Dienstag, 15. September 2015

REZENSION: "Afterworlds - Die Welten zwischen uns" (Scott Westerfeld)

Copyright Sauerländer Verlag
Titel: Afterworlds - Die Welten zwischen uns

Autor: Scott Westerfeld

Genre: Roman / Fantasy / Jugendbuch

Verlag: S. Fischer Verlage - Sauerländer

Erscheinungsjahr: 2015

Format: Hardcover (22,99 €)

Seiten: 704

ISBN: 978-3737352222

Inhalt:

Haarscharf überlebt die 17-jährige Lizzy einen Terroranschlag auf einem Flughafen, doch seitdem ist etwas anders. Plötzlich kann sie in die Anderwelt überwechseln, die Totenwelt der Geister. Dort trifft sie auf den Seelenführer Yamaraj, in den sie sich unsterblich verliebt. Lizzy lernt, den Eintritt in die Anderwelt zu kontrollieren, wobei ihr die verstorbene Kinderfreundin ihrer Mutter, Mindy, behilflich ist und muss sich bald entscheiden - will sie leben oder auf ewig zwischen den Welten wandeln?
"Afterworlds" ist ein Roman, das Erstlingswerk der 18-jährigen Darcy. Wider Erwarten interessiert sich direkt ein großer Verlag für die Fantasy-Geschichte um Lizzy und Yamaraj und kauft Darcys Manuskript. Diese verwirft daraufhin ihre College-Pläne und zieht nach New York, um in die aufregende Welt der Schriftsteller einzutauchen und um in Ruhe die Fortsetzung von "Afterworlds" zu schreiben. In New York lernt Darcy nicht nur Schritt für Schritt, was es heißt, ein richtiger Autor zu sein, sondern findet auch zu sich selbst und einer großen Liebe...


So gefällt mir das Cover:

Das Cover gefällt mir ziemlich gut, denn es wirkt mysteriös und geheimnisvoll und lässt schon erahnen, dass es im Buch um eine Art Zwischenwelt geht. Auch die dunkle Farbgebung passt zur eher düsteren Geschichte. Die Gesichter auf dem Einband scheinen ineinander überzugehen, was auch die reale Welt und die Anderwelt tun.

Meine Meinung:

Auf die Gefahr hin, dass diesen Post der Länge wegen niemand lesen wird, muss die Rezension zu Afterworlds von Scott Westerfeld etwas ausführlicher ausfallen als üblich :D Das liegt einfach daran, dass der Klappentext hält, was er verspricht: Afterworlds ist zwei Romane in einem. Klar, dass es da viel zu erzählen gibt.

Der Roman hat - wie erwartet - eine recht komplexe Handlung, denn er erzählt zwei Geschichten, die im Prinzip voneinander unabhängig sind. In der einen ist die 17-jährige Lizzy die Protagonistin, die nach einer Nahtoderfahrung zum Psychopomp wird und fortan zwischen der realen Welt und der Anderwelt (dem Reich der Toten) wandeln kann. Der zweite Handlungsstrang umfasst die Geschichte von Darcy, der 18-jährigen Autorin von "Afterworlds" - dem Roman, in dem Lizzys Geschichte erzählt wird. Westerfelds Roman ist also auf der einen Seite Fantasy und auf der anderen Seite ein Gegenwartsroman bzw. ein typisches Jugendbuch. Für mich persönlich war diese Mischung perfekt, denn ich bin ja kein großer Fantasy-Leser und da sich die beiden Geschichten Kapitel für Kapitel abwechseln, fiel es mir leichter, den Fantasy-Part zu lesen. 


Lizzys Geschichte

Westerfelds Roman beginnt mit Lizzys Geschichte, die aus der Ich-Perspektive von der Protagonistin selbst erzählt wird. Die Handlung setzt ziemlich abrupt ein und zwar mit dem Terroranschlag auf dem Flughafen von Dallas, dessen einzige Überlebende Lizzy ist. Während des Anschlags wechselt sie zum ersten Mal in die Totenwelt über und trifft dort direkt auf Yamaraj, der ihr erklärt, dass sie ein sogenannter Schnitter oder auch Psychopomp ist, der zwischen den Welten wandeln kann. Diese Thematik fand ich schon sehr interessant, allerdings ging mir alles zu schnell. Zu Beginn und auch im weiteren Verlauf der Handlung war die Anderwelt (Welt der Toten) für mich nicht wirklich greifbar, es gab zu vieles, was ich mir so gar nicht vorstellen konnte, zum Beispiel wo genau der Körper bleibt, wenn der Geist in die Anderwelt überwechselt.

