Mittwoch, 30. September 2015

REZENSION: "Die Kleiderdiebin" (Natalie Meg Evans)

Copyright Heyne Verlag

Titel: Die Kleiderdiebin

Autor: Natalie Meg Evans

Genre: Roman / historischer Roman

Verlag: Heyne

Erscheinungsjahr: 2015

Format: Taschenbuch (9,99 €)

Seiten: 544

ISBN: 978-3453418677 


Inhalt:

Paris, 1937: Alix ist zusammen mit ihrer Großmutter aus London in die französische Hauptstadt gezogen und arbeitet dort zunächst als Telefonistin. Ihr großer Traum ist es jedoch, ebenso wie die großen Pariser Designer Haute Couture zu entwerfen und die Menschen mit ihren Kreationen zu erfreuen. Eine einmalige Chance bietet sich ihr mit einem Vorstellungsgespräch in dem berühmten Modehaus Maison Javier. Doch dieses Jobangebot hat ihr eine einflussreiche Amerikanerin verschafft und erwartet dafür eine Gegenleistung: Alix soll sich die nächste Kollektion des Designers einprägen und später skizzieren, damit die Stücke in den USA billig nachproduziert werden können. Das stürzt Alix in ein moralisches Dilemma: Sie braucht dringend Geld und will auch ihrem mittellosen Freund Paul helfen, doch sie liebt die Haute Couture und beginnt, die Arbeit bei Maison Javier zu lieben...


So gefällt mir das Cover:

Das Cover war neben dem Klappentext der Hauptgrund dafür, dass ich das Buch unbedingt lesen wollte. Es wirkt auf mich sehr stimmungsvoll und romantisch und auch ein bisschen wie ein Wimmelbild, da es den Ausschnitt eines Nähtisches zu zeigen scheint. Das hat mir gleich Lust auf das Lesen gemacht und ich habe mich auf die glamouröse Welt des Paris' der 1930er Jahre gefreut.

Meine Meinung:

Ohne bewusst darauf zu achten, habe ich in letzter Zeit viele Romane gelesen, die im Paris der 1930er Jahre spielen. Die Kleiderdiebin ist einer davon und noch dazu einer, der mir wirklich sehr gefallen hat, vor allem weil ich nur so durch die Seiten geflogen bin. 

Natalie Meg Evans' Schreibstil ist sehr angenehm und leicht und außerdem besonders bild- und detailreich. Ihre Worte lassen das beinahe magische und künstlerische Paris der 1930er Jahre vor den Augen des Lesers wieder aufstehen und haben bei mir das Gefühl erzeugt, ich würde selbst an Alix' Seite durch diese wunderschöne Stadt flanieren. Besonders gut gefallen haben mir die Beschreibungen der Mode. Ich bin zwar selbst nicht übermäßig modebegeistert, aber die Kleider, die Alix' entwirft und/oder schneidert, wirken so glamourös und traumhaft, dass ich mir an mehreren Stellen ernsthaft gewünscht habe, selbst einmal in ein solches schlüpfen zu können. 

Alix als Protagonistin war mir von Anfang an sympathisch. Sie ist ein junges Mädchen mit großen Träumen, die aber trotzdem auf dem Boden der Tatsachen bleibt. Dabei ist sie sehr realistisch, aber auch fürsorglich und zu Beginn der Geschichte auch ein wenig unschuldig und naiv. Sie ist (wie von mehreren Charakteren im Buch angemerkt wurde) ein unbeschriebenes, weißes Blatt. Das macht sie leider auch zum leichten Opfer für skrupellose und macht- und geldgierige Menschen wie die Amerikanerin Madame Kilpin, die sie in die Rolle der Modediebin drängt, und den zwielichtigen Clubbesitzer Serge, der in ihr eine weitere Trophäe für seine Sammlung sieht. Man spürt von der ersten Seite an, dass Alix eigentlich ein sehr leidenschaftlicher Mensch ist und dass Mode für sie alles bedeutet - und so blutet einem selbst auch das Herz, als sie gegen ihren Willen Skizzen für Plagiate anfertigen muss und dem von ihr so verehrten Modedesigner Javier damit großen Schaden zufügt. Gleichzeitig kann man ihr Dilemma auch sehr gut nachvollziehen, denn Alix braucht Geld, um sich um ihre Großmutter zu kümmern, und arbeitet parallel dazu auch hart daran, sich gleich in mehreren Berufen zu beweisen: Dem der Näherin, der Modeschöpferin und des Models bzw. Mannequins. Dabei erlebt man mit, wie Alix sich vom zu Beginn zurückhaltenden und unschuldigen Mädchen in eine selbstbewusste und auch leicht verruchte Frau verwandelt, die manchmal wie eine verhängnisvolle Femme Fatale aus einem alten Filmklassiker wirkt.

