Donnerstag, 10. März 2016

REZENSION: "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" (Jonas Jonasson)

Copyright der Hörverlag

 Titel: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand
 Autor: Jonas Jonasson
Genre: Roman
Sprecher: Otto Sander
Format: Hörbuch (9,99 €), TB, eBook
Länge: 453 Minuten (416 Seiten)
ISBN: 978-3867179560 

Inhalt:

 Allan Karlsson wird 100 Jahre alt, doch auf die große Feier, die das Altenpflegeheim, in dem er lebt, ihm zu Ehren ausrichtet, hat er eigentlich überhaupt keine Lust. In Pantoffeln und Schlafanzug steigt der alte Kauz deshalb kurzerhand aus dem Fenster und versetzt mit seinem Verschwinden auch gleich ganz Schweden in Aufruhr. Während die Polizei von einer Entführung ausgeht, genießt Allan seine neu gewonnene Freiheit und begibt sich auf einen turbulenten Roadtrip mit allerlei merkwürdigen Reisegenossen. Doch das ist für den Hundertjährigen nichts Neues, denn erlebt hat er in seinem langen Leben wahrlich allerhand...

So gefällt mir das Cover:

Anfangs habe ich mich über das doch recht spezielle Cover ganz schön gewundert, denn ich konnte mir nicht so recht vorstellen, wie der darauf abgebildete Elefant in Zusammenhang mit der Lebensgeschichte des hundertjährigen Allan steht. Tatsächlich hat sich jedoch herausgestellt, dass auch in der Geschichte ein Elefant vorkommt. Das Cover ist trotzdem ziemlich skurril, passt aber damit hervorragend zum außergewöhnlichen Titel und der leicht durchgeknallten Story.

Meine Meinung:

Jonas Jonassons zweiten Bestseller - Die Analphabetin, die rechnen konnte - las ich schon vor einer ganzen Weile und war begeistert. Jetzt kam auch endlich Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand an die Reihe und zwar in Form des Hörbuchs, gesprochen von Otto Sander. Auf dem Weg zur Arbeit und wieder zurück nach Hause habe ich so den etwas durchgeknallten Allan Karlsson auf seiner turbulenten Reise begleitet.

Geschichte und Erzählstil:

Die Handlung von Jonas Jonassons Roman setzt in genau dem Moment ein, in dem der hundertjährige Allan Karlsson, bekleidet mit Pantoffeln und Pyjama, kurzerhand aus dem Fenster seines Zimmers im Altenheim steigt und zwar an seinem 100. Geburtstag. Zunächst begleitet man den sympathischen Alten bis zum Reisezentrum der Stadt, wo er kurz entschlossen einen riesigen Koffer mitgehen lässt, und schließlich zu einem abgelegenen Bahnhof, wo er prompt Freundschaft mit einem Kleinkriminellen schließt. Unterbrochen wird die laufende Handlung im Mai 2005 immer wieder von Rückblicken, in denen Stück für Stück Allans Lebensgeschichte ab seiner Geburt im Frühjahr 1905 erzählt wird. Dabei hat es mir gut gefallen, dass Jonasson hier mit Daten und Jahreszahlen arbeitet und man so auch beim Zuhören nicht durcheinander kommt und der Geschichte recht gut folgen kann.

Allan Karlsson, Jonassons Protagonist, ist ein echtes Original. Der Hundertjährige scheint genauso wenig in ein Altenheim zu gehören wie ein Elefant in einen Reisebus - letzteres geschieht im Laufe der Geschichte auch noch. Dabei ist Allan ein sympathischer, stets unbekümmerter, naiver, leicht trotteliger, aber keinesfalls dummer Charakter: Irgendwie ein schwedischer Forrest Gump. Das Glück ist immer (wirklich immer!) auf Allans Seite und das kann er auch wirklich gebrauchen, denn er manövriert sich geschickt in eine brenzlige Situation nach der anderen, schafft es jedoch, sehr zu meinem Erstaunen, jedes Mal aufs Neue, mit höchstens ein paar blauen Flecken davonzukommen.
 
Allan hat in der Vergangenheit nämlich nicht nur ausversehen den lokalen Großhändler in die Luft gesprengt oder General Franco das Leben gerettet, sondern auch per Zufall entdeckt, wie man eine funktionierende Atombombe baut und musste auch herausfinden, dass Stalin leider keinen Spaß versteht, wenn es darum geht, einen Faschisten vor dem sicheren Tod zu bewahren. Aber: Allan hat mittlerweile bei den großen Politikern der Welt einen Stein im Brett - kein Wunder also, dass diese ihn nur zu gerne jedes Mal aufs Neue retten.

