Samstag, 5. September 2015

REZENSION: "Im Schlaf komm ich zu dir" (J.R. Johansson)

Copyright Heyne fliegt

Titel: Im Schlaf komm ich zu dir

Autor: J.R. Johansson

Genre: Roman / Thriller / Jugendroman

Verlag: Heyne fliegt

Erscheinungsjahr: 2015

Format: Broschierte Ausgabe (14,99 €)

Seiten: 398

ISBN: 978-3-453-26813-5



Inhalt


Der 17-jährige Parker ist sich gewiss, dass er bald sterben wird. Schon seit vier Jahren hat er nicht mehr geschlafen. Stattdessen wandert er in den Träumen der Person herum, der er vor dem Einschlafen zuletzt in die Augen gesehen hat. Auf diese Weise lernt er einige der grausamsten und dunkelsten Geheimnisse seiner Mitmenschen kennen. Nur in Mias Träumen findet er Frieden, dort kann er sich entspannen und sogar endlich einschlafen. Ihre Träume werden für ihn zur Sucht, weshalb er alles tut, damit ihre Augen die letzten sind, die er erblickt, bevor es Nacht wird. Doch Mias Traumwelt ist nicht immer ruhig und erholsam. Die Panik vor einem Stalker, von dem sie tyrannisiert wird, verfolgt sie bis in den Schlaf. Parker verwendet nun all seine Energie darauf, ihren Verfolger zu finden - und begibt sich damit selbst in Gefahr. 


Cover


Ich mag die düstere Stimmung, die durch das kühle Blau aufgebaut wird. Sie steht in einem guten Kontrast zu dem Jungen, der im Schlaf eher friedlich wirkt. Das Schriftlayout finde ich zwar an sich gut, allerdings ist es mir fast schon etwas zu dominant.

