Sonntag, 11. Oktober 2015

REZENSION: "Gehe hin, stelle einen Wächter" (Harper Lee)

Copyright DVA

Titel: Gehe hin, stelle einen Wächter

Autor: Harper Lee

Genre: Roman

Verlag: DVA

Erscheinungsjahr: 2015

Format: Hardcover (19,99 €)

Seiten: 320

ISBN: 978-3421047199



Inhalt:

Jean Louise, die wir als aufmüpfige Scout aus dem Weltbestseller "Wer die Nachtigall stört..." kennen, ist mittlerweile 26 Jahre alt und lebt in New York. Als sie ihren Vater und ihren Jugendfreund Hank wieder einmal im Sommer in Maycomb, Alabama besucht, muss sie feststellen, dass die Welt sich verändert hat. Immer hat Jean Louise ihren Vater Atticus Finch für einen Gerechtigkeit liebenden Mann gehalten, für den jeder Mensch in erster Linie eines ist: Ein Mensch. Doch plötzlich muss sie miterleben, wie er und Hank an einer Versammlung teilnehmen, deren Redner den Schwarzen ihre Menschlichkeit absprechen. Jean Louises Weltbild gerät aus den Fugen und sie ist kurz davor, mit ihrem geliebten und geachteten Vater zu brechen...


So gefällt mir das Cover:

Das Cover ist mir, wie schon das der Neuauflage von "Wer die Nachtigall stört...", irgendwie zu abstrakt und zu unauffällig. Für eine solch literarische Sensation hätte ich mir einfach ein bisschen mehr gewünscht als einen Baum und einen Zug vor blauem Hintergrund.

Meine Meinung:

Gehe hin, stelle einen Wächter von Harper Lee hat dieses Jahr ziemliche Schlagzeilen gemacht und zwar weil es sich dabei um ein literarisches Werk handelt, das lange Zeit als verschollen galt. Erst 2014 wurde es wieder entdeckt, nachdem es in den 1950er Jahren noch vor Lees Arbeit an Wer die Nachtigall stört... geschrieben wurde. Die Handlung setzt nicht ganz 20 Jahre nach den Geschehnissen in Harper Lees Weltbestseller ein und beschäftigt sich mit der erwachsenen Scout, dem Verhältnis zu ihrem geliebten Vater und den gesellschaftlichen Umbrüchen in den USA der 1950er Jahre. Nachdem ich Wer die Nachtigall stört... mit großer Begeisterung gelesen habe, war ich sehr begierig darauf, meine Nase auch in Harper Lees zweiten Roman (ihr Erstlingswerk) zu stecken und hatte große Erwartungen. Diese wurden allerdings nicht ganz erfüllt...

Protagonistin in Gehe hin, stelle einen Wächter - was für ein sperriger Titel - ist die erwachsene, mittlerweile 26-jährige Jean Louise Finch, die der Leser als widerspenstiges und eigensinniges Mädchen aus Wer die Nachtigall stört... kennt. Was mir sehr gut gefällt ist, dass Jean Louise sich kein Stück verändert hat: Ihr starker Charakter, ihr ungebrochener Wille und ihr überaus ausgeprägter Gerechtigkeitssinn machen sie zu einer einnehmenden Persönlichkeit, die man angesichts des störrigen Kindes, das sie war, auch erwartet hat. Selbst wenn man im Hinterkopf behält, dass der aktuelle Roman vor Lees Weltbestseller entstanden ist, liest man ihn mit Blick auf Jean Louise eher wie eine Fortsetzung. Sie ist einfach die Frau, als die man sich die erwachsene Scout vorgestellt hat.

Die Handlung selbst war für meinen Geschmack ziemlich holprig. Ich habe etwa 100 Seiten gebraucht, um mich in das Buch einzulesen, was angesichts der Gesamtlänge schon recht viel ist. Es geht vor allem zu Beginn hauptsächlich um Rückblenden, die erklären, wie Jean Louise zu der Frau geworden ist, die sie jetzt ist. Da diese Rückblenden ungekennzeichnet in den Fließtext eingebaut sind, muss man schon immer wach sein, um der Handlung folgen zu können. Außerdem kennt man vieles schon aus Wer die Nachtigall stört..., was das Ganze weniger spannend gestaltet. Dafür werden andere Dinge völlig ausgeblendet und nicht thematisiert, z.B. was Jean Louise in New York macht, was sie gelernt hat. Sie scheint sich irgendwie nicht weiterentwickelt zu haben: Man hat den Eindruck, sie ist einfach nur gewachsen und ansonsten immer noch das kleine Mädchen aus Maycomb, Alabama.

