Mittwoch, 28. Oktober 2015

REZENSION: "Mittelstadtrauschen" (Margarita Kinstner)


Copyright btb

Titel: Mittelstadtrauschen

Autor: Margarita Kinstner

Genre: Roman 

Verlag: btb (Original Deuticke Verlag)

Erscheinungsjahr: 2015

Format: Taschenbuch (9,99 €)

Seiten: 288

ISBN: 978-3-442-74902-7


Inhalt

Als sich Marie und Jakob kennen lernen, funkt es zwischen den beiden auf Anhieb. Dieser magische Moment hat nicht nur Auswirkungen auf ihr eigenes Leben. Jakob trennt sich von seiner Freundin Sonja, die wiederum eine Beziehung mit Gery beginnt. Gery war der beste  Freund von Joe, der einst mit Marie zusammen war. Doch Joe hat sich selbst in Gerys Beisein in den Tod gestürzt. Um die Leere in seinem Inneren zu füllen, sucht er die Gesellschaft von Hedi, mit der er lange Gespräche über ihre Vergangenheit führt. Sie offenbart ihm ein Geheimnis, das wesentlich weittragender ist, als er ahnen könnte.

Cover


Das Cover finde ich deshalb spitze, weil es meine kleine Lesestütze gewesen ist. Man kann hier immer wieder nachsehen, welche Akteure es gibt und hat zumindest einen groben Überblick, in welcher Beziehung sie zueinander stehen. Das war äußerst hilfreich und daher stehe ich der Gestaltung positiv gegenüber. 

Meine Meinung


Den Erzählstil fand ich von Anfang an etwas gewöhnungsbedürftig. Kinstner schreibt sehr unverblümt und verwendet teilweise derbe Ausdrücke und äußerst bildhafte Beschreibungen. Normalerweise mag ich es, wenn eine Szene so beschrieben wird, dass ich sie mir augenblicklich vorstellen kann, aber manche Bilder möchte man nicht im Kopf haben. Außerdem habe ich eine ganze Weile gebraucht, um die unbeteiligte Perspektive des Er-Erzählers abzuschütteln und mich mit den Personen vertraut zu machen. Wirklich leicht fiel mir das nur bei Gery, der ein herzensguter Mensch ist, und durch ihn auch mit Hedi, insbesondere als sie angefangen hat, ihm von ihrer Vergangenheit zu erzählen. Marie wurde zwar als vorgeblicher Sonnenschein beschrieben, aber eigentlich wirkte sie eher deprimiert auf mich. Meistens konnte ich auch nicht verstehen, warum sie alle so umwerfend und anziehend finden und sie so lieben. Das fand ich deshalb ungerechtfertigt, weil Sonja in der Beziehung „leer“ ausgeht. Jedoch lassen sich menschliche Gefühle nicht beeinflussen oder gar erzwingen, weshalb man über diese Diskrepanz hinwegsehen kann. 
Am meisten hat mich Joe interessiert bzw. dessen Beweggründe für den Selbstmord zu Beginn der Handlung. Man erfährt immer wieder einige Details zu seiner Person, aber so richtig griffig wird er dadurch nicht. Er bleibt das undurchsichtige Verbindungsglied zwischen all den Charakteren, die im Roman eine Rolle spielen. Er ist mir definitiv zu kurz gekommen, was bei der Vielzahl an Personen nicht verwunderlich ist. Am Anfang schwirrte mir gewaltig der Kopf bei all den Namen, Verwandtschaften und Bekanntschaften. 
Am Ende fügt sich dann alles zusammen, wobei ein äußerst verworrenes Beziehungsnetz entsteht. Selbst jetzt – nach einiger Reflexionszeit - bin ich mir nicht sicher, ob ich alle Verbindungen vollständig hergestellt habe. Daher würde ich jedem empfehlen, beim Lesen einen Stammbaum anzufertigen bzw. sich Notizen zu machen, wer mit wem verwandt und bekannt ist. Das könnte eine enorme Erleichterung sein. 
Was ich außerdem zu „kritisieren“ habe, ist die schiere Fülle an Zufällen in der Geschichte. Obwohl Wien (nach meinem Wissen) nun wirklich keine kleine Stadt ist, sind alle Charaktere zumindest über Dritte miteinander verbunden, auch wenn sie sich vielleicht nie persönlich begegnen. Das erscheint mir irgendwie unrealistisch. Allerdings handelt es sich ja auch um einen Roman, weshalb jede Verwicklung ohnehin konstruiert ist und damit nicht realitätsgetreu sein muss.
Unbedingt erwähnen muss man, dass eine der Romanfiguren pädophile Neigungen hat. Darüber sollte man sich im Klaren sein, bevor man das Buch liest, denn es gibt viele, die sich daran stören. Ich selbst hätte diese Passagen am liebsten übersprungen, auch wenn ich zumindest darauf vorbereitet war, dass Pädophilie ein Thema sein wird. Dieses Tabuthema passt aber irgendwie zu der heftigeren Ausdrucksweise. 
Eine große Überraschung war für mich eine Szene auf den letzten Seiten, die (wenn ich sie richtig interpretiert habe) ein vollkommen anderes Licht auf den gesamten Handlungsstrang wirft. Von daher war ich ziemlich froh, dass ich mich bis zum Ende durchgekämpft habe. 

Fazit


Am Roman haben mich mehrere Dinge gestört, u.a. die derbe Ausdrucksweise und das angeschnittene Pädophiliethema. Außerdem ist es schwierig gewesen, bei den Personenkonstellationen den Überblick zu behalten. Zugute halten muss ich Mittelstadtrauschen allerdings, dass ich in der Form und dem Ablauf noch keinen Roman gelesen habe und es einige Überraschungsmomente gab. Trotz alltäglicher Themen ist es daher eine vergleichsweise anspruchsvolle Lektüre.


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