Natürlich ist die Geschichte fantastisch, skurril und unglaubwürdig - genau wie der Roadtrip im Mai 2005, dem sich neben Allan und dem Kleinkriminellen auch noch ein Imbissbudenbesitzer / Beinahe-Tierarzt / Beinahe-Fahrlehrer, eine rothaarige Frau mit dem Namen "die schöne Frau" samt ihrer Haustiere (Hund und Elefant) und schließlich auch ein gewaltbereiter Bandenchef anschließen. Langeweile kommt da auf keinen Fall auf! Jeder einzelne Charakter ist genauso originell und speziell wie Allan selbst und alle miteinander sind sie ein unterhaltsamer, bunter Haufen.

Amüsiert hat es mich vor allem, dass Jonasson Allans Geschichte mit einer trockenen Selbstverständlichkeit erzählt, die ich schon aus Die Analphabetin... kannte. Die Handlung ist dermaßen absurd und doch auf eine total abgedrehte Art und Weise absolut glaubwürdig. Aufgrund von Jonassons einzigartigem Schreib- bzw. Erzählstil kommt man gar nicht erst auf die Idee, an Allans Lebensgeschichte zu zweifeln. Das ist einfach ein fantastischer Kniff, welcher Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand zu einem außergewöhnlichen und besonderen Buch macht.

Alles in allem hat mir die Geschichte vom Hundertjährigen, der einfach in jeder Lebenslage unglaubliches Glück hat und schon unzählige Male hätte sterben müssen, sehr gut gefallen. Dabei habe ich aber die Passagen, die im Jahr 2005 spielen, mehr gemocht als die Rückblicke. Zwischenzeitlich wurden mir dann einfach zu viele Politiker und große Persönlichkeiten in die Geschichte eingewebt und ich habe mich beim Hören immer wieder dabei ertappt, wie ich mit meinen Gedanken abgeschweift bin und nicht mehr richtig folgen konnte. 

Sprecher:   

Gelesen wird Jonassons Roman von Otto Sander, dem mittlerweile verstorbenen Schauspieler, Erzähler und Synchronsprecher. Sander erzählt die skurrile Geschichte mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit und Beiläufigkeit, die wie die Faust aufs Auge zu Jonassons Schreibstil passen - wirklich die gelungenste Sprecherauswahl bei einem Hörbuch, der ich bis jetzt begegnet bin! Sanders warme und sehr sympathische Stimme passt zu dem hundertjährigen, leicht naiven Allan und ich hatte ihn beim Hören direkt vor Augen. Man stellt sich einfach einen alten Großvater vor, der mit Pantoffeln an den Füßen und karierter Decke auf dem Schoß in seinem gemütlichen Sessel sitzt und aus seinem Leben erzählt. Otto Sander erzählt auf eine sehr humorvolle und schelmische Weise und mit viel Witz. Man kauft ihm den Allan Karlsson komplett ab. Mein einziger Kritikpunkt am Sprecher ist, dass Sander die übrigen Charaktere sprachlich nicht ganz so individuell verkörpert hat. Ansonsten bin ich vom Sprecher aber wirklich absolut überzeugt und restlos begeistert!

Mein Fazit:

Jonas Jonassons erfolgreicher Bestseller erzählt die skurrile, fantastische und irrwitzige Geschichte des mittlerweile hundertjährigen Allan, der seit seiner Geburt im Prinzip nichts anderes getan hat, als die Welt immer wieder aufs Neue so richtig durcheinander zu rütteln. Allan und seine Gefährten, mit denen er sein letztes großes Abenteuer bestreitet, sind alle miteinander originelle, spezielle und leicht verschrobene Charaktere, die man einfach sympathisch finden muss. Auch wenn ich vor allem während der zahlreichen Rückblicke immer mal wieder den Faden verloren habe, haben mich Jonassons einzigartiger Schreib- und Otto Sanders phänomenaler und absolut authentischer Erzählstil fast durchgehend fantastisch unterhalten. Ein etwas anderer Roman mit viel Humor und Witz - und vor allem als Hörbuch sehr zu empfehlen.


 

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