Spannend wird es, als Jean Louise von den Aktivitäten ihres Vaters und ihres Freundes Hank erfährt. Sie ist so bestürzt darüber, dass sich die beiden mit bekennenden Rassisten abgeben, dass sich das nicht nur auf ihre Psyche, sondern auch auf ihre körperliche Verfassung auswirkt. Ihre Welt bricht auseinander, da sie diese beiden Männer immer als durch und durch gerechte und menschliche Personen betrachtet hat. Hier konnte ich Jean Louise absolut verstehen und mich sehr gut in ihre Situation einfühlen. Erst vor Kurzem hatte ich mit meinen Großeltern eine ähnliche Auseinandersetzung: Es ging um Flüchtlinge und Menschlichkeit. Ich kann nicht verstehen, wie man sich selbst als etwas besseres erachten kann als andere Menschen, nur aufgrund der Hautfarbe. Wie man der Meinung sein kann, privilegiert zu sein, nur weil man das Glück hatte, in einem anderen Teil der Welt geboren worden zu sein und aufzuwachsen. Da geht es mir genau wie Jean Louise. Und auch ich hatte während des Lesens Probleme, den Atticus Finch, den ich aus Wer die Nachtigall stört... als Verfechter der Gerechtigkeit, erhaben über jegliche Rassensysteme, kennengelernt habe, in Einklang zu bringen mit dem Atticus Finch, der sich als alter Mann der sogenannten Bürgerwehr anschließt.

Ab dem Moment, in dem Jean Louises Welt zusammenbricht, setzt sich der Roman hauptsächlich mit ihren Gefühlen und Gedanken auseinander. Die Erzählperspektive (auktorialer Erzähler) wird aufgebrochen und immer wieder werden ganze Passagen aus der Ich-Perspektive von Jean Louise geschildert. Das Ganze wirkt einerseits erneut etwas holprig, aber auch authentisch. Man spürt sozusagen hautnah, wie schockiert Jean Louise, wie konzentriert ihre blinde Wut und wie abgestoßen sie von den Verhaltensweisen ihres Vaters ist. Es folgen heftige Streitgespräche, die ich absolut nachvollziehen kann und die so feurig und eindringlich sind, dass man sie beinahe hört.

Leider war mir die Handlung teilweise viel zu politisch und abschweifend. Da man als Leser nicht immer erfährt, um welche Gesetzesänderung, um welchen politischen Aspekt es gerade geht, ist es schwer, der Handlung zu folgen, wenn man sich nicht gerade hervorragend in der neueren Geschichte der Vereinigten Staaten auskennt. Vielleicht wären ein paar editorische Anmerkungen angebracht gewesen. Ich vermute mal, das Buch sollte möglichst schnell auf den Markt kommen, denn auch ein Vorwort oder ein Nachwort hätte ich mir gewünscht. Einfach einen Rahmen für die doch schon sehr gehaltvolle Geschichte. Beeindruckend fand ich aber, dass Gehe hin, stelle einen Wächter erneut so zeitlos ist wie Wer die Nachtigall stört... und wieder einmal beweist, welche kleinen Schritte der Mensch in über 50 Jahren doch gemacht hat.

Lieblingszitate:

"So sicher wie das Amen in der Kirche wiederholt sich die Geschichte, und so sicher, wie der Mensch Mensch ist, zieht er aus der Geschichte keine Lehren." (Seite 223)

"'Dann lass uns das Ganze mal von einem praktischen Standpunkt aus betrachten. Willst du scharenweise Neger in unseren Schulen und Kirchen und Theatern? Willst du sie in unserer Welt?' 
'Es sind Menschen, oder? Wir waren durchaus gewillt, sie zu importieren, als sie Geld für uns verdient haben.'
'Willst du, dass unsere Kinder auf eine Schule gehen, deren Niveau gesenkt wurde, um es den Negerkindern anzupassen?'
'Das Niveau der Schule da am Ende der Straße könnte gar nicht mehr tiefer sinken, und das weißt du auch, Atticus. Sie haben ein Recht auf die gleichen Möglichkeiten wie jeder andere auch, sie haben ein Recht auf die gleichen Chancen -!' (Seite 279-280)

Mein Fazit:

Auf Gehe hin, stelle einen Wächter war ich sehr gespannt, wurde allerdings ein wenig enttäuscht. Das Buch setzt sich zu großen Teilen aus Rückblenden und inneren Monologen zusammen, wo doch die eigentliche Handlung - nämlich Jean Louises Konflikt mit ihrem Vater Atticus und die Rassendebatten in den USA der 1950er Jahre - so interessant ist. Das hätte für meinen Geschmack um einiges mehr ausgebaut werden können. Das Buch liest sich stellenweise sehr holprig und anstrengend, also ganz anders als Wer die Nachtigall stört... und man hat manchmal den Eindruck, dass eine eingehende Überarbeitung zugunsten der schnellen Veröffentlichung nach dem Sensationsfund wegfallen musste. Die Themen, die zur Sprache kommen, sind aber absolut spannend und zeitlos und erinnern einen daran, was es heißt, menschlich zu sein und dass der Rassismus noch immer fest in den Köpfen der Menschen steckt. Deswegen bekommt der Roman von mir 3 von 5 Schriftstellerköpfe.



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