Sonntag, 4. Oktober 2015

REZENSION: "Wenn die Liebe tanzen lernt" (Jean Kwok)

Copyright Goldmann Verlag

Titel: Wenn die Liebe tanzen lernt

Autor: Jean Kwok

Genre: Roman / Liebesroman

Verlag: Goldmann

Erscheinungsjahr: 2015

Format: Taschenbuch (8,99 €)

Seiten: 480

ISBN: 978-3442482726


Inhalt:

Die 22-jährige Charlie Wong lebt zusammen mit ihrem Vater und ihrer kleinen Schwester Lisa in New Yorks China Town. Tag für Tag arbeitet sie als Tellerwäscherin in dem Restaurant, in dem ihr Vater Nudelmacher ist. Doch dann ergibt sich für sie eine große Chance: Lisa entdeckt in der Zeitung eine Annonce für ein Jobangebot als Empfangsdame in einem Tanzstudio und Charlie wird entgegen aller Erwartungen eingestellt. Schnell stellt sich allerdings heraus, dass sie eine furchtbare Empfangsdame ist, doch dafür scheint sie ein Naturtalent als Tänzerin zu sein - wie ihre verstorbene Mutter. Das Tanzstudio entscheidet sich dazu, Charlie zur professionellen Tanzlehrerin auszubilden. Dabei verliebt sie sich in ihren Schüler Ryan, was gegen die Regeln des Studios ist. Und während Charlie allmählich besser wird und sich nach oben tanzt, geht es ihrer kleinen Schwester aus unerfindlichen Gründen immer schlechter...


So gefällt mir das Cover:

Das Cover ist mir mit dem dominierenden Pinkton ein wenig zu kitschig, passt dabei aber hervorragend zur Geschichte. Was mir sehr gut gefällt: Das Mädchen auf dem Cover hat kein Gesicht, wodurch man nicht direkt ein konkretes Bild der Hauptperson Charlie vor Augen hat, sondern sie sich anhand der Beschreibungen selbst vorstellen kann.

Meine Meinung:

Aus der Ich-Perspektive erzählt Jean Kwok in Wenn die Liebe tanzen lernt die Geschichte der 22-jährigen Charlie Wong, die als Tellerwäscherin in China Town nicht viel vom Leben erwartet. Man erfährt hauptsächlich, wie Charlie sich selbst sieht: Unscheinbar, nicht besonders klug und ziemlich tollpatschig. Am Anfang war mir das ein bisschen zu viel, da Charlie wirklich alles andere als selbstbewusst ist und sich resigniert in ihre Rolle zu fügen scheint. Sie redet sich selbst immer wieder ein, dass sie nichts kann und dass es ihre Bestimmung ist, Tellerwäscherin zu sein. Auch wenn mich das teilweise etwas gestört hat, macht es schließlich ihre Verwandlung umso eindrucksvoller. 

Charlie ist außerdem ein absoluter Familienmensch und übernimmt für ihre deutlich jüngere Schwester Lisa die Mutterrolle. Während Lisa ein sehr kluges und starkes Mädchen ist, wirkt ihr Vater einfach und schwach. Immer wieder muss vor allem Charlie gegen seinen Starrsinn und seinen Aberglauben ankämpfen und verheimlicht ihm deswegen auch ihren neuen Job als Empfangsdame in einem Tanzstudio. Besonders gut gefallen hat mir, wie Kwok die Gegensätze der beiden Welten herausgearbeitet hat, in denen Charlie sich bewegt. Auf der einen Seite ist da China Town - ein in sich abgeschlossener Mikrokosmos, in dem Traditionen, Glauben und die chinesische Lebensart eine große Rolle spielen. Dem gegenüber steht das weltliche und schnelle New York, eine Welt, die Charlie fasziniert, ihrem Vater jedoch große Angst macht.

Überrascht und auch ein bisschen erschreckt haben mich die chinesische Medizin und die traditionelle Heilkunde, welche vor allem mit absurd wirkenden Ritualen und merkwürdigen Substanzen arbeiten. Charlies Vater weigert sich vehement dagegen, Lisa aufgrund ihrer Krankheit in einem Krankenhaus untersuchen zu lassen und setzt stattdessen auf die kostengünstigeren Heilmethoden aus China. Da man Charlie während des Lesens sehr nahe ist, kann man die Wut auf ihren Vater absolut verstehen. Sie bewegt sich immer mehr auf die westliche Welt zu, während Mr. Wong sich in seiner Kultur einzuigeln scheint. 