Meine Meinung


Im ersten Augenblick klang die Vorstellung davon, in die Träume seiner Mitmenschen einzutauchen, sehr verführerisch für mich. Mich hat schon immer interessiert, was in den Köpfen anderer vor sich geht. Aber schon im ersten Kapitel wurde mir klar, dass das „Traumsehen“ (wie Parker es bezeichnet) nicht annähernd so wunderbar ist, wie es klingt. Es beginnt mit dem Traum eines Mannes, der eigentlich eine Erinnerung und entsprechend plastisch und klar ist, etwas, worauf man in diesem Fall gerne verzichten würde, denn es geht äußerst blutig zu. Das macht einem bewusst, dass es Dinge gibt, die man nicht gesehen haben will, da sie einen nur belasten. Nach dem vielversprechenden, düsteren Einstieg geht es dann aber erstmal gemächlicher zu. Der Nervenkitzel bleibt vorerst aus, stattdessen dreht sich alles um die Besonderheiten von Parkers „Talent“. Zum Beispiel teilt er die Gefühle des Träumers. Das ist oftmals eine eher schmerzhafte Erfahrung, denn, wie gesagt, träumt nicht jeder Mensch von Blümchen, Schmetterlingen und Einhörnern. Manche der Träume sind extrem heftig und Parker scheint sehr häufig in Albträumen unterwegs zu sein. „Unterwegs“ ist hierbei das richtige Stichwort, denn Parker kommt in den Träumen nicht zur Ruhe. Er ist aktiv am Traumgeschehen beteiligt, sodass er alles bewusst wahrnimmt. Sein Gehirn und sein Körper haben keine Pause, d.h. er schläft nicht, und deshalb befindet er sich in einem permanenten Erschöpfungszustand. Die Vorstellung fand ich sehr grausam, denn ich weiß, wie schlimm es ist, wenn man mal einen Tag übernächtigt ist – sich aber jeden Tag so zu fühlen, stell ich mir wie der blanke Horror vor. Sein Schlafmangel beeinträchtigt nicht nur seine Psyche und seine Reaktions- und Aufnahmefähigkeit, sondern führt letztlich unweigerlich zum Tod, denn ausreichend Schlaf zu bekommen, ist eines der Grundbedürfnisse des Menschen. Das war mir bisher nicht bekannt und umso schlimmer empfand ich diese Erkenntnis.
Umso bemerkenswerter war es für mich, dass er trotz allem stets bemüht war, den Schein zu wahren, weiterzumachen und nicht zu verzweifeln. Zwar hat er wesentlich weniger Energie, aber er unternimmt trotzdem noch so viel wie möglich mit seinen Freunden Finn und Addie, geht zur Schule und zum Fußball. Da aber keiner über seine Probleme Bescheid weiß, ist er im Grunde auf sich allein gestellt. Alle sehen zwar, dass es ihm nicht gut geht, aber sie vermuten, er würde Drogen nehmen. Dass ihm keiner geglaubt hat, als er es immer wieder abgestritten hat, ist zwar verständlich, hat mich aber öfter aufgeregt, vor allem weil es noch mehr zu seiner Verzweiflung beigetragen hat.
In all diesem emotionalem Wirrwarr ist allerdings noch Platz für etwas Humor. Insbesondere Finn trägt mit seinem spritzigen Charakter und seiner Sorglosigkeit zur Unterhaltung bei und lockert das Geschehen auf. Seine Träume waren übrigens meine Favoriten, weil sie so skurril und kreativ sind und mich an die von unbeschwerten Kindern erinnert haben.
Mit jedem Kapitel wird die Story immer verworrener. Parker erscheint seinen Mitmenschen immer abgedrehter, weil einerseits seine Emotionen stark schwanken, andererseits weil er sehr auffällig gezielt nach Mia sucht. Was am Anfang wie eine harmlose Verliebtheit auf sie gewirkt hat, erwächst schnell zu obsessivem Verhalten, wodurch sich andere, speziell Mia, vor ihm fürchten. Ihre heftige Reaktion, d.h. dass sie ihn meidet, vor ihm flieht und hysterische Anfälle bekommt, sobald sie ihn erblickt, sind vollkommen nachvollziehbar, auch wenn mir Parker einfach nur leid tat. Er hat nie böse Absichten, sondern sehnt sich nur nach erholsamem Schlaf bzw. will ihr später einfach nur helfen.
Zu einem wirklichen Problem wird seine „Traumseherei“ eigentlich erst dann, als er die Kontrolle über sich selbst verliert und sich nicht mehr selbst trauen kann. Er hat immer wieder Aussetzer, ist jähzornig und gewalttätig. Er wird gewissermaßen zu einer gespaltenen Persönlichkeit und diese finstere Seite manifestiert sich in „dem Dunklen“, wie er ihn nennt – eine Halluzination, die wie ein irre gewordenes Abbild seiner Selbst aussieht. Zunächst einmal mochte ich ihn aus den naheliegenden Gründen nicht: er ist böse und angsteinflößend. Allerdings haben mich der Name selbst, der für meinen Geschmack etwas lächerlich klang, und die Gespräche, die Parker mit ihm geführt hat, gestört. Sie wirkten mir zu gestelzt, zu gewollt bösartig, was sich nicht recht mit dem Textfluss vereinbaren ließ. Manchmal war ich der Meinung, dass sich die Beschreibungen seiner Furcht vor seiner düsteren Seite zu oft wiederholt haben. Zwar kann ich seine Ängste verstehen, aber spätestens nach dem dritten Mal hat man es wohl verstanden. Außerdem empfand ich mache Formulierungen als überdramatisiert, aber das ist eher eine kleine Kritik am Rande.
Zugegebenermaßen hatte ich relativ früh eine Theorie, wer der Stalker, die eigentliche Bedrohung für Mia sein könnte, welche sich dann auch als richtig erwiesen hat, aber ich hatte doch häufiger Zweifel an meiner Vermutung. Johansson streut nämlich immer wieder falsche Finten ein, indem sie neue Charaktere einführt oder die Aufmerksamkeit auf bestimmte Details und Sachverhalte lenkt, die andere verdächtig erscheinen lassen. Dadurch bekam das Buch dann tatsächlich die Züge eines Thrillers, wenngleich es nicht ganz so nervenaufreibend für mich gewesen ist wie ein Thriller für Erwachsene. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass, wenn man noch etwas jünger ist und den Roman (besonders das letzte Drittel) nachts liest, sich schon der entsprechende Nervenkitzel breit macht.
Das Ende hat dann den mäßigen Zwischenteil gerettet. Zum einen weil die Action zunimmt und endlich in einer Konfrontation mit dem Stalker mündet, zum anderen weil eine Brücke zu einer Fortsetzung geschlagen wird. Die vagen Andeutungen zur Traumseherfähigkeit haben mich geködert. Nun will ich wissen, wie Parker weiter damit umgeht, sie vielleicht zu beherrschen lernt und in was für Verwicklungen sie ihn, Addie, Mia und Finn wohl noch verstricken wird. Vielleicht klären sich dort auch Fragen, die für mich offen geblieben sind. Zum Beispiel: was passiert, wenn Parker vor dem Schlafen zuletzt seine eigenen Augen sieht (z.B. im Spiegel)? Müsste er dann nicht theoretisch seine eigenen Träume haben? Dieser Punkt wurde gar nicht angeschnitten, obwohl mich schon interessieren würde, wie das begründet wird. Mal sehen, ob das noch kommt.

Fazit


Nach einem starken Anfang flacht die Spannung zunächst  merklich ab. Zwar bleibt es durchweg mysteriös, aber das Thriller-Feeling stellte sich bei mir nicht wirklich ein. Die Steigerung zum Schluss und die Wendung haben mich schließlich über den Mittelteil hinweggetröstet, der sich für meinen Geschmack zu sehr in die Länge gezogen hat.    
Da ich außerdem die Charaktere lieb gewonnen habe und mir das Konzept gefällt, bin ich einer Fortsetzung durchaus nicht abgeneigt. Mich interessiert, was die Autorin alles noch aus dem Material herausholen kann. 



An dieser Stelle möchten wir uns recht herzlich beim Verlag Heyne fliegt bedanken, der uns dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat!

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