Mittwoch, 20. April 2016

REZENSION: "Abschied für immer und nie" (Amy Reed)

Copyright Harper Collins Germany

Titel: Abschied für immer und nie
Autor: Amy Reed
Genre: Jugendroman / Drama
Verlag: Harper Collins
Erscheinungsjahr: 2015
Format: gebundene Ausgabe (16,90 €)
Seiten: 320
ISBN: 978-3959670104




Inhalt:

Evie hat nichts mehr zu verlieren: Sie leidet unter einer besonders aggressiven Art von Krebs und bricht die aussichtslose Behandlung ab, um ihre letzten Wochen zumindest in Frieden und ohne große Schmerzen zu verbringen. Doch während sich in der sterilen Welt der Krebsstation ein tragischer Fall nach dem anderen ereignet, schlägt die Behandlung bei Evie schlussendlich doch noch an und sie kann die Klinik annähernd gesund wieder verlassen. Eigentlich sollte sie sich freuen, doch irgendwie kann sie das nicht. Wie findet man ins Leben zurück, wenn man eigentlich schon damit abgeschlossen hat?

So gefällt mir das Cover:

Das Cover finde ich sehr hübsch, denn es wirkt irgendwie zurückhaltend und schlicht und sticht doch ins Auge. Mir gefallen die verschwommene Stadt im Hintergrund und der zarte Lila-Ton wirklich ziemlich gut.

Meine Meinung:

"Abschied für immer und nie" von Amy Reed ist mir auf der Leipziger Buchmesse förmlich ins Auge gesprungen und ich wollte das Buch unbedingt lesen, weil es eine bewegende, tief traurige, aber dennoch unheimlich gute Geschichte versprach. Deshalb geht mein Dank vorab erst einmal an den Harper Collins Verlag, der mir ein Rezensionsexemplar des Romans zur Verfügung stellte. 

Der erste Teil der Geschichte spielt, wie angesichts des Themas nicht anders zu erwarten, in einem Krankenhaus, in dem der krebskranke Teenager Evie nach einem schweren Beinbruch ihre Zeit totschlagen muss. Das Krankenhaus ist dabei ein in sich abgeschlossener Kosmos, in dem Evie, die an Leukämie erkrankte Stella und der unter einem Hirntumor leidende Caleb ein eingeschworenes Trio sind. Die drei gehen unheimlich offen mit ihrer Krankheit um und auch der Tod ist für sie kein Tabuthema, denn nur miteinander können sie wirklich ehrlich sein und Scherze machen, durch die ihr Schicksal erträglicher wird.

Mit der Diagnose, die Evie erhält - nämlich, dass sie eine maximal 7-prozentige Überlebenschance hat und höchstwahrscheinlich innerhalb der nächsten Monate sterben wird-, bricht für ihre Familienangehörigen und Freunde eine Welt zusammen. Evie jedoch ist erleichtert, denn damit wäre ihr Leiden endlich zu Ende und sie könnte ihren Frieden machen. Sie schließt mit ihrem Leben ab, nimmt allmählich Abschied und zieht sich in ihre eigene kleine Krankenhaus-Welt zurück, nur mit Stella und Caleb an ihrer Seite. Mich hat die ganze Situation sehr mitgenommen und ich hatte unendliches Mitleid mit diesen drei Jugendlichen, die nur noch sich selbst und den Krebs zu haben scheinen.

Evie ist ein starker Charakter, den ich beim Lesen unheimlich bewundert habe. Sie muss nach außen taff und tapfer sein, sie muss ihre eigene Trauer und ihren Schmerz hinunterschlucken und ihre Eltern und Freunde trösten - sie selbst muss die Starke sein, obwohl sie doch diejenige ist, die sterben wird. Ich stelle mir das so unglaublich schwer vor und doch denke ich, dass es genauso ist. Evie muss und kann sich schließlich eben mit dem Gedanken abfinden, sterben zu müssen, und man spürt deutlich, dass sie das angesichts ihres Zustandes beinahe herbeisehnt.

