Montag, 21. September 2015

REZENSION: "Die Tochter des Malers" (Gloria Goldreich)

Copyright Aufbau Verlag

Titel: Die Tochter des Malers

Autor: Gloria Goldreich

Genre: Roman / Liebesroman

Verlag: Aufbau Verlag

Erscheinungsjahr: 2015

Format: Taschenbuch (12,99 €)

Seiten: 592

ISBN: 978-3746631820


Inhalt:

Die schöne Ida ist die behütete Tochter des geschätzten und berühmten Malers Marc Chagall und seiner Frau Bella. Musste die Familie früh aus Russland fliehen, lebt sie jetzt in einer schicken Pariser Wohnung in bescheidenem Luxus. Doch Ida will mehr. Sie verliebt sich in den mittellosen Jurastudenten Michel und steht bereits mit 18 Jahren vor einer schwerwiegenden Entscheidung, die sowohl ihr Leben als auch das von Michel sowie Marc und seiner Frau beeinflussen wird. Gleichzeitig beobachtet die Familie besorgt, wie Hitler in Deutschland an die Macht kommt, denn als russische Juden schweben die Chagalls in großer Gefahr. Während Marc darauf vertraut, dass sein Ruhm ihn schützen wird, setzt Ida alles daran, ihre Familie zu retten...


So gefällt mir das Cover:

Das Cover hat sofort meine Aufmerksamkeit erregt, denn es ist sehr stimmungsvoll und gefällt mir vor allem aufgrund des Sepia-Tons sehr gut. In Kombination mit dem opulenten Gebäude im Hintergrund wirkt das Ganze sehr nostalgisch, der Fokus liegt jedoch auf der Frau mit dem roten Haar und dem blauen Kleid, die die Szene dominiert - ebenso wie Ida Chagall die Handlung von Die Tochter des Malers. Deswegen passt das Cover meiner Meinung nach perfekt und macht richtig Lust auf den Roman.

Meine Meinung:

Die Tochter des Malers von Gloria Goldreich stand schon auf meiner Wunschliste, als mich der Aufbau Verlag fragte, ob ich den Roman nicht vorab lesen und anschließend rezensieren wolle. Natürlich habe ich zugesagt und möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich beim Verlag für das Rezensionsexemplar bedanken, das mir wirklich ein paar traumhafte Lesestunden beschert hat.

Cover und Klappentext haben mich an Anne Girards Roman Madame Picasso erinnert, den ich ebenfalls vor nicht allzu langer Zeit gelesen habe. Schon nach den ersten Seite habe ich jedoch gemerkt, dass die beiden Geschichten sich grundlegend voneinander unterscheiden. Während in Madame Picasso der Fokus auf dem Liebhaber Picasso und seiner Liebe zur Eva liegt, zeichnet Goldreichs Roman ein eher unsympathisches Bild von Marc Chagall und porträtiert die Beziehung zwischen ihm und seiner Tochter Ida. 

In die Geschichte selbst habe ich mich gut eingefunden und zunächst fand ich die Titelheldin, Ida Chagall, auch sehr sympathisch. Sie hat mir imponiert, denn sie ist nicht nur unglaublich schön und anmutig, sondern vor allem stark, tough und durchsetzungsfähig. Diese Charakterzüge haben allerdings eine Grenze und die heißt Marc Chagall. Ida stellt seine Bedürfnisse und Wünsche von Anfang an über ihre eigenen und baut ihr Leben praktisch um ihn herum. Sie ist nicht unbedingt ein verwöhntes Vatertöchterchen, sondern steht eher in einem ziemlich abstrusen Abhängigkeitsverhältnis zu ihm. Sie braucht es, sich um Marc selbst und seine Belange zu kümmern, so wie er das voraussetzt und gleichzeitig ebenso abhängig von seiner Tochter ist.

Manchmal fiel mir das Lesen richtiggehend schwer, denn Marc Chargall ist ein so unangenehmer, narzistischer und arroganter Zeitgenosse, dass man Ida am liebsten schütteln und ihr zurufen möchte: Lass den alten Sack und kümmer dich endlich mal um dich! Mit seiner Arroganz und Selbstverliebtheit bringt der große Marc Chagall seine Familie immer wieder in Gefahr und riskiert sogar, von den Nazis deportiert und ermordet zu werden, nur um sein geliebtes Paris nicht verlassen zu müssen. Ida ist diejenige, die sich um alles kümmert, die kämpft und dafür ihr eigenes Glück aufs Spiel setzt. Das ist sehr bewundernswert, obgleich ihre Obszession für ihren berühmten Vater desto unverständlicher und krankhafter wird, je weiter die Geschichte fortschreitet.

