Mittwoch, 10. Februar 2016

REZENSION: "Von Mr. Holmes zu Sherlock: Meisterdetektiv - Mythos - Medienstar" (Mattias Boström)

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Titel: Von Mr. Holmes zu Sherlock

Autor: Mattias Boström

Genre: Sachbuch

Verlag: btb

Erscheinungsjahr: 2015

Format: Klappenbroschur (14,99 €)

Seiten: 608

ISBN: 978-3442713363


Inhalt:  

Der Meisterdetektiv Sherlock Holmes ist heute, mehr als 120 Jahre nach seiner "Geburt", noch immer allgegenwärtig. Er begegnet uns in zahlreichen Neu-Adaptionen wie "Sherlock" von der BBC, der Krimiserie "Elementary" und Guy Richies Kino-Blockbustern. Doch wie wurde Sir Arthur Conan Doyles Mr. Holmes zu dem Sherlock der Neuzeit und wie haben Interpreten, Illustratoren, Schriftsteller und Regisseure im Laufe der Neuzeit Einfluss auf die literarische Figur genommen? In seinem Buch zeichnet Mattias Boström diesen Weg nach und enthüllt auf jeder Seite Faszinierendes über den wohl bekanntesten Meisterdetektiv der Welt und seine Fans, Anhänger und Erschaffer.


So gefällt mir das Cover:

Das Cover ist ein echter Hingucker und vor allem für Holmes-Liebhaber wie mich eine wahre Augenweide. Mir gefällt, dass es relativ schlicht gehalten, aber dafür sehr ausdrucksstark ist. Die angegilbten Seiten wirken nostalgisch und die Silhouetten vom klassischen Holmes und Benedict Cumberbatch als Sherlock heben die Thematik des Buches hervor. Wirklich sehr gut gelungen!

Meine Meinung:

Mattias Boströms Werk ist ja nicht das erste Sachbuch über Sherlock Holmes, das ich mir zu Gemüte geführt habe, wohl aber ohne Zweifel das am besten recherchierte und ausführlichste. Und mit etwa 600 Seiten auf jeden Fall auch das mächtigste. Um all die Fakten in sich aufzunehmen, die Boström in Von Mr. Holmes zu Sherlock aufarbeitet, muss man definitiv wach beim Lesen sein, der einzigartige Schreibstil erleichtert das Ganze aber ungemein.

Das Besondere an Boströms Buch ist nämlich, dass es im Roman-Stil verfasst ist und somit eher an Prosa als an ein Sachbuch erinnert. Es liest sich wesentlich spannender und flüssiger als die meisten anderen Werke dieses Genres und ist erzählerisch wirklich herausragend, auch wenn der Stil für ein Sachbuch natürlich recht untypisch ist, da der Erzähler wertet, teilweise Innensicht in die Figuren hat und man so natürlich nie weiß, welche Fakten nun belegt sind und welche nicht - wie in einem Roman eben. Aufgrund der zahlreichen Belege im Anhang kann man allerdings davon ausgehen, dass Boström tatsächlich penibel genau recherchiert und einfach eine besonders populäre Form der Aufarbeitung genutzt hat. Insofern: Chapeau!

Allerdings birgt Boströms Erzählstil auch so seine Tücken. Immer wieder arbeitet er beispielsweise mit Zeitsprüngen und Rückblicken, was die eigentlich chronologische Skizze der Entwicklung des Sherlock Holmes etwas durcheinander bringt und auch den Lesefluss stört. Prosa-Stil: Ja, aber übertreiben sollte man es nicht. Für ein wissenschaftlich fundiertes Sachbuch sind Zeitsprünge u.ä. einfach absolut unpassend. Auch dass Boström immer wieder zwischen den verschiedenen Personen - von Arthur Conan Doyle selbst über seine Söhne bis hin zu Schauspielern, Illustratoren, Regisseuren, Autoren und Sherlockianern - hin und her springt und angesichts der schieren Masse an Persönlichkeiten, trägt das zusätzlich dazu bei, dass man als Leser zunehmend den Faden verliert und sich nicht wirklich darauf konzentrieren kann, in welchem Verhältnis die jeweilige Person zu Sherlock Holmes steht.

Denn Boströms Buch beschäftigt sich - anders als der Titel vermuten lässt - nicht hauptsächlich mit der literarischen Figur des Sherlock Holmes, sondern mit den Menschen, die ihn geprägt, ihm Leben eingehaucht und ihn weiterentwickelt haben. Das ist ein interessanter Blickwinkel, denn so erfährt man zum Beispiel, wie Holmes zu Deerstalker und Pfeife kam oder wie sich der Satz "Elementary, my dear Watson" derart verbreiten konnte, obwohl Conan Doyle ihn nie geschrieben hat. Boström zeigt sozusagen auf, welcher Schauspieler, Illustrator, Autor oder Regisseur in welcher Weise Einfluss auf die literarische Figur Sherlock Holmes genommen hat. So kann man als Leser die Entwicklung des Phänomens sehr schön nachvollziehen. Auch auf technische Neuerungen (z.B. Radio, Film, Automobil) nimmt Boström Bezug und so wird tatsächlich deutlich, wie aus Mr. Holmes im Laufe der Zeit Sherlock wurde.

