Mittwoch, 3. Februar 2016

REZENSION: "Das Feuerzeichen" (Francesca Haig)

Copyright Heyne fliegt

Titel: Das Feuerzeichen

Autor: Francesca Haig

Genre: Dystopie

Verlag: Heyne fliegt

Erscheinungsjahr: 2015

Format: Hardcover (16,99 €)

Seiten: 480

ISBN: 978-3453270138


Inhalt:

Cass lebt in einer zerstörten Welt, in der nur noch Zwillinge geboren werden. Doch während ein Zwilling stets ein kerngesunder Alpha ist, wird der andere mit einem Makel geboren und schon im Kindesalter als minderwertiger Omega gebrandmarkt. Cass ist ein solcher Omega und wird deshalb von ihrer Familie verstoßen. Doch das ist noch nicht alles: Da die Zwillingspärchen in einer nicht erforschten Abhängigkeit zu einander stehen, kann kein Geschwisterkind ohne das andere leben. So kommt es, dass Cass' Bruder Zach gleichzeitig ihr größter Feind und ihr engster Vertrauter ist. Doch Cass hat einen Traum: Die Unterdrückung der Omegas muss endlich aufhören! Sie sollen genauso frei sein wie die Alphas. Und um das zu erreichen, muss Cass gegen Zach ankämpfen...


So gefällt mir das Cover:

Das Cover ist einfach fantastisch! Die scheinbar angekokelten Seiten und das schwelende Omega-Zeichen passen unglaublich gut zur Geschichte und machen Lust auf eine spannende, düstere Dystopie. Auf jeden Fall ein Blickfang, an dem man nicht vorbeigehen kann.

Meine Meinung:

Der Punkt, an dem ich endlich die Nase voll habe von Dystopien, ist noch immer nicht erreicht (zweifelhaft, ob es überhaupt jemals so weit kommt). Deswegen hat mich Das Feuerzeichen von Francesca Haig nahezu magisch angezogen, denn die Idee klang für mich nicht nur neuartig und besonders originell, sondern auch herrlich verstörend und ein bisschen gruselig.

Und die Idee, das muss ich gleich am Anfang sagen, ist  auch einfach grandios: Haig erschafft in ihrem Roman eine mittelalterlich anmutende Welt nach der Zerstörung des sogenannten "Vorher", bei dem man davon ausgehen kann, dass es sich um unsere Gegenwart handelt. Nach der "Apokalypse" entwickeln sich die wenigen verbliebenen Menschen also nicht rasant weiter, sondern fallen zurück ins Mittelalter, größtenteils aus Angst vor der Technologie, von der sie ausgehen, dass sie ihren Vorfahren das Leben kostete - ein wirklich interessanter Gedanke. Doch nicht nur das: In dieser neuen, post-apokalypstischen Welt werden plötzlich ausschließlich Zwillinge geboren. Immer ein Junge und ein Mädchen und immer ist einer der beiden körperlich und geistig unversehrt, während der andere mit einem Makel bzw. einer Entstellung leben muss. So kommt es, dass sich zwei große Lager entwickeln: Die Alphas und die Omegas. Die makellosen Alphas übernehmen die Regierung und betrachten ihre Zwillinge - die Omegas - immer mehr als Seuche und Plage, die es zu unterdrücken und wünschenswerterweise schließlich komplett auszumerzen gilt.

Doch da gibt es ein Problem (und jetzt kommt der verstörendste Gedanke): Die Alphas können sich ihrer Omega-Geschwister nicht einfach entledigen, denn immer, wenn ein Zwilling schwer verletzt wird oder stirbt, ereilt das gleiche Schicksal auch den anderen - ganz egal, wo dieser sich gerade aufhält. Damit schafft Haig ein wahrhaft bedrohliches Szenario und einen Konflikt, der den ganzen Roman trägt. Sie nimmt praktisch die ohnehin schon bemerkenswerte Verbindung zwischen Zwillingen und treibt sie bis zum Äußersten. Das hat mich beim Lesen unheimlich beeindruckt. Das Alpha-Omega-System steckt in Haigs Geschichte schon so fest in den Köpfen der Bevölkerung drinnen, dass es undenkbar ist, dass beide Gruppen friedlich zusammenleben. Und hier kommt Cass ins Spiel: Sie und ihr Zwillingsbruder Zach wurden nicht wie üblich schon im Baby-Alter voneinander getrennt, da Cass eine Seherin und damit nicht offensichtlich körperlich entstellt ist. Cass ist sozusagen die Heldin der Geschichte und sie scheint auch der Schlüssel zu sein: Die nötige Unterstützung, die die Omega-Bewegung braucht, um sich endlich gegen die Alphas durchzusetzen.

Auf den ersten 100 Seiten lernt man Cass sehr genau kennen, wobei mir das fast schon ein bisschen viel war. Die ersten 100 Seiten sind sozusagen eine übermäßig lange Einleitung, denn Cass befindet sich in Haft und lässt ihr bisheriges Leben Revue passieren. So erfährt man zum Einen vieles über die dystopische Welt, was ich sehr schön finde, andererseits liest sich dieser Abschnitt aber ziemlich zäh, da es wenige Dialoge gibt, dafür aber viele Rückblenden und Monologe. Man erfährt dabei, dass Cass eine starke Persönlichkeit ist, die sich vor allem um andere sorgt und immer ein zwiespältiges Verhältnis zu ihrem Zwillingsbruder Zach hatte. Man kann sich gut mit ihr identifizieren, gegen Ende des Romans war es mir aber manchmal zu viel des Guten: So heilig kann doch kein Mensch sein!

Erst ab dem zweiten Fünftel kommt die Handlung so richtig in Fahrt und zwar ab dem Moment, in dem Cass einen Jungen in ihrem Alter befreit, der sich an seine Vergangenheit nicht erinnert. Sie nennt ihn Kip und gemeinsam fliehen sie vor Cass' Bruder und der sogenannten Beichtmutter (übrigens ein Begriff, der mich während des gesamten Lesens irgendwie extrem gestört hat) - einer Omega, die wie Cass selbst Seherin ist und mit den Alphas zusammen arbeitet, um den Widerstand zu zerschlagen. Die Reise von Cass und Kip hat mir mit am besten gefallen, denn sie war rasant, spannend und man hat die ganze Zeit über mitgefiebert. Es stellt sich währenddessen auch heraus, dass Cass eine ziemlich ungewöhnliche Seherin ist und Fähigkeiten besitzt, die extrem selten und wertvoll sind.    

War die Geschichte also zu Beginn noch ziemlich schwerfällig, so hat sie mich schließlich doch mitgerissen und spätestens ab der Mitte des Romans bin ich komplett in die Handlung und die dystopische Welt eingetaucht. Francesca Haigs flüssiger und angenehmer Schreibstil hat mir es dabei leicht gemacht. Sie beschreibt Cass' Welt sehr bildlich und man kann sich jedes Detail sehr gut vorstellen. Ich fand es auch erfrischend, dass nicht (wie in den meisten anderen Dystopien) eine Liebesbeziehung im Mittelpunkt steht, sondern die Beziehung zwischen Cass und ihrem Bruder, der übrigens ein ziemlicher Tyrann zu sein scheint. Zwar kommen auch Cass und Kip - wie sollte es anders sein - sich näher, das habe ich aber als sehr zart und unaufdringlich und irgendwie auch als logische Konsequenz empfunden. 

Der erste Band der Trilogie gibt viele Antworten auf die Fragen, die Cass sich stellt und die auch den Leser beschäftigen, nachdem Haig ihn mit in ihre düstere und obskure Welt genommen hat. Aber nach dem packenden Ende, das ziemlich bewegend, emotional und absolut überraschend gestaltet ist, bleibt auch noch vieles offen. Ich hoffe allerdings, dass sich die Folgebände nicht nur auf den Omega-Widerstand und seinen Kampf gegen die Alphas konzentrieren, sondern vor allem auf die großen Mysterien, die es zu enträtseln gibt. Allen voran natürlich die sogenannte Explosion, die die Menschen im "Vorher" tötete, und der Grund für die Zwillingsgeburten und die Verbindung zwischen den Geschwistern.

Mein Fazit:

Das Feuerzeichen ist der Auftakt zu einer packenden Trilogie, in der es um eine düstere Zukunftsvision geht, von der man so noch nichts gelesen hat. Francesca Haigs Ideen sind neu, erfrischend und absolut verstörend, was ihren Roman meiner Meinung nach zu etwas wirklich Besonderem macht. Hat man es erst einmal über die ersten 100 Seiten hinweg geschafft, taucht man voll und ganz in die Handlung ein und begibt sich zusammen mit Cass und Kip, beides sehr interessante und einnehmende Charaktere, auf eine spannende Reise und auf die Suche nach Antworten. Das Feuerzeichen hält einige Überraschungen für den Leser parat und ich bin sehr gespannt, in welche Richtung sich die Reihe noch entwickelt.


   
 

4 Kommentare:

kleeblatt hat gesagt…

Huhu,

das Buch klingt richtig gut und irgendwie ist es bisher an mir vorbeigegangen. Danke für die schöne Rezension, ich werde es mir auf jeden Fall merken.

Liebe Grüße
Corinna

sandy hat gesagt…

Die Geschichte klingt total spannend! Danke für die interessante Rezi, auch bei mir ist das Buch jetzt vorgemerkt :)
Allerliebste Grüße, Sandy ❤

Svenja Prautsch hat gesagt…

Huhu Corinna :)

Das Buch lohnt sich auf jeden Fall - man muss ein bisschen Geduld mit der Geschichte haben, aber dann haut sie einen um.

Liebe Grüße
Svenja

Svenja Prautsch hat gesagt…

Huhu Sandy :)

Dankeschön ♥ Ich kann es dir nur empfehlen, mich hat vor allem die Idee echt überzeugt.

Liebe Grüße
Svenja

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