Ein Problem hatte ich auch mit Lizzy selbst. Für mein Empfinden steckt sie den Terroranschlag, den sie nur knapp überlebt hat und bei dem etliche Menschen auf brutale Weise starben, viel zu leicht weg. Sie wirkt nicht traumatisiert oder wenigstens erschrocken, sondern ist eigentlich nur damit beschäftigt, sich mit der Anderwelt auseinandersetzen, Ausschau nach Yamaraj, in den sie sich wirklich ruckartig verliebt hat, zu halten und lebt schließlich fast nur noch in der Anderwelt. Ihre Beziehungen zu realen Menschen (wie ihrer Mutter oder ihrer besten Freundin) erscheinen nur oberflächlich und unwichtig, während Yamaraj und das Geistermädchen Mindy ihr zunehmend mehr bedeuten. Das gehört zwar einerseits natürlich zum Fantastischen der Geschichte, macht einem Lizzy aber gleichzeitig weniger greifbar. Sie wirkt nicht wie ein realer Mensch, da man auch emotional irgendwie nicht an sie herankommt.

Insgesamt waren mir die Figuren im "Afterworlds"-Teil (Lizzy, Yamaraj, seine Schwester Yami, Lizzys Mutter und ihre Freundin Jamie) zu oberflächlich und platt. Einzig das Geistermädchen Mindy macht im Laufe der Geschichte eine Entwicklung durch und entpuppt sich als unerwartet vielschichtiger Geist. Überraschenderweise stellt die fiktive Autorin Darcy kurz vor Veröffentlichung ihres Buches selbst fest, dass sie die Charaktere mehr hätte ausbauen sollen. Hat Westerfeld also, dessen Protagonisten in anderen Romanen wirklich komplex sind, an dieser Stelle wieder den Eindruck erzeugen wollen, eine unerfahrene Debütautorin hätte Lizzys Geschichte geschrieben? Wenn ja, dann ist ihm das wirklich gut gelungen. 

Die Handlung an sich war wie gesagt recht interessant, das Thema neu und relativ unverbraucht. Es war sehr erfrischend, mal nicht von Fabelwesen, Vampiren oder Zauberstäben lesen zu müssen. Ein weiterer Pluspunkt für mich: Die Anderwelt geht in die reale Welt über und vermischt sich mit ihr - sie existiert sozusagen auf einer anderen Ebene, was ich bei Fantasy immer sehr mag, da Wirklichkeit und Fantasie koexistieren, wie das ja auch tatsächlich der Fall ist. Der Spannungsbogen war für mich allerdings eher eine Spannungsachterbahn, es ging auf und ab und manchmal war mir die Handlung etwas zu holprig und unschlüssig - ganz anders, als ich es von Westerfeld eigentlich gewohnt bin. Aber, da ich ja weiß, dass er ein brillanter Schriftsteller mit einem hervorragenden Schreibstil ist, kann ich mir durchaus vorstellen, dass er Lizzys Geschichte bewusst etwas holprig und ungeschickt gestaltet hat, denn schließlich soll die ja aus der Feder der 18-jährigen und unerfahrenen Jungautorin Darcy stammen. In dem Fall wäre es wirklich ein außerordentlich gelungener, schriftstellerischer Kniff von Westerfeld, aber dazu im nächsten Abschnitt mehr.


Darcys Geschichte

Direkt nach dem ersten Kapitel, in dem Lizzys Geschichte beginnt, wird im nächsten Kapitel Darcy eingeführt und der Leser erfährt, dass es sich bei ihr um die junge Autorin des Fantasy-Romans "Afterworlds" handelt - ein fiktiver Roman, der genauso heißt wie Westerfelds realer Roman. Damit beginnt sein Spiel mit dem Leser, dass er in den Kapiteln über Darcy auf glänzende Weise ausbaut. Das Besondere daran ist, dass von Anfang an nicht suggeriert wird, dass Lizzys Geschichte wahr ist - der Leser liest in dem Bewusstsein, dass sie von jemandem verfasst wurde und so rückt Westerfeld die Autorfigur in Gestalt der fiktiven Darcy in den Mittelpunkt und setzt sich ganz offen mit der Autorfiktion und mit bestehenden Autorenkonzepten auseinander. 

Darcy ist eine junge Inderin aus Philadelphia, die ihren Erstlingsroman für eine extrem hohe Summe verkauft hat und daraufhin nach New York zieht, um die Fortsetzung zu schreiben. Sie war für mich direkt greifbarer als Lizzy - sie ist jung, zielstrebig und muss sich mit Selbstzweifeln und Ängsten herumschlagen, die sicherlich jeden Debütautor plagen. Gleichzeitig ist sie noch recht unsicher und blauäuig, was zu ihrem Alter passt und womit sich der junge Leser problemlos identifizieren kann. Während Darcy in New York ihren Roman überarbeitet und sich Gedanken über die Fortsetzung macht, findet sie außerdem zu sich selbst und lernt ihre erste große Liebe kennen - ihre junge, ebenfalls debütierende Schriftsteller-Kollegin Imogen. Dabei entspinnt sich eine völlig andere Liebesgeschichte, als man es aus anderen Jugendbüchern gewohnt ist und das liegt nicht nur daran, dass es sich um eine gleichgeschlechtliche Beziehung handelt, sondern hauptsächlich daran, dass Darcy und Imogen geistig absolut auf einer Wellenlänge sind und sich schon bald gegenseitig brauchen, um schreiben zu können. Im Vordergrund steht also nicht die körperliche Beziehung, sondern vielmehr die intellektuelle.

