Montag, 7. März 2016

REZENSION: "Die Ungehörigkeit des Glücks" (Jenny Downham)

© C. Bertelsmann Verlag

Titel: Die Ungehörigkeit des Glücks

Autor: Jenny Downham

Genre: Roman


Erscheinungsjahr: 2016

Format: Hard Cover (19,99€)

Seiten: 479

ISBN: 978-3-570-10292-3


Inhalt


Katie ist vollkommen geschockt als ein Anruf aus dem Krankenhaus kommt, in dem ihre Mutter Caroline darum gebeten wird, Katies Großmutter Mary abzuholen. Eine Frau, von deren Existenz Katie bis zu diesem Moment keine Ahnung hatte. Selbst gegen Carolines heftigen Protest sehen sie sich gezwungen, Mary in ihre Obhut zu nehmen. In nur wenigen Tagen stellt die ältere Dame den kompletten Haushalt auf den Kopf. Mit ihrer Anwesenheit schürt sie nicht nur Carolines Groll, sondern hält auch Katie auf Trab, indem sie immer wieder spurlos verschwindet. Doch schon bald schließt Katie ihre elegante und unterhaltsame, aber stark verwirrte Großmutter ins Herz. Denn sie bringt ihr bei, dass es sich lohnt, sich für sein Glück einzusetzen.

Cover


So richtig vom Hocker reißen tut mich das Cover nicht, allerdings wüsste ich auch keine passendes alternatives Motiv. Von daher ist es eine solide Wahl, vor allem, weil die Augen des Mädchen wirklich unglaublich eindrucksvoll sind. Sie wirken traurig und unerschrocken zugleich.

Meine Meinung


Eins vorweg: Dieses Buch zu bewerten, fällt mir unheimlich schwer. Nicht, weil es mir nicht gefallen hätte, sondern weil es einen ganz eigenen “Flow” hat. Man wird hier nicht mit übermäßig vielen spannungsaufgeladenen oder dramatischen Szenen konfrontiert. Es war kein reißender Strom, der einen von einer eindrucksvollen Szene zur nächsten getragen hätte. Vielmehr hatte ich beim Lesen das Gefühl, als würde ich sanft auf kleinen Wellen im weiten Meer vorangetrieben werden. 
Die Geschichte kommt wundersamerweise ohne eine Vielzahl an Akteuren aus. Die zentralen Figuren sind Katie, deren Mutter Caroline und ihre Oma Mary. Letztere lernt Katie zu Beginn des Buches erst kennen. Mit dem Aufeinandertreffen der drei ergeben sich mehrere generationsübergreifende Konflikte, die allesamt unter der Oberfläche brodeln und (zunächst) stillschweigend ausgetragen werden. Und natürlich hat jede der drei einen inneren Konflikt zu bewältigen. Mary z.B. verbirgt ein Geheimnis, von dem sie nicht weiß, wie sie es ihrer Tochter erklären soll, und Katie ist innerlich darüber zerrissen, wer sie ist und wo sie steht. Man sieht schon, dass die Geschichte ziemlich komplex aufgebaut ist. Das Problem besteht darin, dass diese drei sehr unterschiedlichen Grazien nun unter dem selben Dach wohnen, was das Haus zu einem einzigen Minenfeld macht. Sie schleichen mehr oder weniger um einander herum, tasten sich behutsam vor und klopfen den Boden ab. Dementsprechend lange habe ich auch auf das Unvermeidliche gewartet: darauf, dass jemand (bewusst oder unbewusst) einen falschen Schritt macht und das Ganze in die Luft fliegt. Ich wurde nicht enttäuscht - der Moment kam, jedoch nicht in der Dimension, die ich mir ausgemalt hatte.
Zugegeben, das klingt jetzt sehr schwammig. Ich will jedoch nicht besonders konkret werden, weil ich damit wohl die wichtigsten Teile der Handlung verraten würde. 
Jenny Downham hat ihre Protagonisten sehr gut herausgearbeitet, sodass ich alle drei Perspektiven gut nachvollziehen konnte. Katie tat mir immer leid, weil sie nicht so richtig aus sich heraus kann, Angst vor Zurückweisung hat und sich nicht traut, ihre eigenen Wünsche und Zukunftspläne mit ihrer Mutter zu teilen. Mary hat die größte Faszination auf mich ausgeübt. Sie wirkt in ihrem Alter immer noch würdevoll, erhaben und glamourös und hat sich ihre freche, direkte Art erhalten. Das Tragische ist, dass sie offensichtlich an Demenz erkrankt ist. Daher ist sie immer wieder orientierungslos, wiederholt Geschichten oder weiß nicht, wen sie vor sich hat. Einerseits war dieser Widerspruch zwischen ihrem äußerlichen Humor und Esprit und ihrer inneren Verzweiflung und Verwirrung extrem wirkungsvoll. Andererseits hat er stark auf meine Stimmung gedrückt und bei mir ein permanentes Gefühl der Beklommenheit erzeugt.
Caroline hat zunächst sehr rigoros und kühl auf mich gewirkt. Mit der Zeit habe ich sie allerdings besser verstehen können. Die Schwierigkeiten, mit ihr warm zu werden, basierten vor allem darauf, dass man ihre Innensicht nicht geschildert bekommt. Die Erzählinstanz wechselt immer zwischen Katie und Mary, aber Caroline bleibt immer unbeleuchtet. Über sie wird erzählt, aber sie erzählt nicht selbst. Das kommt erst ziemlich spät im Buch. Ich denke, das war ganz gut so, weil man dadurch als Leser nicht über alle Puzzleteile verfügt. 
In all dem Durcheinander kam mir Katies Bruder etwas zu knapp. Hin und wieder habe ich mich gefragt, welche Rolle er für die Handlung spielt, und kam zu dem Schluss, dass er wohl einfach nur ein Randcharakter war, der als Gegengewicht zur der weiblichen Dominanz fungieren sollte. Ebenso hätte ich mir gewünscht, dass Katies Vater eine aktive Rolle bekommen hätte und nicht nur eine Figur in den Erinnerungen der drei (oder vier, wenn man Katies Bruder mitzählt) gewesen wäre. 

Fazit


Die Ungehörigkeit des Glücks hat mich nicht durch atemlose Spannung begeistert, sondern wegen der Ernsthaftigkeit und dem Fingerspitzengefühl, mit dem die (teilweise überraschenden) Themen erzählt werden. Die Autorin konzentriert sich auf die Ausgestaltung ihrer Charaktere, sodass man ein gutes Gespür für sie entwickelt. Das war für mich vollkommen ausreichend, um ihren jeweiligen Weg mit Interesse zu verfolgen.



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