Interessante Fakten liefert der Autor außerdem zur Beziehung zwischen Arthur Conan Doyle und seiner Figur, die deutlich macht, dass Sherlock Holmes für ihn vor allem eine Geldquelle denn eine Leidenschaft war, sowie zu Begegnungen mit Zeitgenossen wie Oscar Wilde und Christopher Morley, zu Parodien, Pastiches, Kopien und letztlich zum Urheberrecht. Letzteres weitet Boström allerdings ziemlich aus und so liest man seitenweise von Rechtsstreitigkeiten, Copyright und dergleichen, was irgendwann einfach ermüdend und wenig bereichernd ist. Ich habe diese Stellen dann überflogen oder gar ausgelassen, weil ich einfach nicht mehr wissen wollte, bei wem das Copyright für Doyles Werke dann und dann war. Meiner Meinung nach verzettelt sich Boström in diesem Punkt und Sherlock Holmes gerät in den Hintergrund. Der gesamte Mittelteil zog sich ewig in die Länge, vor allem auch deswegen, da nach Arthur Conan Doyles Tod bis in die 1960er Jahre hinein insgesamt wenige Neu-Interpretationen, Pastiches etc. hinzukamen. Und das sind ja eigentlich die wirklich interessanten Dinge in Boströms Buch.

Insgesamt waren der Teil bis zu Conan Doyles Tod und der ab der britischen Granada-Serie die interessantesten Passagen, die auch eingefleischten Holmes-Liebhabern wie mir noch die ein oder andere neue Erkenntnis vermitteln konnten. Boström lässt einen eintauchen in die Welt der Sherlock Holmes Gesellschaften, Ausstellungen, Ehrungen und Veranstaltungen zugunsten des Detektivs und führt einem so einmal mehr vor Augen, was für ein Phänomen Sherlock Holmes doch ist, indem er wesentlich berühmter als sein Schaffer ist und vor allem von den sogenannten Sherlockianern als reale Person gefeiert wird. Man spürt Boströms eigene Leidenschaft ganz deutlich und merkt, wie sehr er Arthur Conan Doyle und auch William Gillette verehrt. Er widmet sein ganzes Leben dem Privatdetektiv und das finde ich höchst erstaunlich.

Ich selbst bin ja nun Jahrgang 1991 und damit nach den größten Holmes-Interpretationen (William Gillettes Theaterstück, "The Hound of the Baskervilles" von 1939 und der Granada-Serie aus den 80er Jahren) geboren. Es waren Guy Ritchies Filme mit Robert Downey Jr. und Jude Law sowie die Mangaserie "Detektiv Conan", die mich zum begeisterten Sherlock Holmes Fan machten und deswegen waren die letzten 50 Seiten von Boströms Buch für mich am interessantesten. Hier wurde ich aber leider enttäuscht. Auf "Detektiv Conan" geht Boström gar nicht ein (obwohl die Parallelen der Serie zu Conan Doyles Geschichten wirklich erstaunlich sind, wann beschäftigt sich mal endlich jemand näher damit?) und Guy Ritchies Filme, die us-amerikanische Erfolgsserie "Elementary" sowie literarische Pastiches von Anthony Horowitz und Lyndsay Faye erwähnt er nur am Rande. Lediglich der BBC-Serie "Sherlock" gibt Boström, zurecht, mehr Raum. Doch auch hier wäre eine detailliertere Betrachtung wünschenswert gewesen. Am spannendsten sind doch eigentlich die Figuren, die nicht direkt Sherlock Holmes abbilden, aber auf ihn Bezug nehmen wie eben zum Beispiel Detektiv Conan oder auch Dr. House. Im Großen und Ganzen waren mir Boströms Überlegungen alle schlicht zu theoretisch. Er hätte Zusammenhänge zwischen all den Interpretationen und Darstellungen herstellen und meiner Meinung nach wenigstens einen Ticken literaturwissenschaftlicher an die Sache herangehen können. Hält man sich den Titel des Buches vor Augen - nämlich Von Mr. Holmes zu Sherlock: Meisterdetektiv - Mythos - Medienstar -, so enttäuscht Boströms Buch und ist auf gar keinen Fall vollständig (das hatte ich in einer anderen Rezension gelesen). Weniger Copyright, mehr Holmes - das wäre das Erfolgsrezept gewesen. Dennoch finde ich es sehr schön, wie Boström darstellt, dass der heutige Sherlock eben nicht alleine Conan Doyles Fantasie entsprungen ist, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Neu-Interprationen und Adaptionen. Sherlock ist sozusagen ein "Gemeinschaftswerk".

Mein Fazit:

Mattias Boströms Buch Von Mr. Holmes zu Sherlock ist ein hervorragend recherchiertes und herausragend erzähltes Sachbuch, das sich so flüssig liest wie ein Roman und selbst für eingefleischte Sherlock Holmes Fans noch die ein oder andere Überraschung bereithält. Als Standardwerk würde ich den Band allerdings nicht bezeichnen, denn Boström konzentriert sich für meinen Geschmack zu sehr auf theoretische Aspekte und die verschiedenen Copyright-Situationen nach Conan Doyles Tod und vernachlässigt dabei leider die literarische Figur. Vor allem die Betrachtung neuerer Interpretationen, Pastiches und Verfilmungen ist viel zu oberflächlich und liefert wenig Neues. Meiner Meinung nach hätte Boström sich mehr von der literaturwissenschaftlichen Seite aus dem Thema nähern und einen Zusammenhang zwischen all den verschiedenen Sherlock Holmes' herstellen sollen. Vor allem der quälend langatmige Mittelteil hat mir beim Lesen ziemlich zugesetzt. Angesichts des Titels hatte ich einfach mehr erwartet.


  

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