Die Darcy-Handlung war für mich spannender als der "Afterworlds"-Teil, weil sie einen faszinierenden Einblick in das Leben eines Jungautoren gewährt. Lizzys Geschichte habe ich vor allem deswegen trotzdem gerne gelesen, weil ich neugierig darauf war, wie Darcy Details aus ihrem Leben und ihre Ideen umsetzt und verarbeitet. Normalerweise liest man als Leser ja nur die endgültige Fassung eines Romans, mithilfe der fiktiven Autorin Darcy hat man in Afterworlds jedoch die Möglichkeit, am Schreib- und Bearbeitungsprozess teilzuhaben und mitzuverfolgen, was Darcy an ihrer Geschichte noch ändert, was ihr selbst auffällt usw. Dabei stellt sich natürlich die Frage, inwieweit dieser Schreibprozess fingiert ist. Es wäre ja durchaus denkbar, dass Westerfeld Darcy Dinge referieren lässt, die ihm selbst während des Schreibens durch den Kopf gingen. Das weiß man jedoch natürlich nicht und so bleibt es dem Leser überlassen, selbst seine Schlüsse zu ziehen.

Insgesamt zeigt sich hier eine außergewöhnliche und experimentelle Vorgehensweise Westerfelds. Er zeigt uns, dass alles, was Lizzy zustößt und was sie erlebt, in der Entscheidungsgewalt von Darcy liegt, dass ihre Änderungen, Ideen und Wünsche in den Handlungsverlauf des fiktiven "Afterworlds" eingreifen. Damit rückt Westerfeld die Autorfigur in den Mittelpunkt und widersetzt sich dabei auch bestehenden Literaturtheorien, nach denen der Autor "tot" ist und für die Rezeption des Textes keine Rolle spielt. Westerfeld bildet sozusagen den aktiven Schreibprozess ab und demonstriert uns gleichzeitig das Ergebnis, nämlich die Geschichte von Lizzy. Anschließend setzen wir als Leser uns nicht nur mit Lizzy auseinander, sondern auch mit dem handwerklichen Geschick und dem Vorstellungsvermögen derjenigen, die sie erschaffen hat - Darcy - und somit mit dem Autor selbst. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass es sich bei Darcy ebenfalls um eine fiktive Person handelt - sie ist für Westerfeld der hypothetische Autor, das Bindeglied zwischen der Lizzy-Geschichte und dem Leser. Das mag alles ziemlich konfus und verwirrend klingen (und das ist es an manchen Stellen auch), ist aber vor allem unglaublich interessant und spannend, vor allem wenn man sich für das Schreiben begeistert. 

Gegen Ende des Romans dämmerte mir, dass weder die Geschichte von Lizzy noch die von Darcy bei Westerfeld im Fokus steht. Von beiden Handlungen haben mir auch die Enden nicht wirklich gefallen, aber auch darum scheint es nicht zu gehen. Es geht vielmehr darum, wie das geschriebene Wort und die Realität zusammenhängen. So könnte man das Buch als die Anderwelt betrachten und den Autor als Psychopomp, der dazu fähig ist, zwischen der Wirklichkeit und der fiktiven Welt seiner Worte hin und her zu wechseln. Es geht Westerfeld also letztlich um die Beziehung des Autors zu seinem schriftstellerischen Werk und wenn man das als großes Überthema seines Romans Afterworlds betrachtet, dann ist dieser wirklich ein Meisterwerk und als großes Ganzes unheimlich authentisch und überzeugend.

Mein Fazit:

Wie ihr an der Länge meiner Rezension unschwer erkennen könnt, gibt es zu Afterworlds - Die Welten zwischen uns von Scott Westerfeld unheimlich viel zu sagen. Ich will versuchen, mich beim Fazit relativ kurz zu fassen: Der Roman erzählt zwei verschiedene Geschichten, wobei die eine im fiktiven Universum des Romans fingiert und die andere real ist. Die Fantasy-Geschichte, in der die Seelenführerin Lizzy die Protagonistin ist, hat mich persönlich nicht wirklich gefesselt, es fehlte mir an Substanz und Spannung. Bettet man diese Handlung jedoch in den Gesamtkontext des Buches ein und sieht sie als den fingierten Roman der 18-jährigen Darcy, dann hat Westerfeld unglaubliches, schriftstellerisches Talent bewiesen. Zentrales Thema in Afterworlds ist nämlich die Rolle des Autors und wie er auf seinen Text auch nach dem Schreibprozess einwirkt. Man sollte die beiden Handlungsstränge also nicht als zwei Geschichten betrachten, sondern als großes Ganzes. Dieser neuartige und wirklich interessante Ansatz hat mich vollends überzeugt. Allerdings gibt es für mich trotzdem einen Schriftstellerkopf Abzug, weil ich während einiger Lizzy-Passagen wirklich durchgehangen habe und die insgesamt 704 Seiten nicht komplett mit Spannung angefüllt waren. Aber abgesehen davon - ein großartiger, unheimlich faszinierender und ungewöhnlicher Roman über die Beziehung des Autors zu seinem Text.




0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen