Montag, 24. August 2015

REZENSION: "Darum" (Daniel Glattauer)

Copyright Goldmann Verlag

Titel: Darum

Autor: Daniel Glattauer

Genre: Roman

Verlag: Goldmann Verlag

Erscheinungsjahr: 2009

Format: Taschenbuch (7,95 €)

Seiten: 317

ISBN: 978-3-442-46761-7

Inhalt

Der Journalist Jan Haigerer hat einen Menschen ermordet, daran besteht kein Zweifel. Zumindest für ihn nicht. Doch obwohl er sich freiwillig bei der Polizei meldet, seine Tat gesteht und inhaftiert wird, scheint ihm keiner Glauben zu schenken. Seine Arbeitskollegen, seine Bekannten, ja sogar sein Anwalt und die Richterin sind von seiner Unschuld dermaßen überzeugt, dass sie versuchen, seinen Freispruch zu erwirken. Dabei wünscht sich Jan nichts sehnlicher, als für seine Tat zu büßen.

Cover


Aus irgendeinem Grund stolpert man recht selten über Bücher in einem intensiven grünen Gewand, von daher sticht Darum aus der breiten Masse heraus. Wirklich überwältigend ist es nicht gestaltet, allerdings gefällt mir die Symbolik des "Schraubenhammers" (ich bezeichne es mal so): der Verweis auf die Rechtsprechung durch den Richter einerseits, das "Nachbohren" und die Suche nach Antworten andererseits. Darüber hinaus erinnert es mich an eine Stichwaffe. Insgesamt ist es also wesentlich gehaltvoller und tiefgründiger, als man zunächst vermuten würde.

Meine Meinung 


Was im Klappentext eher wie eine Komödie oder Satire klingt, ist in Wahrheit ein ernster Roman, der vor allem durch seine Undurchsichtigkeit und Vielschichtigkeit besticht, auch wenn einzelne humorvolle Passagen vorhanden waren. Daher war ich vom Roman sehr überrascht, aber keinesfalls enttäuscht.
Allerdings gestaltete sich der Einstieg in den Roman nicht so reibungslos, wie ich es von Daniel Glattauer gewohnt bin. Ich hatte einige Schwierigkeiten mit der Story und Jan, dem Protagonisten und Ich-Erzähler, denn beides erschien mir recht wirr. Ich war gewissermaßen orientierungslos, da ich mit den Personen nichts anzufangen wusste und ich mir nicht sicher war, worauf die Handlung zusteuerte. Und, um ehrlich zu sein, habe ich mich das auch fast bis zum Ende gefragt. Der Roman ist bewusst darauf ausgerichtet, Verwirrung zu stiften und den Leser im Dunkeln zu lassen. Zwar betont Jan immer wieder, dass er den Mord geplant und durchgeführt hat und sich dafür schuldig bekennt, aber nur häppchenweise klärt sich das Verbrechen auf, allerdings auch erst, als die Verhandlungen beginnen. Man erfährt Einzelheiten über das Mordopfer, über den Ablauf und über Jans eigene Vergangenheit, aber nie etwas über sein Motiv. Er verschweigt die Gründe seiner Tat nicht nur der Richterin und den Geschworenen, sondern auch seinen Bekannten und - allen voran - dem Leser. Und genau das macht den Roman aus. Es ist dieses ständige Rätselraten, das mich bei der Stange gehalten hat. Immerzu stellt man Vermutungen an, was Jan zu dem Verbrechen bewogen hat, denn er entspricht so gar nicht dem Profil eines kaltblütigen Killers. Er ist sogar ein überaus freundlicher, aufmerksamer Mensch, der - nach Aussage seiner Bekannten - niemandem etwas zu leide tun könnte. Deshalb habe ich selbst immer wieder an seiner Schuld gezweifelt. Ob dieses Zweifel berechtigt waren, verrate ich nicht, aber ich kann versichern, dass die Auflösung keineswegs vorhersehbar war. Erst ab dem letzten Drittel etwa hatte ich einen Geistesblitz, mit dem ich dann auch ins Schwarze getroffen habe, aber bis zum Schluss war ich mir der Richtigkeit meiner Vermutung nicht sicher und Daniel Glattauer wartete noch einmal mit einigen vollkommen unerwarteten Offenbarungen auf.
Bis es allerdings wirklich gefesselt war, hat es einige Seiten gebraucht. Erst mit dem Beginn der Gerichtsverhandlungen wurde es spannend, die Schilderungen davor waren eher mühselig. Es war zwar nicht ereignislos, aber es schleppte sich doch sehr dahin. Genau das und ähnliche Sachen kritisiert Jan als Erzähler immer wieder an den Manuskripten, die er in seiner vorherigen Tätigkeit als Lektor gelesen hat. Und um ehrlich zu sein, war ich am Anfang sogar der Meinung, dass die Kritik auch auf Darum zutreffend ist. Ab dem Verhör nahm die Story allerdings ordentlich Wind auf, sodass ich meinen Eindruck revidiert habe. Durchweg gestört hat mich eigentlich nur, dass man abgesehen von Jan über keinen der anderen Charaktere aufschlussreiche Informationen bekommt. Sie sind nur in geringem Umfang dargestellt, je nachdem, wie wichtig sie gerade für die Handlung sind. Sie bleiben lediglich Komparsen im gesamten Verlauf, die Scheinwerfer sind allesamt auf Jan gerichtet. 
Der Mord und das Geschehen im Untersuchungshaft liefern nicht wirklich die optimale Grundlage für heitere Unterhaltung, aber trotzdem musste ich aufgrund des beißenden Humors und der sarkastischen Kommentare, die stellenweise eingestreut wurden, öfter kurz auflachen. Auch Jans "Verzweiflung" war irgendwie amüsant, weil er um jeden Preis zur Rechenschaft gezogen werden will, während alle anderen (paradoxerweise) das Gegenteil erreichen wollen. Der Spieß wird also umgedreht, was eine weitere Besonderheit des Romans ist. Entsprechend schwer lässt er sich in eine Schublade stecken und ich habe erhebliche Probleme, ihn einem Genre zuzuordnen. Man kann das Buch meiner Meinung nach mit keinem anderen Werk von Daniel Glattauer vergleichen, was einmal mehr von seiner schriftstellerischen Vielfältigkeit zeugt. Genau deswegen hat es sich für mich gelohnt, dem Roman eine Chance zu geben und bis zum Schluss durchzuhalten.

Fazit


Am besten lässt sich Darum mit den Worten beschreiben, die der Erzähler selbst verwendet: "Ein guter Roman lebt von der Überraschung." Nach einem schwachen Start war ich richtiggehend gefesselt, weil ich ständig durch unerwartete Wendungen überrascht wurde. Die Geschichte lebt vom ständigen Zweifeln, vom Miträtseln und Hypothesenaufstellen und vom Protagonisten Jan, der die komplette Handlung trägt. Letzteres ist allerdings nur ein minimaler Kritikpunkt meinerseits.


0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen