Montag, 22. Februar 2016

REZENSION: "Der Märchenerzähler" (Antonia Michaelis)

© Oetinger Verlag
Titel: Der Märchenerzähler

Autor: Antonia Michaelis

Genre: Thriller 

Verlag: Oetinger Verlag 

Erscheinungsjahr: 2013

Format: Taschenbuch (8,99€)

Seiten: 447

ISBN: 978-3-8415-0247-6



Inhalt

Die ganze Schulzeit über hat Anna dem verschlossenen Abel kaum Beachtung geschenkt. Ein einziges Gespräch ändert das plötzlich. Sie ist fasziniert von dem Jungen, der sich so rührend um seine kleine Schwester kümmert, und von dem Märchen von der Prinzessin mit dem Diamantherz, das er ihr erzählt. Hals über Kopf verliebt sie sich in ihn. Doch die Realität ist kein Märchen, in dem alles gut ist. Sie ist grausam und unvorhersehbar. Als die Leiche eines Mannes aufgefunden wird, der in Verbindung zu Abel steht, beginnt Anna an allem und jeden zu zweifeln. Wo war Abel in der Nacht des Mordes? Und wessen kalten Atem spürt sie in ihrem Nacken?


Cover

Um ehrlich zu sein, empfinde ich das “Outfit” des Romans als eher unscheinbar und wenig ansprechend. In einem Meer aus Büchern hätte ich es mir wohl nicht herausgepickt, wenn ich nicht explizit danach gesucht hätte. In diesem Fall wird das Äußere dem Inneren meiner Meinung nach nicht ganz gerecht.

Meine Meinung


Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass mich das Buch von vorne bis hinten überrascht hat. Nahezu nichts war so, wie ich es beim Kauf vermutet oder erwartet hätte. Ich hatte aufgrund des Titels mit einem stärkeren Fantasy-Bezug gerechnet, aber die Geschichte war alles andere als realitätsfern. Im Gegenteil wird hier ziemlich wenig beschönigt und soziale Missstände und Probleme werden offen thematisiert. Letzteres hängt mit Abels familiärer Situation zusammen, denn erstens sind sie finanziell nicht gerade vom Glück begünstigt und zweitens sind seine Eltern nicht zugegen (woran das liegt, ist wesentlicher Bestandteil der Geschichte, darum hülle ich mich hier in Schweigen). Was ihn für Anna und mich so faszinierend macht, ist seine bedingungslose Liebe zu seiner kleinen Schwester Micha, der er auch ursprünglich das Märchen erzählt. Für sie würde er alles tun - und damit meine ich auch wirklich alles. Er ist der klassische tragische Held: er tut das Falsche aus den richtigen Gründen, z.B. indem er Lehrer und Sozialarbeiter bezüglich seiner Familiensituation belügt.
Auch Anna war so ganz anders, als man das bei jugendlichen Protagonisten gewöhnt ist. Im Gegensatz zu den meisten weiß sie, was sie will, und versteckt sich nicht. Anstatt ihre Gefühle für Abel zu verstecken, geht sie offen damit um und lässt sich auch von ihren Klassenkameraden nicht beeinflussen, die ihn in ihren Augen schlecht machen wollen. Hoch erhobenen Hauptes steht sie zu ihm und das ist wirklich bemerkenswert. Ihre einzige Unsicherheit besteht darin, dass sie nicht weiß, wer der Mörder sein könnte und wem sie glauben soll und kann. 
Auch wenn ich nicht behaupten kann, dass Anna und Abel perfekt miteinander harmonieren, so wird ihre Beziehung doch überaus erwachsen und ihre Gefühle als sehr glaubhaft dargestellt. Von Schmalz fehlt hier jede Spur!
Der dritte Punkt, der mich überrascht hat, war die Auflösung. Die ganze Zeit über dachte ich, ich wüsste, wer der Täter ist. Aber ich lag völlig falsch. Antonia Michaelis hat mich da hervorragend in die Irre geführt. Das hängt vor allem damit zusammen, dass hin und wieder die Perspektive gewechselt wird. Das Geschehen wird dann von einer Person in “Beobachterrolle” geschildert, die Anna und Abel immerzu verfolgt. Das wirkte nicht nur beängstigend, sondern war auch hochgradig verwirrend, weil man nicht wusste, um wen es sich dabei handelt. 
Womit ich allerdings gehadert habe, war der Erzählstil an sich. Zwar konnte ich mich schon in Anna hineinversetzen, aber irgendwie bestand immer eine Barriere zwischen ihr und mir, die ich nicht überwinden konnte. Ich kam mir vor wie eine Schaulustige an einem Tatort: mittendrin, aber dennoch seltsam losgelöst und unbeteiligt. Anders kann ich es leider nicht erklären. Das hat dazu geführt, dass mir erstens der Einstieg in den Roman ungeheuer schwer gefallen ist und zweitens, dass mir die Agierenden immer ein Stück fremd waren. 
Auch das “Märchen” (das ziemlich offensichtlich keines ist), welches Abel über die Zeit erzählt und weiterspinnt, wollte mich nicht so wirklich packen. Wenn ich ehrlich bin, hätte ich während des Lesens gut darauf verzichten können. Allerdings bin ich mir nun im Nachhinein darüber bewusst, welchen unglaublichen Symbolgehalt die Geschichte in der Geschichte hat. Das Märchen ist quasi der Schlüssel zur Aufklärung. Hätte ich dem also mehr Aufmerksamkeit geschenkt, wäre vielleicht der Ausgang des Romans keine so große Überraschung gewesen.

Fazit


Die Geschichte ist von Anfang bis Ende gut durchdacht, in sich stimmig und kann durch zwei sehr starke Protagonisten überzeugen. Wenngleich mich das “Märchen” und der Stil nicht direkt in den Bann ziehen konnten, so hat mich der Roman dennoch schwer beeindruckt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Autorin mich bis zur letzten Seite in die Irre geführt hat.




1 Kommentare:

An Chan hat gesagt…

Huhu,
eine schöne Rezi. :) Ich habe "Der Märchenerzähler" letztes Jahr gelesen und kann deine Meinung dazu gut nachvollziehen. Mir hat der Schreibstil jedoch gut gefallen, auch wenn er anfangs tatsächlich eine Eingewöhnungsphase braucht.
Wenn du Interesse hast, kannst du ja in meine Rezi reinlesen. ;)

LG Alica

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