Samstag, 10. Oktober 2015

FILM REVIEW: "Er ist wieder da"



Heute gibt es von mir mal ausnahmsweise keine Buchbesprechung, sondern die Review zu einem aktuellen Film, den ich gestern spontan im Kino angeschaut habe. Es geht um "Er ist wieder da", die Verfilmung von Timur Vermes' gleichnamigem Bestseller. Da ich das Buch schon vor einiger Zeit gelesen habe, passt es ja trotzdem gut und außerdem finde ich es wichtig, über das Thema des Films zu sprechen.

Darum geht's:

Berlin, 2014: Adolf Hitler erwacht auf dem Gelände des ehemaligen Führerbunkers inmitten der deutschen Hauptstadt - beinahe 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Angesichts der kolossalen Veränderungen im Deutschland des 21. Jahrhunderts ist Hitler zunächst verwirrt, gerät jedoch kurze Zeit später an einen gutmütigen Kioskbesitzer, der ihn wieder aufpäppelt. In dessen Hinterzimmer bringt sich der Führer mithilfe von Zeitungen und Zeitschriften auf den neuesten Stand und ist bestürzt: Sein geliebtes Deutschland scheint den Bach runter zu gehen. Doch kurz darauf bietet sich ihm die Möglichkeit, wieder an die Spitze zu kommen: Der mäßig erfolgreiche Filmemacher Sawatzki wird auf ihn aufmerksam und stellt ihn dem Privatsender MyTV vor, der ihn direkt als Comedian engagiert. Und schon bald zeigt sich: Alle lieben Hitler...

Handlung:

Wie gesagt, ich kannte ja schon das Buch und war damals ziemlich begeistert. Sicher, man braucht eine gehörige Portion schwarzen Humor und man muss definitiv verstehen, dass es sich um Satire handelt, aber dann kann man nicht nur herzhaft lachen, sondern beginnt auch, sich mit den Fragen, die Buch und Film gleichermaßen stellen, auseinanderzusetzen. Die zentrale Frage ist natürlich: Was wäre, wenn Hitler tatsächlich wieder auftauchen würde - wie würden die Menschen reagieren? Und: Würde es dem Führer gelingen, sich wieder an die Spitze zu setzen? Der Film gibt darauf beispielhafte Antworten, die den Kinogänger definitiv überraschen und entsetzen. Stichwort "Hitler Selfies". Hitler als Fernseh- und Youtube-Star? Kaum vorstellbar und doch erschreckend realistisch. Sicher, die Handlung ist obskur und vieles ist überspitzt dargestellt, aber der Kern dahinter ist unglaublich wichtig, denn gerade angesichts der aktuellen Stimmung in Deutschland ist es sinnvoll, sich selbst zu fragen: Wie würde ich reagieren?
Zugegeben: Der Film ist lange nicht so tiefgründig wie das Buch und es fehlen viele wichtige Handlungselemente, die Vermes' Roman zu großartiger Satire machen. Aber: Dafür konzentriert sich die Verfilmung auf etwas anderes und zwar die Einbettung der Handlung in die aktuellen gesellschaftlichen und politischen Umstände in Deutschland. Und das ist eine meiner Meinung nach herausragende Leistung.

Umsetzung:

Noch bemerkenswerter als die Handlung des Films ist zweifelsohne seine Umsetzung. Regisseur David Wnendt mischt Satire mit Dokumentation. Er lässt seinen Hitler-Darsteller durch Deutschland reisen und die Menschen nach ihrer Meinung zu brisanten Themen, allen voran die Flüchtlingsdebatte, die politische Führung und die Migranten, fragen. Was man dabei im Hinterkopf behalten sollte: Diese Szenen haben kein Drehbuch, sondern sind dokumentarisch. Schauspieler Oliver Masucci ist in Hitler-Verkleidung also tatsächlich durch Deutschland gefahren und hat ehrliche und teilweise doch recht schockierende Antworten provoziert. Wieso provoziert? Weil insbesondere Mitglieder von AFD und NPD sowie offen auftretende Anhänger der rechten Szene sich vollkommen frei und unbefangen gefühlt haben - mit Adolf Hitler als Interviewer. Da konnte einem das Popcorn schon mal im Halse stecken bleiben...