Auch die anderen Charaktere im Buch haben mich sehr beeindruckt, weil sie alle sehr ausgeprägte Persönlichkeiten haben und teilweise selbstlos und liebenswert, teilweise originell und speziell sowie teils auch skrupellos und gefährlich sind. Insgesamt lebt die Geschichte von der Dynamik zwischen den Charakteren. Neben Alix' großer Liebe Verrian haben mir besonders ihr Freund Paul mit seinen kleinen Schwestern, der liebenswerte Modeschöpfer Javier, ihre resolute Großmutter Danielle, der unergründliche Maler Bonnet und Alix' Gönner und Unterstützer Jean-Yves sehr gefallen. Bei der Menge an Personen ist es nicht immer leicht gewesen, alle Namen zu behalten und zuzuordnen und manchmal musste ich überlegen, um wen es eigentlich geht, aber das macht die Geschichte auch so authentisch und vielschichtig. Interessant fand ich vor allem die Einblicke in die Pariser Modewelt der 1930er Jahre mit ihren Mannequins, Zuschneiderinnen, Ankleiderinnen, Designern und Näherinnen. Man lernt die Hierarchie eines Modehauses kennen und verfolgt dabei, wie Alix sich von ganzen unten bis nach oben arbeitet.

Bei Die Kleiderdiebin passt einfach alles zusammen: Das Setting, der Schreibstil, die Charaktere und auch die Handlung. Letztere ist nämlich um einiges komplexer, als ich es erwartet hätte. Vorrangig geht es zwar um Alix' Werdegang als Näherin, ihre Tätigkeit als Modediebin und auch ihr Privatleben, einen Rahmen für diese Geschichte bildet jedoch ihre eigene Vergangenheit. Diese birgt so manches Rätsel, das mit ihrer Großmutter, ihrem Gönner Jean-Yves und dem Maler Bonnet zu tun hat. Auch ein mysteriöser Erpresser spielt eine Rolle und so bleibt die Handlung von vorne bis hinten spannend. Das alles geschieht vor dem historischen Hintergrund des Spanischen Bürgerkriegs, der insbesondere Verrian und Javier sehr bewegt, und der Unruhen am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Man spürt die allmählich aufkommende, brodelnde Stimmung und da Alix Jüdin ist, hat man auch Angst davor, was ihr wohl nach 1939 zustoßen könnte. Das sowie ein weiteres Geheimnis, das ich hier nicht verraten möchte, wird am Ende des Romans offen gelassen, was ich aber absolut treffend und überhaupt nicht störend finde, da man sich so selbst Gedanken zu Alix' Schicksal machen kann.

Das Einzige, was mich an Evans' Roman gestört hat, ist, dass die Intrigen und Geheimnisse teilweise zu offensichtlich für mich waren. So hatte ich von Anfang den richtigen Riecher, was den Erpresser betrifft, und auch einige andere Ereignisse waren recht vorhersehbar. Sehr gut gefallen hat mir wiederum, dass Die Kleiderdiebin trotz der romantischen Elemente nicht zu einer kitschigen Schnulze verkommt und Alix' Träume und ihre Arbeit die meiste Zeit über im Vordergrund stehen.


Mein Fazit:

Die Kleiderdiebin ist ein unheimlich bildgewaltiger und glamouröser Roman, der einen in die elegante Welt der Pariser Mode in den 1930er Jahren entführt. Für mich hat, abgesehen von einigen Kleinigkeiten, bei diesem Buch fast alles gepasst und so war ich sowohl von dem wunderschönen Setting als auch von den sehr charakterstarken Figuren, den detailreichen Beschreibungen der Haute Couture und den Intrigen und Geheimnissen, die die Geschichte durchziehen, schlichtweg fasziniert und begeistert. Natalie Meg Evans' Roman ist ebenso romantisch, einfühlsam und verträumt wie tragisch und authentisch und bekommt deshalb von mir 4 von 5 "Schriftsteller-Köpfe". Beim Heyne Verlag möchte ich mich für das Rezensionsexemplar bedanken, das mir einige wirklich entspannte und unterhaltsame Lesestunden beschert hat.



 

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