Dienstag, 29. März 2016

REZENSION: "28 Tage lang" (David Safier)

Copyright Argon Hörbuch

Titel: 28 Tage lang
Autor: David Safier
Genre: Historischer Roman / Abenteuerroman / Lagerliteratur
Sprecher: Maria Koschny
Erscheinungsjahr: 2014
  Format: Hörbuch (19,95 €), HC, TB, eBook
Länge: 7 Stunden, 10 Minuten (416 Seiten)
ISBN: 978-3839813065

Inhalt:

Die sechzehnjährige Mira riskiert Tag für Tag ihr Leben, um Lebensmittel ins Ghetto von Warschau zu schmuggeln und so sich und ihre Familie zu ernähren. Doch schon bald verschlimmert sich die Lage im Ghetto. Vermehrt treibt die SS Juden zusammen, um sie in den "Osten umzusiedeln" - eine Umschreibung für "Massenmord", wie Mira schon bald herausfindet. Ihre einzige Chance ist es, sich dem jüdischen Widerstand anzuschließen und der SS zu trotzen. Und genau das gelingt den Rebellen auch. Ganze 28 Tage lang. 28 Tage, in denen Mira Verrat, Liebe, Tod, Loyalität und großes Leid erlebt. 28 Tage, die für sie alles verändern und in denen sie sich entscheiden muss, was für ein Mensch sie sein will...

So gefällt mir das Cover:

Das Cover zu 28 Tage lang finde ich unheimlich gelungen, denn es wirkt genauso düster und bedrohlich wie die Geschichte, die den Leser mitnimmt in das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. Es ist relativ schlicht und trotzdem sehr aussagekräftig - vor allem das schwelende und leicht angekokelte Papier passt zum Thema des Romans. 

Meine Meinung:

Gelesen habe ich David Safiers wohl berührendsten und ungewohnt ernsten Roman 28 Tage lang schon vor ungefähr zwei Jahren. Da ich vor Kurzem das Hörbuch ganz günstig schnappen konnte, begleitete er mich nun noch einmal jeden Tag zur Arbeit und wieder zurück. Und wieder hat mich die Geschichte der 16-jährigen Mira zu Tränen gerührt, tief bewegt und so unglaublich betroffen gemacht.

Geschichte und Erzählstil:

Im weitesten Sinne ist 28 Tage lang Lagerliteratur bzw. ein auf Tatsachen beruhender historischer Roman. Gleichzeitig ist es aber auch ein Jugend-, Abenteuer- und Fantasyroman sowie ein Thriller und eine Detektivgeschichte und damit ein beeindruckender Genremix und ein unfassbar vielschichtiges Werk, das Safier unglaublich gut gelungen ist. Von der ersten bis zur letzten Seite ist 28 Tage lang wahnsinnig spannend und zieht den Leser in einen Sog, aus dem man nicht wieder herauskommt. 

Das liegt vermutlich zum großen Teil an Safiers Protagonistin, der 16-jährigen Mira, die im Warschauer Ghetto nur deshalb überlebt, weil sie Tag für Tag Lebensmittel vom polnischen Teil der Stadt hinter die Mauern schmuggelt. Mira ist ein mutiges und sehr starkes Mädchen, die zu schnell erwachsen werden musste, sie ist aber auch unsicher und hat Schwächen und Fehler. Sie ist ein Teenager, der keiner sein darf und damit so unglaublich authentisch, dass man von der ersten Seite (bzw. vom ersten Ton an) mit ihr mitfiebert, mit ihr lacht, mit ihr weint, mit ihr trauert und mit ihr triumphiert. Safier schafft eine beeindruckende Nähe zu seiner Protagonistin, auch dadurch, dass die Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt wird und man so in Miras Gedanken- und Gefühlswelt eintauchen kann. Man erlebt das Warschauer Ghetto sozusagen hautnah - eine absolut erschreckende, aber auch fesselnde Erfahrung.

Besonders gut gefällt mir die Darstellung von Miras Kampf mit sich selbst. Immer wieder fragt sie sich "Was für ein Mensch will man sein?", versucht, all das Leid, das sie miterlebt, zu verarbeiten und ihre Taten zu rechtfertigen und zweifelt am Ende daran, ob sie es wirklich wert ist, zu überleben. Mira ist eine 16-Jährige, die sich mit ganz normalen Teenager-Problemen herumschlägt, z.B. der ersten Liebe, der Wut auf ihre Eltern (vor allem ihre Mutter) und einer manchmal nervigen kleinen SchwesterUnd plötzlich ist sie eine Widerstandskämpferin, die schlagartig erwachsen werden, Mut beweisen und sogar töten muss und der ihr eigenes Leben bald schon nichts mehr wert ist. Ihre inneren Kämpfe kann man absolut nachvollziehen und Safier schafft es, dass man sich in sie hineinversetzt und sich immer wieder unweigerlich fragt: Was hätte ich wohl getan und wie hätte ich all das verkraftet?

