Freitag, 8. Januar 2016

REZENSION: "Am Ende der Welt traf ich Noah" (Irmgard Kramer)

Copyright Loewe Verlag

Titel: Am Ende der Welt traf ich Noah

Autor: Irmgard Kramer

Genre: Jugendroman / Mystery

Verlag: Loewe

Erscheinungsjahr: 2015

Format: Hardcover (17,95 €)

Seiten: 352

ISBN: 978-3785581278


Inhalt:

Ein herrenloser, roter Koffer ist für Marlene die lang ersehnte Möglichkeit, aus ihrem viel zu behüteten Leben auszubrechen und sich Hals über Kopf in ein Abenteuer zu stürzen. Und so nimmt sie kurzerhand eine andere Identität an und landet in einer geheimnisvollen Villa mitten im Nirgendwo. Dort soll sie dem blinden Teenager Noah Schwimmunterricht geben. Dieser lebt zusammen mit einer merkwürdigen Nonne, dem etwas zwielichtigen Hausmeister und Jäger Viktor und dem zurückhaltenden Koch Anselm allein auf dem Anwesen und schon bald fragt sich Marlene, ob sie und Noah hier am Ende der Welt festgehalten werden. Welche Geheimnisse verbergen die alten Mauern der Villa und was steckt hinter der ständigen Überwachung durch die Nonne? Wo sind eigentlich Noahs Eltern?


So gefällt mir das Cover:

Das Cover ist der Hauptgrund, weshalb ich in der Buchhandlung nicht an Am Ende der Welt traf ich Noah vorbeigehen konnte. Es wirkt idyllisch und macht direkt Lust auf den Sommer und auf lange gehütete Geheimnisse, die es zu enthüllen gilt. Besonders gut gefallen mir das schemenhaft gezeichnete Mädchen mit dem roten Koffer und die hellen, verwaschenen Farben. Wirklich ein wunderschönes Cover.

Meine Meinung:

Am Ende der Welt traf ich Noah von Irmgard Kramer ist so ein Buch, bei dem der Klappentext zwar neugierig auf den Inhalt macht, man aber am Ende von der Dimension der Geschichte völlig überwältigt ist, weil man einfach nicht damit gerechnet hat. Aber erst einmal vorweg: Erzählt wird aus der Sicht der Teenagerin Marlene, die sich gleich zu Beginn Hals über Kopf in ein Abenteuer stürzt und in einer von der Außenwelt abgeschnittenen Villa landet. Dort trifft sie auf den blinden Noah, der zeit seines Lebens in der Villa eingesperrt war, und die Liebes- bzw. Abenteuergeschichte nimmt ihren Lauf.

Mit der Protagonistin Marlene hatte ich anfangs zugegebenermaßen so meine Probleme. Durch die Ich-Erzählweise ist man ihr sehr nah und hat vollen Einblick in ihre Gedanken und Gefühle. Das hat zumindest bei mir dazu geführt, dass sie mir recht schnell auf die Nerven ging, denn sie erschien mir wie ein verwöhntes, stures, viel zu schnell beleidigtes und manchmal extrem weinerliches Gör. Nach den ersten 100 Seiten bin ich dann aber doch noch mit Marlene warm geworden, denn mit der schnell Fahrt aufnehmenden Geschichte entwickelt auch sie sich weiter und vor allem in der Mitte des Romans fiebert man auf jeder Seite mit ihr mit. 

Insgesamt ist die Figurenkonstellation in Kramers Roman schlichtweg genial. Mit Noah präsentiert sie einen rätselhaften, geheimnisumwitterten Charakter, der trotz seiner Behinderung (oder gerade deshalb) selbstbewusst, stark und schlagfertig ist und einen eisernen Willen besitzt. Er wird außerdem als außergewöhnlich schön beschrieben und erscheint einem deswegen fast wie eine Sagengestalt: Er ist genau der Typ Junge, in den ein Mädchen sich verliebt, ohne dabei jedoch ins Klischeehafte abzurutschen. Die drei Gegenspieler der Teenager sind die herrschsüchtige Nonne Schwester Fidelis, der etwas zwielichtige Jäger Viktor und der Koch und Gärtner Anselm. Diese drei Personen scheinen Noah in der Villa festzuhalten und auf Schritt und Tritt zu überwachen.

