Sonntag, 8. November 2015

REZENSION: "Der Wörterschmuggler" (Natalio Grueso)

Copyright Atlantik / Hoffmann und Campe

Titel: Der Wörterschmuggler

Autor: Natalio Grueso

Genre: Roman

Verlag: Atlantik / Hoffmann und Campe

Erscheinungsjahr: 2015

Format: Hardcover (18,00 €)

Seiten: 256

ISBN: 978-3455600193



Inhalt:

Bruno Labastide ist ein rastloser Weltenbummler und hat sich seinen Lebensunterhalt mit Schmuggel und Gaunereien verdient. Doch in Venedig kommt er schließlich zur Ruhe und trifft dort auf die mysteriöse Keiko, die einen Mann nur dann zu sich einlädt, wenn er ihr Herz mit Worten und Versen erobert. Bruno ist bestrebt, von Keiko in ihre Wohnung eingeladen zu werden und erzählt so die schönsten Geschichten. Da wäre zum Beispiel die von dem Mann, der Bücher verschreibt, und die des Jungen, der Wörter schmuggelt, um einem Mädchen seine Liebe zu gestehen...


So gefällt mir das Cover:

Das Cover ist mir auf der Frankfurter Buchmesse direkt aufgefallen, weil es so mystisch und geheimnisvoll wirkt. Mir gefällt das dunkle Blau und dass der Mann den Lichtschein der Straßenlaterne malt, wirkt genauso surreal und entgegen aller Regeln wie die Handlung des Romans.


Meine Meinung:

So richtig wusste ich ja nicht, was mich mit Der Wörterschmuggler erwartet. Und auch ihr werdet euch anhand des Klappentextes sicher fragen: Worum geht es eigentlich? Diese Frage ist tatsächlich nicht leicht zu beantworten, aber ich werde es versuchen. Die Rahmenhandlung ist die Geschichte von Bruno Labastide, der in Venedig auf die geheimnisvolle Keiko trifft. Über beide erfährt man nicht viel und als man gerade in die Handlung hineinkommt, bricht sie ab und es folgen mal längere, mal kürzere Geschichten ohne jeden Zusammenhang. 

Die Geschichten selbst sind mal mehr und mal weniger außergewöhnlich. Manche sind sogar dystopisch und abstrus - wie zum Beispiel die des verliebten Jungen, der in einer Welt lebt, in der man für jedes Wort bezahlen muss und in der die Menschen deshalb kaum noch miteinander reden. Diese Vorstellung hat mich wirklich erschreckt und fasziniert und ich hätte mir gewünscht, dass gerade diese Geschichte länger und ausführlicher gewesen wäre. Denn schließlich ist sie es, die Gruesos Roman den Namen gibt: Der Wörterschmuggler.

Faszinierend ist auch Natalio Gruesos Konzept. Als Leser merkt man erst gegen Ende, dass diese ganzen, angefangenen Geschichten im Sande zu verlaufen scheinen und nur die von Bruno Labastide zum Abschluss kommt. Obwohl man natürlich im Klappentext vorgewarnt wird. Irgendwann ist mir klar geworden, dass Bruno Labastide nach den richtigen Worten sucht und deswegen immer wieder eine Geschichte beginnt, sie dann aber abbricht und zur nächsten übergeht. Das ist wirklich spannend mitzuverfolgen. Zwischendrin gibt es auch immer mal wieder Passagen, die sich mit Brunos Vergangenheit beschäftigen und so erfährt man immerhin, dass er ein Charmeur ist, der es versteht, die Leute um den Finger zu wickeln. Außerdem ist er ein Dieb und ein Schmuggler, der sich von Tag zu Tag durchs Leben gaunert.

Grueso scheint bei seinem Roman keinen Regeln zu folgen. Die Erzählperspektive wechselt immer wieder, ebenso die Orte und Zeiten. Nur durch kleine Hinweise im Text erfährt man, wo und wann die aktuelle Passage spielen könnte. Die Betonung liegt auf "könnte", denn insgesamt scheint die Handlung oftmals raum- und zeitlos zu sein und so konzentriert man sich beim Lesen auf die Worte an sich, ohne sich ablenken zu lassen. Und die Worte haben es wirklich in sich, denn Grueso schreibt auf so leichtfüßige und fantasievolle Weise, dass man wirklich den Eindruck hat, er nimmt einen mit auf eine absolut verrückte und rasante Reise. Man weiß nie, wo die aktuelle Geschichte hinführt und das macht den Roman so besonders und spannend. Und eben irgendwie fantastisch und surreal.

Mein Fazit:

Der Wörterschmuggler ist ein ganz besonderes Buch, das seinen eigenen Regeln zu folgen scheint. Es hat keine in sich abgeschlossene Handlung, ist aber auch ganz sicher keine Kurzgeschichten-Sammlung. Das ist schon ziemlich speziell und sicher nicht jedermanns Sache, mich hat es aber wirklich beeindruckt, da ich so einen außergewöhnlichen Roman noch nie gelesen habe. Ich hätte mir zwar gewünscht, dass die ein oder andere Geschichte fortgesetzt würde, aber ich glaube, gerade in der Unfertigkeit liegt der Reiz von Der Wörterschmuggler. Es regt einfach mehr als jedes andere Buch die Fantasie des Lesers an und wirft ihm Anfänge und Häppchen hin, die er weiter spinnen kann. Vielleicht ist es nicht DIE große Überraschung, aber dafür mal etwas ganz anderes, auf das man sich einlassen muss, um es genießen zu können. Für dieses ganz besondere Lesevergnügen danke ich dem Atlantik Verlag für das Rezensionsexemplar.



2 Kommentare:

Emma McLoughley hat gesagt…

Das klingt wirklich sehr speziell. Huch, ich glaube, ich würde mich nicht dran trauen!
Lg, Emma

Svenja Prautsch hat gesagt…

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt ;) Nein, es lohnt sich wirklich, mir hat das Lesen wirklich sehr viel Freude gemacht.

Liebe Grüße
Svenja

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