Die Geschichte an sich ist eine klassische Aschenputtel-Geschichte, denn schon nach kurzer Zeit offenbart sich, dass Charlie ein Naturtalent in Sachen Tanzen ist und außerdem noch unglaublich hübsch, wenn sie ihre unförmigen Kleidungsstücke erst einmal abgelegt hat. Ihr rasanter Aufstieg ist vielleicht nicht wirklich realistisch und wirkt eher märchenhaft, aber das soll auch so sein. Wenn die Liebe tanzen lernt ist einfach ein modernes Märchen mit der Botschaft: Jeder ist etwas Besonderes und muss nur seine Bestimmung finden. Charlie findet außerdem noch die große Liebe, will sich das aber aus vielen Gründen zunächst nicht eingestehen. Ihr Auserwählter - der Tanzschüler Ryan - ist nicht nur Amerikaner, sondern als ihr Schüler auch tabu. Dennoch spürt man von Anfang an das Knistern zwischen den beiden, vor allem wenn sie tanzen: Ihre Gefühle zueinander wirken pur und intensiv, was mir sehr gefallen hat.

Ein wenig Angst hatte ich vor dem Thema Tanzen, denn eigentlich mag ich Tanzfilme nicht sonderlich und in Romanform habe ich mir das Ganze noch komplizierter vorgestellt. Jean Kwok ist es aber gelungen, mich mit ihrem Roman vom Gegenteil zu überzeugen. Wenn die Liebe tanzen lernt liest sich nicht nur aufgrund ihres angenehmen Schreibstils außerordentlich gut und flüssig, sondern auch aufgrund der Tanz-Beschreibungen. Diese sind wirklich großartig umgesetzt und sehr bildlich geschrieben, weswegen ich Charlie und Ryan und auch die anderen Profitänzer vor meinem geistigen Auge dahinschweben sehen konnte. Das hat mich mehr mitgerissen als so mancher kitschiger Tanzfilm und Charlies Euphorie und Begeisterung sind während des Lesens förmlich auf mich übergeschwappt. Hier mal eine kleine Kostprobe:


"[...] und Ryan ging mit mir in Tanzhaltung und legte los. Er drehte mich ein, sodass ich mit dem Rücken zu ihm tanzte, und gab mir dann einen kleinen Stoß gegen das Schulterblatt, um mich mit eineinhalb schnellen Drehungen wieder in Grundstellung zu bringen. Als nächstes hob er mich auf seine Schulter, wo ich einen Moment verharrte, bevor ich mich fallen ließ und er mich seitlich wieder auffing und uns beide herumwirbelte. Es war aufregend, einfach alles zu vergessen und nur noch zu tanzen, ohne dass mich jemand wegen meiner Arme, meiner Beine oder meiner Kopfhaltung ermahnte." (Seite 390)

Insgesamt ist der Roman eine wirklich angenehme Mischung aus Romantik, Tanzen, Weiterentwicklung und familiären Problemen. Das Ende hat mir schließlich sehr gefallen, allerdings ging es mir ein wenig zu schnell. Insbesondere was die Beziehung zwischen Charlie und Ryan und den gesundheitlichen Zustand von Lisa angeht, dessen Auslöser auf den letzten Seiten aufgedeckt wird. Man hat sich so in Charlie eingefühlt, dass es ruhig ein wenig ausführlicher hätte sein können. Mein Herz hat das Ende aber trotzdem erwärmt.


Mein Fazit:

Wenn die Liebe tanzen lernt von Jean Kwok ist ein echter Wohlfühl-Roman und eine ebenso romantische wie berührende Aschenputtel-Geschichte mit der wundervollen Botschaft, dass jeder etwas aus seinem Leben machen kann, wenn er nur will. Zwar war Charlies Verwandlung für mich vielleicht eine Spur zu unglaublich und das Ende nicht ganz nach meinem Geschmack, insbesondere die Tanz-Szenen und der Einblick in die chinesische Kultur mitten in den USA haben mich aber sehr beeindruckt. Auch war der Roman wider Erwarten nicht zu schnulzig, sondern eher zart und herzerwärmend und ist somit genau das richtige Buch für entspannte Lesestunden an kalten Abenden.




2 Kommentare:

Mersii Rotaliedbooks hat gesagt…

Dieses Buch steht auch schon auf meiner WuLi. Ich bleibe hier als Leser.
Lg Mersi von http://rotaliedbooks.blogspot.de/

Svenja Prautsch hat gesagt…

Huhu :) Dankeschön fürs Hierbleiben ;) Das Buch ist wirklich schön und hat mir sehr sehr gut gefallen.

Liebe Grüße
Svenja

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