Doch es kommt anders: Unerklärlicherweise erholt sich Evie, während es Stella und Caleb unverändert schlecht geht, und bald kann sie das Krankenhaus verlassen. Für sie bricht eine Welt zusammen, denn seit ihrer Krebsdiagnose war Evie nur das todkranke Mädchen, das "Fräulein Krebs", wie sie sich selbst nennt. Nun, da sie geheilt zu sein scheint, weiß sie nicht mehr, wer sie ist und was ihre Eltern und Freunde in ihr sehen. Sie hatte mit dem Leben abgeschlossen und findet nun nicht mehr dorthin zurück. Dieses Dilemma kann ich absolut nachvollziehen, denn der Krebs hat Evies altes Leben beendet, hat eine tiefe Kluft zwischen ihr und ihren eigentlichen Freunden gegraben und sie zum Außenseiter gemacht. Noch immer wird sie unentwegt in Watte gepackt, darf nichts alleine tun und fühlt sich eingesperrt. 

"Abschied für immer und nie" erzählt schonungslos und ehrlich, wie ein Teenager damit umgeht, dass der erwartete Tod nun doch nicht eintritt, und wie schwer es ist, nach jahrelanger Krankheit wieder einen Sinn im eigenen Leben zu sehen. Mich hat diese Herangehensweise tief berührt und bewegt und ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Es ist so deutlich zu spüren, dass Evie nach ihrer Genesung ihr Leben immer mehr entgleitet, dass sie nach und nach zu einem Menschen wird, der sie nie sein wollte und den sie nicht mehr im Spiegel ansehen kann, dass ich vor allem gegen Ende des Buches fast durchgehend einen dicken Kloß im Hals hatte.

Amy Reeds Roman ist keinesfalls eine seichte, rührselige Story, sondern wirklich schwere Kost, die thematisiert, wie man damit umgeht, sich eigentlich schon verabschiedet zu haben und dann doch plötzlich weiterleben "zu müssen". Ein Tabuthema, über das man sprechen und vor allem nachdenken sollte. Evies Flucht in Medikamente und Drogen, der völlige Wandel ihrer Persönlichkeit und ihre zunehmend depressive Stimmung haben mich wirklich betroffen gemacht und zeigen nur einmal mehr, auf wie viele verschiedene Arten Krebs ein Leben zerstören kann. Ich finde, Amy Reeds Roman ist ein wirklich authentisches Porträt einer schwerkranken Jugendlichen, die sich nach der Genesung fragen muss, was sie nun anfangen soll mit ihrem überflüssigen Leben.

Lediglich das Ende hat mir überhaupt nicht gefallen, denn es war viel zu abrupt und hat mich Knall auf Fall aus der Geschichte gerissen, was ich so noch überhaupt nicht erlebt habe. Ich dachte tatsächlich kurz, da wurden ein paar Seiten nicht mitgedruckt. Ich habe zwar ergoogelt, dass es tatsächlich eine Fortsetzung geben soll, aber dieser Cliffhanger war wirklich einer der ungeschicktesten, der mir je begegnet ist.

Mein Fazit:

In einer anderen Rezension habe ich gelesen, dass "Abschied für immer und nie" mit John Greens "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" verglichen, ja sogar als schwacher Abklatsch desselben bezeichnet wird. Ich frage mich ernsthaft, wieso!? Denn bis auf die Tatsache, dass es in beiden Romanen um eine an Krebs erkrankte Jugendliche geht, haben sie absolut nichts gemeinsam. Krebs ist eine furchtbare Krankheit, die die Leben der verschiedensten Menschen auf die verschiedensten Arten zerstört. Das hier ist die Geschichte von Evie, dem Mädchen, das mit dem Leben abgeschlossen hatte und dann nicht wieder zurückfand. Und sie hat mich tief bewegt, mich nachdenklich gestimmt und abgesehen von dem wenig gelungenen Ende durchgehend mitgerissen. 
        

2 Kommentare:

Beatrix Petrikowski hat gesagt…

Eine Beurteilung ist auch deshalb so schwierig, weil sich keiner in die Situation hineindenken kann, wer sie nicht erlebt hat.

Svenja Prautsch hat gesagt…

Hallo Beatrix,

das stimmt schon, aber ich finde, dem Roman gelingt es außerordentlich gut, dem Leser genau diese dramatische Situation nahezubringen. Ich fand ihn auf jeden Fall sehr authentisch und ehrlich bedrückend.

Liebe Grüße
Svenja

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