Anders als der Klappentext vermuten lässt, ist das zentrale Thema in Die Tochter des Malers nicht die Liebe zwischen Ida und Michel. Die Geschichte beschäftigt sich vielmehr vor allem mit der Beziehung zwischen ihr und ihrem Vater Marc von ihrem 18. Lebensjahr an bis ins mittlere Alter. Sie begleitet die Familie Chagall von Paris nach Amerika und wieder zurück und zeichnet dabei auch das faszinierende Bild einer Epoche von großen Künstlern. Bei all dem hat mir allerdings der Fokus gefehlt, was auch daran liegt, dass Goldreich sich nicht allein auf Idas Perspektive beschränkt, sondern auch die ihres Vaters, ihrer Mutter, die von Michel und anderen Charakteren mit einbezieht. Das ist einerseits interessant, da man so auch Einblick in die Gefühle und Gedanken der anderen Personen erhält, hat allerdings auch zur Folge, dass man sich als Leser nicht so sehr mit Ida als Protagonistin identifizieren kann, wie ich es mir gewünscht hätte.

Wie bereits gesagt, konzentriert sich Goldreich auf das Leben der Familie Chagall von 1935 an bis in die 1950er Jahre hinein. Dabei schweift sie oft ab, nimmt Bezug auf das Zeitgeschehen und geht auch auf andere Familien und Belange ein, die für die Geschichte nicht wirklich von Bedeutung sind. Das hat mich manchmal gestört und dafür gesorgt, dass mir der Roman etwas zu langatmig vorkam. An anderer Stelle wiederum fand ich die detailreichen Beschreibungen sehr gelungen. Besonders gut gefallen haben mir außerdem das Setting im künstlerischen Paris und modernen New York, der angenehme Erzählstil und die Darstellung von Marc Chagall. Ich finde es sehr sympathisch, dass Goldreich seine Person nicht romantisiert hat, sondern ihn als den Menschen abgebildet hat, der er war - genial, aber auch kompliziert und selbstverliebt. Bisweilen hat man Mitleid mit Ida, die zwar selbstbewusst und stark ist, zeit ihres Lebens jedoch in Konkurrenz mit der von ihrem Vater so geliebten Kunst steht und ständig um seine Aufmerksamkeit buhlt.

Insgesamt ist die Geschichte von Ida und Marc Chagall wirklich interessant zu lesen, da sie den Werdegang eines jüdischen Künstlers abbildet, der vielen Widrigkeiten im Leben trotzen musste und dadurch gelernt hat, sich auf seine Tochter zu verlassen. Marc Chagalls Leben war ein Leben der Schönheit - diese stand für ihn immer an oberster Stelle, während Ida sich merklich mehr gewünscht hätte. Schockiert hat mich manchmal, dass seine Tochter und überhaupt seine Familie ihm so gleichgültig zu sein schienen, während seine Kunst ihm alles bedeutete. Marc Chagall ist nicht unbedingt jemand, den ich gerne getroffen hätte und hätte ich mir trotz allem Unverständnis ein erfüllteres Leben für Ida gewünscht, für die man am Ende vor allem Mitleid empfindet.

Mein Fazit:

Anders als erwartet ist Die Tochter des Malers keine Liebesgeschichte, sondern die Geschichte einer jungen Frau, die im Schatten ihres berühmten Vaters aufwächst, ihm jeden Wunsch von den Lippen abliest und sein Wohl stets über ihr eigenes stellt. Obwohl der Geschichte bisweilen ein echter Fokus fehlte und sie mir an einigen Stellen zu langatmig und ausschweifend war, haben mir besonders die Figuren sehr gefallen. Ida ist eine starke Persönlichkeit, ihr Vater ein selbstverliebtes, egoistisches Genie - es war sehr spannend, mitzuverfolgen, wie diese so unterschiedlichen Charaktere immer wieder aufeinanderprallten und wie sich die ungewöhnliche Vater-Tochter-Beziehung immer weiter in eine ziemlich ungesunde Richtung entwickelte. Die Geschichte selbst hätte spannender sein können, bietet jedoch einen wirklich faszinierenden und interessanten Einblick in das Leben eines berühmten Künstlers und in eine Zeit, in der Kunst von großer Bedeutung für das gesellschaftliche Leben war. Deswegen habe ich die Lektüre wirklich genossen und kann guten Gewissens 4 von 5 Konterfeis vergeben. ;)


  

    


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