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen