Sonntag, 30. August 2015

REZENSION: "Wer die Nachtigall stört..." (Harper Lee)

Copyright Rowohlt Verlag

Titel: Wer die Nachtigall stört...

Autor: Harper Lee

Genre: Roman / moderner Klassiker

Verlag: Rowohlt

Erscheinungsjahr: 2015 (Erstausgabe 1962)

Format: Hardcover (19,95 €)

Seiten: 464

ISBN: 978-3498038083


Inhalt:

In den 1930er Jahren wachsen die Geschwister Jem und Scout Finch in der Kleinstadt Maycomb in Alabama auf. Ihre Mutter starb, als Scout klein war - seither werden die beiden von ihrer Köchin Calpurnia und ihrem Vater, Atticus Finch, aufgezogen. Dieser ist ein angesehener Rechtsanwalt und geht überaus verständnisvoll mit seinen Kindern um, denn diese haben oft nur Unsinn im Kopf. In Maycomb verbringen Jem und Scout unbeschwerte Sommer mit ihrem Freund Dill, bis ein Vorfall das Leben der Kleinstadtbewohner völlig auf den Kopf stellt. Als Atticus Finch vor Gericht einen Schwarzen verteidigt, der eines Verbrechens an einer weißen Frau angeklagt wird, werden auch Jem und Scout mit dem Hass der Menschen konfrontiert und müssen sich fragen, wieso ein Weißer einen Schwarzen derart ungerecht behandeln darf....

So gefällt mir das Cover:

Das Cover der Neuausgabe trifft ehrlich gesagt nicht wirklich meinen Geschmack, da es mir zu dunkel und abstrakt ist. Aber an sich passen die Zeichnung eines Baumes und die davonfliegenden Vögel - vermutlich Nachtigallen - zum Inhalt.

Meine Meinung:

Kaum zu glauben, aber Wer die Nachtigall stört habe ich vorher tatsächlich noch nie gelesen, obwohl es ein moderner Klassiker und Weltbestseller ist. Meine Kollegin hat mir schließlich das Buch empfohlen und so habe ich endlich mal dazu gegriffen. Bis vor Kurzem galt es als Harper Lees einziges Werk, doch Ende 2014 fand man ein Manuskript von einem Roman, der nach den Geschehnissen von Wer die Nachtigall stört spielt und unter dem deutschen Titel Gehe hin, stelle einen Wächter veröffentlicht wurde. Das Buch liegt natürlich schon auf meinem SuB bereit :)

Wer die Nachtigall stört ist die Geschichte der kleinen Scout, die zusammen mit ihrem älteren Bruder Jem in der fiktiven Kleinstadt Maycomb in Alabama aufwächst. Die Handlung setzt im Jahr 1933 ein und Scout kommt in die Schule. Sie erzählt die Geschichte aus der Ich-Perspektive, jedoch in der Vergangenheitsform. Dadurch lernt man vor allem Scout sehr genau kennen - sie ist ein vorlautes, selbstbewusstes und sehr einnehmendes Mädchen, das an der Seite ihres Bruders für jedes Abenteuer zu haben ist. Sie berichtet, wie sie mit Jem und Dill, dem Nachbarsjungen, im Sommer Theaterstücke nachgespielt, die Nachbarn geärgert und den mysteriösen Boo Radley (den kaum jemand je zu Gesicht bekommen hat) herauszulocken versucht. Dabei eckt Scout immer wieder an, denn sie ist ein überdurchschnittlich kluges und wissbegieriges Kind, allerdings auf gar keinen Fall eine kleine Lady.

Neben Scout und Jem spielt deren Vater Atticus Finch, ein angesehener Anwalt, eine zentrale Rolle in der Geschichte. Dabei hat er zwei wichtige Funktionen: Zum Einen als der liebevolle und zwar strenge, aber auch sehr nachgiebige Vater der Geschwister und zum Anderen als Rechtsanwalt. Atticus legt sehr viel Wert auf Gerechtigkeit und verurteilt des Öfteren die gesellschaftliche Norm, vor allem wenn es um die Rechte der Farbigen geht. Er vertritt im Laufe des Romans einen schwarzen Mann, der der Vergewaltigung einer weißen Frau beschuldigt wird, jedoch offenkundig unschuldig ist. Mich hat es sehr beeindruckt, wie vehement Atticus sich für dessen Rechte einzusetzen versucht und wie er darum kämpft, das Unmögliche zu erreichen: Einen Freispruch. Rassismus ist in den Köpfen der Südstaaten-Bewohner in den 1930er Jahren noch fest verankert und je mehr man von der Geschichte liest, desto wütender wird man auf Maycomb und sämtliche versnobte Einwohner.