Die Liebesbeziehung zwischen Noah und Marlene entwickelt sich zwar ziemlich schnell, erscheint aber kein bisschen oberflächlich oder erzwungen, ganz im Gegenteil: Ihre Liebe wirkt pur und scheint den beiden Kraft zu geben, auch wenn bis zum fulminanten Ende nicht klar ist, wofür sie diese Kraft brauchen. Auf jeden Fall ist es nicht die typische, immer ein wenig kitschige Schwärmerei von Teenagern, sondern etwas viel Größeres und Reiferes und das hat Kramer meiner Meinung nach sehr gut rübergebracht.

Die ersten 100 Seiten des Romans ließen sich etwas schwerfällig lesen: Es passiert nicht viel und als Leser scheint man völlig in die Idylle der Villa Morris einzutauchen und dort herumzutreiben. Die Villa selbst ist ein wirklich grandioser Schauplatz: Ein unwirkliches, trügerisches Paradies, abgeschottet vom Rest der Welt und zugleich faszinierend und irgendwie bedrückend. Besser hätte man den Handlungsort nicht wählen können. Um Seite 100 herum gibt es dann plötzlich einen Switch und die Handlung wird zunehmend rasanter. Geheimnisse, merkwürdige Vorfälle und die verbotene Liebe der beiden Hauptfiguren nehmen einen völlig gefangen und so wird Am Ende der Welt traf ich Noah im zweiten Drittel zu einem richtigen Page Turner. Die Mitte des Buches ist wirklich grandios und man hat das Gefühl, plötzlich mitten in einem spannenden Thriller zu stecken. Gegen Ende flacht die Handlung dann noch einmal ab und wird auf einmal völlig konfus und verwirrend, was man erst nach dem Lesen der letzten Seite versteht. 

Die Auflösung des Rätsels um Noah und sein abgeschottetes Leben sowie seine drei Bewacher ist wirklich eine Meisterleistung. Natürlich möchte ich nicht spoilern, euch aber trotzdem meine Gefühle schildern, die ich hatte, als ich den Roman gerade zu Ende gelesen hatte. Ich hatte ja wirklich mit allem gerechnet, aber damit nicht. Zuerst war ich enttäuscht, aber dann dachte ich genauer darüber nach und musste zugeben, dass Kramer eine wirklich phänomenale Geschichte geschrieben hat, die absolut nicht das ist, was sie anfangs zu sein scheint. Das Ende wirft auf die gesamte Handlung ein völlig anderes Licht und man ist praktisch gezwungen, über alles noch einmal nachzudenken. Ich habe wirklich selten ein Buch gelesen, das so dermaßen gut durchdacht und trotzdem so wahrscheinlich und wenig erzwungen wirkt wie Am Ende der Welt traf ich Noah - ihr könnt also gespannt sein.

Zum Schluss bleibt noch zu sagen, dass auch Irmgard Kramers Schreibstil mir wirklich zugesagt hat. Aus jeder einzelnen Zeile liest man den genervten und ein wenig trotzigen, aber auch liebenswerten Teenager in Marlene heraus und kann sich so völlig auf ihre Figur einlassen. Außerdem versteht es Kramer, ihren Schreibstil der jeweiligen Situation anzupassen und so ergibt am Ende schließlich alles Sinn.

Mein Fazit:

Ich weiß gar nicht so recht, wo ich anfangen soll... Am Ende der Welt traf ich Noah ist ein außergewöhnlicher Roman mit geheimnisvollen Charakteren, einer packenden, nebulösen Story, einem faszinierenden und doch irgendwie bedrückenden Schauplatz und schließlich einem grandiosen und meisterhaft erdachten Ende, auf das man während des Lesens niemals gekommen wäre. Es ist ein spannender Page Turner, der am Ende ganz und gar nicht das ist, für was man ihn am Anfang gehalten hat und über den man einfach noch ganz lange nachdenken muss. Ich finde, Irmgard Kramer hat hier wirklich einen ganz großen Wurf gemacht und deswegen kann ich gar nicht anders - auch wenn mir ein paar Kleinigkeiten nicht ganz so gut gefallen haben - und muss einfach 5 von 5 Schriftstellerköpfe vergeben. Ein absolutes Must-Read!


 

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