Montag, 10. August 2015

REZENSION: "Skinned" (Robin Wasserman)


Copyright Script5 Verlag
Titel: Skinned

Autor: Robin Wasserman

Genre: Roman /  Dystopie / Sci-Fi

Verlag: Script5 Verlag (Loewe Verlag)

Erscheinungsjahr: 2010

Format: Hard Cover (16,90 €)

Seiten: 376

ISBN: 978-3-8390-0106-6


Inhalt:

Lia Kahn stirbt bei einem verheerenden Autounfall... und doch existiert sie weiter. Mittels modernster Technologie ist es den Ärzten möglich, eine Kopie ihres Wesens und ihrer Erinnerungen in einen künstlichen Körper zu transferieren. Doch auch, wenn sie optisch wie ein makelloser Mensch aussieht, so ist sie innerlich eine programmierte Maschine, ohne Gefühle, ohne eigenen Willen. Das ist es zumindest, was ihre Mitmenschen von "Skinners" wie ihr denken. Innerhalb kürzester Zeit verliert Lia alles, was sie geliebt hat: ihre besten Freunde, die Zuneigung ihres Freundes Walker und das Laufen, das ihr immer so viel Freude bereitet hat. Nur andere Skinners und Auden, einer ihrer Mitschüler, begreifen, dass Lia durchaus fühlt und dass sie wie jeder andere das Recht hat, auf dieser Erde zu sein. Doch bevor andere das erkennen können, muss sie selbst erst einmal akzeptieren, was - oder wer - sie ist.


Cover


Auf den ersten Blick wirkt die Vorderseite des Buches recht schlicht. Vor allem der Violettton sticht ins Auge, alles andere nimmt man nur peripher wahr. Bei genauerer Betrachtung stellt man dann allerdings fest, wie viel Arbeit dahinter stecken muss, damit sich die feinen Linien zu diesem Gesamtbild verflechten. Es erinnert mich stark an die Mandalas, die ich in meiner Kindheit ausgemalt habe, weshalb ich ein wenig nostalgisch beim Anschauen werde. Außerdem ist die Schriftart des Titels wirklich klasse.