Den Rassismus bindet Harper Lee sehr geschickt in ihren Roman ein. Er zeigt sich etwa in den Wörten "Nigger" und "Neger", mit denen die Schwarzen fast durchgehend bezeichnet werden. Das ist für uns moderne Leser etwas befremdlich und schwer nachzuvollziehen, da diese Begriffe mittlerweile als Schimpfwörter gelten, aber Lee skizziert damit eine gesellschaftliche Konvention, wie sie in den 1930er Jahren in den Staaten auf jeden Fall galt. Was mir auch sehr gut gefällt: Der Rassismus wird aus der Sicht der zuletzt 9-jährigen Scout geschildert. So fragt sie sich etwa, wie ihre Lehrerin einen solchen Hass auf Hitler, der die Juden entrechtet, haben kann, zugleich jedoch der Meinung ist, die Schwarzen in Maycomb bräuchten endlich mal einen Denkzettel. Scout versteht in ihrer kindlichen Unschuld vieles, aber bei Weitem nicht alles und regt dadurch den Leser zum Mitdenken an: Ja, was ist denn der Unterschied zwischen der Vertreibung und Entrechtung (von Ermordung war in den 1930er Jahren noch nicht die Rede bzw. wusste man in den USA davon nichts) der Juden und der Unterdrückung der Schwarzen?

Bis zur Hälfte etwa erinnert Wer die Nachtigall stört an die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Man begleitet die freche Scout und ihren ebenso frechen, aber klugen Bruder Jem bei ihren Unternehmungen und erlebt mit ihnen die Südstaaten in den 1930er Jahren. Ab der Mitte wird der Prozess des Farbigen Tom Robinson Mittelpunkt der Handlung. Diese Seiten habe ich regelrecht verschlungen, denn ich konnte einfach nicht fassen, gegen welche Mauer Atticus Finch mit seiner Verteidigung immer wieder zu laufen scheint. Er plädiert für eine Gleichstellung aller Menschen und lässt für seine Ideale auch den Spott und die Bedrohungen der anderen Kleinstadtbewohner über sich ergehen. Damit bringt er schließlich auch seine Kinder in Gefahr, denn wie grausam die Bewohner Maycombs tatsächlich sind, zeigt sich am Ende des Romans. 

Atticus Finch ist für mich ein Held und seine Botschaft zeitlos und immer noch gültig. Man mag es kaum glauben, aber der erstmals 1960 veröffentlichte Roman, der in den 1930er Jahren spielt, beschreibt Situationen, wie sie auch heute immer noch vorkommen. Erschreckend ist für mich, dass die Menschen in 80 Jahren so wenige Schritte nach vorn gemacht haben und dass es immer noch nicht normal und selbstverständlich ist, zu handeln und zu denken wie Atticus Finch und seine Kinder. Deswegen ist Wer die Nachtigall stört für mich ein ganz besonderes Buch, das aktuell die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient. Es ist wertvoll und hat eine sehr wichtige Botschaft, liest sich gleichzeitig aber so locker und spannend wie Tom Sawyer und ist damit das perfekte Buch für entspannte Stunden im Liegestuhl.

Lieblingszitat:

Das Buch ist voller wunderschöner Worte, doch die von Atticus während seiner Rede vor Gericht sind mir am meisten im Gedächtnis geblieben, weil sie so zeitlos und absolut wahr sind:

"Mit Ausnahme des Sheriffs von Maycomb County haben sich die Zeugen der Anklage Ihnen und dem Gerichtshof in der zynischen Zuversicht vorgestellt, dass niemand ihre Aussagen bezweifeln wird und dass Sie, meine Herren, mit ihnen einig sind in der Annahme: Alle Neger lügen, alle Neger sind von Grund auf verderbt, alle Neger sind lüstern nach unseren Frauen.
Ich brauche Sie, meine Herren, nicht darauf hinzuweisen, dass diese Behauptung, die bezeichnende Rückschlüsse auf den Charakter der Zeugen zulässt, eine Lüge ist, eine Lüge, so schwarz wie Tom Robinsons Haut. Sie kennen die Wahrheit, und die Wahrheit lautet: Manche Neger lügen, machen [sic] Neger sind verderbt, manche Neger sind lüstern nach Frauen, sei es nach weißen oder nach schwarzen. Doch dies ist eine Wahrheit, die sich auf die gesamte Menschheit und nicht allein auf eine einzelne Menschenrasse bezieht. Keiner der in diesem Saal Anwesenden kann von sich behaupten, er habe noch nie gelogen oder gegen die Moralgesetze verstoßen, und es gibt keinen lebenden Mann, der noch nie begehrlich auf eine Frau geblickt hat." (S. 325)


Mein Fazit:

Wer die Nachtigall stört von Harper Lee ist viel mehr als ein moderner Klassiker. Die Geschichte der kleinen Scout, ihres Bruders Jem und des Anwalts Atticus Finch hat mich völlig in ihren Bann gezogen - ich konnte und wollte einfach nicht aufhören zu lesen. Harper Lee hat einen wunderbaren Schreibstil, der Bilder von staubigen Straßen, versnobten Menschen und einer vermeintlichen Kleinstadt-Idylle, die keine ist, heraufbeschwört. Zwischen den Zeilen versteckt sich außerdem eine Botschaft, die immer noch Gültigkeit besitzt und die sich heutzutage noch immer zu wenige Menschen zu Herzen nehmen: Jeder Mensch ist vor allem eines - ein Mensch. Und deswegen ist der Roman meiner Meinung nach Pflichtlektüre und zwar äußerst angenehme und unterhaltsame.





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