Sonntag, 13. Dezember 2015

REZENSION: "Ich und Earl und das Mädchen" (Jesse Andrews)

Copyright Heyne fliegt

Titel: Ich und Earl und das Mädchen

Autor: Jesse Andrews

Genre: Roman / Jugendroman

Verlag: Heyne fliegt

Erscheinungsjahr: 2015 (Erstveröffentlichung 2013)

Format: Taschenbuch (8,99€)

Seiten: 301

ISBN: 978-3-453-27032-9


Inhalt:


Gregs Ziel im Leben besteht darin, möglichst nicht aufzufallen. Im Gegensatz zu den meisten will er in der Highschool zu keiner Gruppe gehören, sondern er hat am liebsten seine Ruhe. Daher passt es ihm überhaupt nicht, als seine Mutter ihn dazu auffordert, Zeit mit Rachel zu verbringen. Er kann sich weitaus schönere Dinge vorstellen, als ein krebskrankes Mädchen aufzumuntern. Filme drehen mit Earl zum Beispiel. Doch schon bald baut er einen Draht zu ihr auf und merkt, dass die Zeit mit ihr doch gar nicht so langweilig ist, wie zunächst gedacht.

Cover



Ehrlich gesagt hat das Buch nur deshalb meine Aufmerksamkeit erregt, weil ich bei dieser Ausgabe sofort den Bezug zum Filmtrailer herstellen konnte, den ich kürzlich gesehen hatte. Da ich die drei Schauspieler wiedererkannt habe, wusste ich gleich, worum es geht und wollte es lesen. Von daher hat die Strategie bei mir funktioniert. 

Meine Meinung


Bei diesem Buch würde ich jedem empfehlen, zuerst das Vorwort zu lesen. Ich zumindest bin froh, dass ich es getan habe, denn sonst hätte ich es wohl irgendwann aus Frust und Wut an die Wand geworfen. Hier schreibt Jesse Andrews sehr deutlich, dass man keine emotional aufgeladene Geschichte mit einer bewegenden Liebesbeziehung und auch keine weise Botschaft erwarten darf. Lediglich die Gedanken und Gefühle eines schrägen Jugendlichen, der nur deswegen Zeit mit Rachel verbringt, weil er dazu genötigt wird, nicht weil er ein besonders guter Mensch ist. Er ist definitiv kein umwerfender Romanheld. Dafür ist er viel zu sehr auf sich selbst fixiert bzw. sind im die Filme, die er mit seinem besten Freund Earl dreht, wichtiger als Rachels Leid. Dadurch wirkte er öfter stumpf, um nicht zu sagen herzlos. Die Reihenfolge im Titel ist daher selbstredend: an erster Stelle kommt Greg, dann Earl und erst zum Schluss Rachel. Das ist ziemlich hart. Aber solche Menschen gibt es eben auch. Wir sind nicht alle Weltverbesserer und Samariter - warum also die Wahrheit beschönigen? Wenn ich es von dieser Warte aus betrachte, kann ich ihm also nicht einmal böse sein, zumal er selbst diesen Aspekt an sich kritisiert. Tatsächlich hatte ich sogar mehr Probleme mit seinen “lustigen” Kommentaren, die ich einfach nicht witzig fand. Ich kann Rachels Meinung und die ihrer Mutter absolut nicht teilen, die immer wieder betont haben, wie witzig er doch sei. Vielleicht waren ihre Lachanfälle nur gekünstelt - wer weiß? Auf jeden Fall hat er mich ein wenig an Rob Gordon aus High Fidelity erinnert, der mir auch des Öfteren auf die Nerven gegangen ist (in einem ähnlichen Stil ist das Buch auch geschrieben, was ich allerdings ziemlich spitze finde).
Ebenso wenig konnte ich den Filmen abgewinnen, die er mit Earl dreht und deren Inhalt er knapp beschreibt. Sie sind recht gewöhnungsbedürftig, teilweise sinnlos und deshalb kann ich die Begeisterung der anderen darüber nicht nachvollziehen. Aber das nur am Rande. 
Auch mit Earl hatte ich einige Schwierigkeiten, oder genauer gesagt eine Schwierigkeit: seine Ausdrucksweise. Muss man denn wirklich immerzu fluchen und versaute Wörter benutzen? Vor allem dann, wenn dazu überhaupt kein Grund und kein logischer Zusammenhang besteht? Allerdings kann ich ihm zu Gute halten, dass er emotional wenigstens kein lebloser Fisch war - im Gegensatz zu Greg. Müsste ich also einen Favoriten aus dem Dreiergespann herauspicken, dann wäre das - Überraschung! - Rachel, die aber leider total untergeht und für meinen Geschmack zu schwach skizziert ist.
Ganz gut hat mir jedoch der abwechslungsreiche Aufbau des Erzählstils gefallen: in den Fließtext sind entweder drehbuchartige Szenen eingearbeitet oder Greg erstellt Listen, Aufzählungen und Zusammenfassungen. Sie helfen ein wenig über den manchmal stockenden Handlungsverlauf hinweg, denn ich hatte häufig das Gefühl, als würde die Geschichte auf kein konkretes Ziel zusteuern. 
Letztlich ist das Buch wie angekündigt eben nicht herzzerreißend und tiefgründig, aber auch nicht vollkommen sinn- und bedeutungslos. Auf jeden Fall ist es eine gänzlich andere Herangehensweise an das Thema Leukämie, was eine erfrischende Abwechslung  zu überemotionalen Stories ist. . 

Fazit


Jesse Andrews’ Roman ist kein Tränendrücker und beherbergt keine epische Liebesgeschichte. Es ist eine mehr oder weniger trockene, schnörkellose Darstellung eines Jugendlichen, der lieber Filme dreht, als sich um eine krebskranke Mitschülerin zu kümmern. Entweder man verurteilt ihn deswegen oder man lobt, dass (endlich) jemand begriffen hat, dass wir nicht alle aufopferungsvolle, mitfühlende Menschen sind. Dennoch wäre mir etwas mehr Drama lieber gewesen.



Den Film zum Buch werde ich mir dennoch ansehen. Nicht zuletzt, weil ich gespannt bin, wie nah er am Roman ist.

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