Meine Meinung

  
Bereits der Anfang von Skinned ist absolut fesselnd. Die Ich-Erzählerin Lia Kahn berichtet von ihrem eigenen Tod. Doch paradoxerweiser existiert sie weiter. Was zunächst nach einer Geistergeschichte oder einem Fantasy-Roman in der "Zwischenwelt" klingt, entpuppt sich aber als Dystopie mit einigen Sci-Fi-Elementen. Die Naturwissenschaften sind inzwischen soweit fortgeschritten, dass man eine Kopie des menschlichen Gehirns in eine menschlich aussehende Maschine verpflanzen kann. Einerseits eine extrem gruslige Vorstellung, andererseits rücken diese Möglichkeiten in unserer eigenen Welt in immer greifbarere Nähe, auch wenn es noch so futuristisch und unwirklich erscheinen mag. Die technischen und medizinischen Beschreibungen sind recht genau und bei manchen z.B. als Lia ihren zerquetschten und verwundeten Körper betrachtet hat, habe ich mich ein wenig geekelt, weil sie mir zu detailliert und plastisch waren, allerdings habe ich dafür eine geringe Toleranzschwelle.
Lia ist eine von diesen Hauptfiguren, die man lieben oder hassen kann. Zunächst einmal kommt sie in Bezug auf ihr früheres Äußeres und ihren sozialen Status recht arrogant rüber. Sie ist überzeugt von sich und macht das auch sehr deutlich. Häufig finde ich das unsympathisch, aber bei ihr gefiel es mir sogar, weil sie dadurch keine schwache und überempfindliche Person ist. Ihr Erzählstil ist sehr hart und zynisch, was unter den gegebenen Umständen auch verständlich ist. Manchmal sind es nur einige Wörter oder Phrasen, die einen Satz bilden, wodurch Lia recht kühl und distanziert wirkt. Das spiegelt sehr gut wieder, dass sie am Anfang noch keine richtigen Gefühle hat bzw. weder äußere Reize wahrnimmt noch innere Gefühlsregungen ausgebildet hat. Erst später, als sie sich in ihrem neuen Körper zurecht findet und Fortschritte  macht, merkt man, dass sie keineswegs emotional abgestumpft ist. Sie fühlt sehr wohl, auch wenn sie ein anderes Reizempfinden hat. Das macht sie in meinen Augen mehr zu einem Mensch als zu einer Maschine, Sie selbst nimmt sich allerdings als abnormal wahr und kann sich nicht akzeptieren, vor allem, weil alle anderen nun einen weiten Bogen um sie machen. Nur Auden sieht mehr in ihr und verteidigt sie gegen die Anfeindungen ihrer einstigen Freunde. Trotzdem stößt sie ihn zunächst vor den Kopf. An der Stelle erschien sie mir wirklich undankbar, allerdings war dieses Verhalten nur von kurzer Dauer. Dafür, dass sie sich anfänglich so sehr gegen seine Gesellschaft gewehrt hat, hat sie sich dann doch recht zügig und problemlos mit ihm angefreundet. Einerseits empfand ich das als unrealistisch, weil es von Jetzt auf Gleich passierte, andererseits ist es verständlich, wenn man bedenkt, wie vereinsamt sie inzwischen sein muss. Damit prallen quasi zwei vollkommen gegensätzliche Menschen aufeinander: die zynische, sarkastische Lia einerseits, der optimistische, aufgeweckte Auden andererseits. Der Kontrast gefiel mir sehr gut, weil sich Lia durch ihn immer mehr verändert hat. Sie nimmt sich und die anderen Dinge ganz anders wahr, weil Auden sie mit seinen Argumenten für ihre "Menschlichkeit" zum Nachdenken bringt. Er vermittelt ihr allmählich wieder ein positives Lebens- gefühl, sodass sie ein Stück ihres alten Selbstbewusstseins zurückgewinnt. Er und die anderen Mechs sind wirklich die Einzigen, die ihr das Gefühl geben, etwas wert zu sein. Nicht einmal ihre Familie fühlt sich in ihrer Gegenwart wohl und meidet sie, wo sie nur kann. Das hat mich besonders wütend gemacht. Schließlich war es deren Entscheidung, Lia zu einer Skinner zu machen und nicht ihr eigener Wunsch. Daher habe ich umso mehr mit ihr gelitten, wenn sie von ihren Eltern und ihrer Schwester wie eine Aussätzige behandelt wurde. Schlimmer noch muss sie mit ansehen, wie ihre eigene Schwester sie kopiert und ihren Platz einnimmt. Es klärt sich zwar auf, warum Zo das tut, aber so richtig nachvollziehen kann ich ihre Gründe nicht. Ebenso heftig war der "Verrat" ihres Freundes Walker, der sie in ihrer Abwesenheit betrogen hat. Auch wenn ich bereits vermutet hatte, um wen es sich dabei handelt, so war es doch ein Schlag ins Gesicht. Bei all diesen Verlusten und Offenbarungen kommt man einfach nicht umhin, Mitleid mit Lia zu empfinden, auch wenn sie sich immer viel Mühe gibt, ihre Fassung zu bewahren.
Man merkt hier deutlich, dass Skinned gänzlich anders abläuft als herkömmliche Dystopien. Es gibt keinen Kampf gegen das Ordnungs- oder Herrschaftssystem (zumindest noch nicht), sondern in erster Linie wird ein innerer Kampf bzw. mit den Mitmenschen geführt. Die Frage nach der eigenen Identität und nach Moralvorstellungen sind in diesem Band wichtiger, allerdings ist mit der Gesellschaftskritik auch der Grundstein für ein klassisches Dystopieschema gelegt, denn besonders die Mechsgruppierung könnte Ärger bedeuten. Ich kann verstehen, dass sie sich danach sehnen, irgendetwas fühlen wollen, kann aber das bewusste Zufügen von Schmerzen und ihren Risikobereitschaft nicht gut heißen. 
Das Ende war tragisch und, wie so vieles im Roman, nicht absehbar. Es lässt viele Fragen offen, womit Robin Wasserman in den kommenden Teilen vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten hat. Ich frage mich z.B., ob Jude, ein anderer Skinner, eine größere Rolle spielen wird, als er es jetzt tut, und ob sich Lia für die anderen Mechs entscheidet oder sich von ihnen abwendet. Bisher hat sie sich dazu noch nicht genau positioniert.

Lieblingszitat


"Anmut war ein Zeichen von Stärke, der Stärke, alles hinzunehmen und weiterzumachen." (S. 151)

Fazit


Die Handlung wartet mit einigen neuen Ideen für das Genre auf. Noch bin ich mir nicht sicher, in welche Richtung sich die Skinned-Trilogie entwickelt wird, denn das Geschehen verläuft nicht nach dem klassischen Dystopiemuster. Der Schwerpunkt liegt mehr auf Identitätsfindung und Gesellschaftskritik als auf einem actionreichen Kampf gegen das System. Allerdings besteht durchaus die Möglichkeit, dass dieser noch kommen wird, denn einige Anzeichen deuten darauf hin. Das Ende und die Charaktere konnten mich ködern und ich bin gespannt, welchen Weg Lia einschlagen wird.


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