Leider ist nicht immer klar ersichtlich, welche Szenen nun rein dokumentarisch und welche nach Drehbuch gespielt oder welche vielleicht sogar eine Mischung aus beidem sind. Das kann aber gut die Intention des Regisseurs sein, denn hier denkt man dann als Zuschauer: Das ist jetzt aber gestellt - oder etwa doch nicht? Dazwischen wird man immer wieder von Lachern geschüttelt, nicht weil dort Adolf Hitler auf der Leinwand agiert oder weil er so lächerlich dargestellt wäre, sondern weil die Figur beispielsweise unbewusst NPD und AFD diffamiert und auf überzogene Weise den Finger in die Wunde legt. 

Fazit:

"Er ist wieder da" ist definitiv eine Achterbahnfahrt: Man rauscht von einem herzhaften Lacher in ungläubiges Staunen und bestürztes Die-Augen-Niederschlagen. Und gerade das ist das Wertvolle an diesem Film. Wer eine getreue Verfilmung des Bestsellers erwartet, wird zwar enttäuscht, dafür aber mit einer fantastisch gelungenen Einbettung der Handlung in das aktuelle Zeitgeschehen entschädigt. Wenn der Vorhang fällt, bleibt vor allem eines: Bestürzung. Treffende Worte kamen während des Films vom Führer persönlich: Ihr Deutschen werdet mich niemals los, denn ich bin immer noch in euren Köpfen. Und: Ja, in Deutschland ist die Basis gut für mich - mit den Einstellungen der Menschen kann ich arbeiten. Und ist es nicht so? Meiner Meinung nach definitiv. Wer während des Films überwiegend laut losgeprustet hat, schluckt spätestens beim Abspann, wenn der Führer in seinem Cabrio durch Berlin fährt und zwischendrin Bilder aus Dresden, Heidenau und von Pegida- und Neonazi-Demos eingeblendet werden. Hitler ist in den Köpfen aller Menschen - aber leider nicht bei allen in Gestalt einer roten Alarmleuchte...

Aber macht euch am besten selbst ein Bild, der Film ist zwar nicht perfekt, aber außergewöhnlich und eindringlich. Der Kinogang lohnt sich auf jeden Fall!
Hier habe ich für euch jetzt einen Vorgeschmack:


Wie ist denn eure Meinung: Habt ihr den Film schon gesehen oder werdet ihn euch anschauen? Und darf man das überhaupt: Satire mit Adolf Hitler als Hauptperson? Ich bin gespannt, wie ihr das Ganze seht.

2 Kommentare:

analog 2.0 hat gesagt…

Hi,
ich bin immer noch hin und her gerissen ob ich ihn mir ansehe oder nicht. Ich fand das Buch gut und das Hörbuch klasse, aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob der Film auf der selben Welle spielt.

Satire mit Hitler als Hauptperson kann schnell nach hinten losgehen, aber ich finde, "Er ist wieder da" hat da eigentlich einen ganz guten Weg eingeschlagen. Etwas ungünstig finde ich eher die negativen Stimmen, die dieses Buch/Film generell abwerten ohne den Inhalt zu kennen oder das Buch je in den Händen gehabt zu haben.
Hier sollte definitiv jeder seine eigene Meinung bilden...

LG Rena

Svenja Prautsch hat gesagt…

Huhu :)

Ich sehe das so wie du: "Er ist wieder du" findet einen recht guten Mittelweg. Ich denke schon, dass der Film mit dem Buch mithalten kann, aber auf einer anderen Ebene - man muss es auf jeden Fall getrennt voneinander betrachten. Der Film punktet eben vor allem mit seinen dokumentarischen Elementen, die der Buchvorlage ja fehlen. Falls du dich für den Film entscheidest, sag mir doch bescheid, wie du ihn fandest :)

Liebe Grüße
Svenja

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