Dienstag, 17. November 2015

REZENSION: "Liebe am Papierrand" (Yoko Ogawa)

Copyright Aufbau Verlag

Titel: Liebe am Papierrand

Autor: Yoko Ogawa

Genre: Roman / Liebesroman

Verlag: Aufbau Taschenbuch

Erscheinungsjahr: 2015 

Format: Taschenbuch (9,99 €)

Seiten: 256

ISBN: 978-3746631233


Inhalt:

Während eines Interviews für eine Fachzeitschrift lernt eine junge Frau, die an einer mysteriösen Ohrenkrankheit leidet, den Stenographen Y kennen. Die beiden laufen sich noch einige Male zufällig über den Weg und freunden sich schon bald an. Fasziniert ist die junge Frau vor allem von Ys geschickten Fingern und bittet ihn schließlich, die Geschichte ihrer Ohrenkrankheit in Kurzschrift niederzuschreiben und somit zu dokumentieren. Nach und nach beginnt die junge Frau durch die Mitschriften ihre Krankheit und ihre Vergangenheit zu verstehen, doch bald muss sie erkennen, dass das Papier des rätselhaften Stenographen nicht ewig reicht...


So gefällt mir das Cover:

Das Cover hat mich sofort neugierig auf die Geschichte gemacht, denn es wirkt so ruhig und unaufgeregt, dabei aber auch rätselhaft und exotisch. Die junge Frau mit dem Sonnenschirm hat mich einfach direkt an Asien erinnert - ein wirklich tolles Cover.

Meine Meinung:

Der nebulöse Klappentext hat mich wirklich neugierig auf Liebe am Papierrand gemacht und außerdem habe ich vorher noch nie etwas von einer japanischen Schriftstellerin gelesen. Deswegwen bin ich völlig vorbehaltlos an das Buch herangegangen und wurde überrascht. Ich hatte eine leichte Liebesgeschichte, eventuell mit fantastischen Elementen, erwartet, aber das ist Liebe am Papierrand ganz und gar nicht. Vielmehr geht es um die Psyche, darum, wie die eigene Vergangenheit die Gegenwart beeinflusst und wie man sie richtig verarbeitet und deutet.

Ogawas Protagonistin ist eine junge Frau, über die man als Leser nicht viel mehr erfährt, als dass sich ihr Mann gerade von ihr getrennt hat und dass sie ein mysteriöses Ohrenleiden hat. Erzählt wird aus der Ich-Perspektive der jungen Frau. Dennoch ist man ihr nicht wirklich nahe, da weder ihr Name noch ihr Alter noch der Ort oder die Zeit der Handlung aufgedeckt werden. Normalerweise stört mich das bei einem Roman, weil es das Ganze so anonym und körperlos macht. Bei Liebe am Papierrand wirkte dieses Verfahren aber nicht fehl am Platz, sondern im Gegenteil genau richtig. Es erzeugt eine Art Allgemeingültigkeit und sorgt auch dafür, dass die Geschichte mysteriöser und nebulöser wirkt, als sie tatsächlich ist.

Die junge Frau wird praktisch zu einem Symbolbild, mit dem man sich genau deshalb identifizieren kann, weil sie gesichts- und körperlos ist - sie könnte praktisch jeder sein. Da auch der Ort und die Zeit nicht genannt werden, kann die Geschichte sozusagen überall spielen und daher auch die eigene sein. Die einzigen Namen, die man erfährt, sind der ihres Neffen Hiro und der des Stenographen. Interessant ist allerdings, dass der Stenograph stets nur "Y" genannt wird und es nicht klar ist, ob er tatsächlich so heißt oder die junge Frau ihn einfach in Ermangelung eines anderen Namens so nennt. 

Ys Wesen ist jedenfalls genauso mysteriös wie sein Name. Auch über ihn erfährt man wenig - alles, was man wissen muss, ist, dass er ein sehr fähiger Stenograph ist und dass er der jungen Frau dabei hilft, ihre mysteriösen und störenden Ohrgeräusche zu deuten und ihnen auf den Grund zu gehen. Dabei kommen sich die beiden näher, aber das spürt man als Leser eher unterschwellig. Es ist eine sehr zarte, irgendwie zerbrechliche Liebe, die von Anfang an endlich ist. Das symbolisieren die Blätter des Stenographen, die umso weniger werden, desto öfter sich Y und die junge Frau treffen. Hin und wieder hat man das Gefühl, dass Y gar nicht wirklich existiert, sondern eher so eine Art Fantasiefreund ist, der der jungen Frau durch eine schwere Zeit hilft. Auch manche Orte scheinen aufzutauchen und wieder zu verschwinden, mal stolpert man über sie, mal findet man sie nicht wieder. Das hat mir beim Lesen irgendwie gefallen, denn das lässt die Handlung doch etwas fantastisch wirken und verleiht ihr gleichzeitig eine gewisse Ruhe.

Ogawas Schreibstil passt sehr gut zur nebulösen, aber ruhigen Handlung. Sie erzeugt mit ihrer Sprache Bilder, die einen träumen lassen, zum Beispiel von einem bitterkalten Tag im Winter, an dem der weich fallende Schnee alle Geräusche verschluckt und eine gespenstische Stille über die Stadt legt. Irgendwie treibt man beim Lesen von Seite zu Seite, was mir sehr gut gefallen hat. Trotzdem hätte ich mir hier und da vielleicht ein bisschen mehr Action und auch ein wenig mehr Aufklärung gewünscht. Obwohl die Ungewissheit und die Geheimnisse sowie die offenen Fragen natürlich auch ihren Reiz haben und den Roman zweifelsohne zu etwas ganz Besonderem machen.

 Mein Fazit:

Liebe am Papierrand von Yoko Ogawa ist nicht wie erwartet eine schnulzige Liebesgeschichte, sondern ein ungewöhnlich zarter Roman darüber, wie man mit seiner Vergangenheit fertig wird und wie man sie (bewusst und unterbewusst) verarbeitet. Die Handlung ist sehr rätselhaft und nebulös, hat mir aber im Großen und Ganzen sehr gut gefallen. Ich mochte es, dass die Protagonistin nicht näher beschrieben wird, denn so konnte ich sie mir ganz nach meinen Vorstellungen ausmalen. Ich konnte mich während des Lesens einfach treiben lassen, denn der Roman hat irgendwie eine gewisse Ruhe auf mich ausgestrahlt. Hier und da hätte ich etwas mehr Informationen zwar begrüßt, aber insgesamt mochte ich es, dass man über vieles im Dunkeln gelassen wird. Liebe am Papierrand ist eine ganz außergewöhnliche Liebesgeschichte und daher möchte ich dem Aufbau Verlag für das Rezensionsexemplar danken.


            

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