Denn man muss eines ganz klar sagen: Safier erzählt Miras Geschichte zwar auf sehr einfühlsame, aber auch auf eine eindringliche und schonungslose Art und Weise. Er bleibt (soweit nachvollziehbar) historisch genau und beschönigt nichts. Der Schrecken, der Terror des Ghettos, die Angst vor der sogenannten "Umsiedlung" und den unberechenbaren Soldaten der SS, der allgegenwärtige Tod und die Resignation der Opfer - all das steckt in jeder Seite des Romans. Safier gelingt es erschreckend gut, die bedrohliche Atmosphäre des Warschauer Ghettos einzufangen. Der Rauch brennender Gebäude sticht einem in die Augen, auf der Zunge liegt der metallische Geschmack von Blut und man spürt das blanke Grauen angesichts der Taten der SS. Einfach zu verdauen ist das alles nicht, aber das soll es ja auch auf gar keinen Fall sein.
   
28 Tage lang ist nämlich eine unheimlich gut durchdachte, kluge und mitreißende Aufarbeitung eines schweren historischen Stoffes, an den Safier derart geschickt herangeht, dass er vor allem auch das Interesse von Jugendlichen weckt. Und das ist ja das Wichtigste, denn solche Geschichten wie die der fiktiven Mira sind tatsächlich passiert und sollten, nein dürfen niemals vergessen werden.

Abgesehen davon, dass Safier ein Thema gewählt hat (den 28 Tage andauernden Aufstand im Warschauer Ghetto), das im Zusammenhang mit dem Holocaust noch nicht allzu bekannt und deswegen besonders interessant und faszinierend ist, greift er außerdem Tabuthemen auf, die einem eine ganze Menge Stoff zum Nachdenken geben. So zum Beispiel die Resignation der Juden und ihre Weigerung zu erkennen, was die Deutschen tatsächlich vorhaben. Immer wieder wird diskutiert, inwiefern die Juden sich einfach von Anfang an hätten wehren können und das ist natürlich eine kontroverse Frage, mit der auch Safiers Protagonistin Mira sich auseinandersetzt.

Kleine Pausen zum Durchatmen gewährt Safier dem Leser bei all den bedrückenden und beklemmenden Themen dennoch und zwar nicht nur mit den Textstellen, in denen Mira über ihre Liebe zu ihrem Retter Amos nachdenkt und sich in ihr verliert, sondern auch mit geschickt in die Handlung eingewobenen Fantasy-Passagen. Ganz genau, Fantasy. Mitten in einem Holocaust-Roman. Aber das ist keinesfalls ein Fauxpas, sondern ein weiteres kluges Handlungselement. Denn immer, wenn Mira es im Ghetto und inmitten der Kämpfe nicht mehr aushält, flüchtet sie sich in die erdachte Fantasiewelt ihrer kleinen Schwester Hanna - die Welt der 777 Inseln. Dort kann sie Hanna wiedersehen, mit ihr reden und gemeinsam mit ihr gegen den Spiegelmeister kämpfen, einem ausgedachten Tyrann. Damit ist die Welt der 777 Inseln nicht nur eine Allegorie auf das Warschauer Ghetto und den Kampf gegen die Deutschen, sondern auch eine Art Traum- oder Parallelwelt, die Mira Zuflucht vor den Grauen der realen Welt bietet. Und auch dem Leser. 

Sprecher:    

Gelesen wird 28 Tage lang von Maria Koschny, die auch schon die Hörbuchfassungen von Die Tribute von Panem aufgenommen hat. Ihre Stimme passt perfekt zur 16-jährigen Mira und kann Emotionen und Ängste hervorragend transportieren. Maria Koschny lässt die Geschichte auf eine sehr erschreckende, aber auch mitreißende Art und Weise lebendig werden und hat es geschafft, dass ich während des Hörens alles um mich herum vergessen und mich nur noch auf Safiers Worte konzentriert habe. Dass sie diesen schwierigen und so erschreckenden Stoff derart gut umsetzt, hat mich sehr beeindruckt und tief bewegt.

Mein Fazit:

28 Tage lang ist unbestreitbar David Safiers bestes Buch und auch sein ernstestes, ehrlichstes und bewegendstes. Mit der fiktiven Protagonistin Mira wird die Geschichte lebendig, sie wird greifbar und lässt einen angesichts ihrer Grausamkeit den Atem stocken. Den Hut ziehe ich vor allem vor Safiers unvergleichlichem Erzählstil und seiner Raffinesse, mit der er die Geschehnisse und die Zustände des Warschauer Ghettos keinesfalls verharmlosend, sondern schockierend realitätsnah und schonungslos und trotzdem irgendwie verträglich und mitreißend erzählt. Für mich ist 28 Tage lang ganz ohne Frage einer der besten modernen Romane, der mich auch in der Hörbuchfassung komplett gepackt und betroffen gemacht hat.


  

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