Dienstag, 14. Juli 2015

REZENSION: "Was bleibt, wenn du gehst" (Amy Silver)

Copyright Rowohlt Verlag

Titel: Was bleibt, wenn du gehst

Autor: Amy Silver

Genre: Roman / Liebesroman

Verlag: Rowohlt Verlag

Erscheinungsjahr: 2014

Format: Taschenbuch (9,99€)

Seiten: 447

ISBN: 978-3-499-26852-6

Challenge-Gewinner: Nein (September 2015)

Inhalt:


Nach mehreren Jahren des Schweigens erhalten Dan, Andrew, Lilah und Natalie eine Einladung ihrer ehemals besten Freundin Jen, sie besuchen zu kommen. Nur zögerlich kommen die Vier der Bitte nach, denn an das Haus in Frankreich sind viele Erinnerungen gebunden - manche davon sind noch immer äußerst schmerzlich. Die Wiedersehensfreude hält sich in Grenzen. Alte Wunden werden aufgerissen - das Drama ist vorprogrammiert! Denn noch immer hat niemand den tragischen Unfall verwunden, der damals ihr aller Leben für immer veränderte.


Cover


An sich gefällt mir die Farbwahl ganz gut. Sie sind auffällig, aber nicht zu grell. Durch die lachsfarbene Person im Vordergrund wirken die hellblauen Berge im Hintergrund nicht zu trist oder kühl. Die Sterne und Schneeflocken runden das Gesamtbild auf verspielte Art und Weise ab und wirken durch die Anordnung fast wie eine Atemwolke, die erst durch die Kälte sichtbar wird. Mir ist zugegebenermaßen auch erst auf den zweiten Blick aufgefallen, dass es sich um ein Wintermotiv handelt.

Meine Meinung


Der Anfang des Romans hat mich, um ehrlich zu sein, etwas skeptisch gestimmt. Der Brief, den Conor an Jen schreibt bzw. geschrieben hat, ist meines Erachtens viel zu schmalzig ausgefallen und hat ein nahezu perfektes Bild von ihm skizziert. So etwas stört mich immer beim Lesen. Aus der Retrospektive sehe ich den Brief jedoch nicht mehr als so schlimm an, denn wie sich herausgestellt hat, ist Conor keineswegs fehlerlos gewesen, und das trifft im Prinzip auf alle zu. Man bekommt als Leser durchweg realistische Persönlichkeiten präsentiert, die Stärken und Schwächen haben, was mir wirklich gut gefällt. Mein Kritikpunkt ist, dass sie isoliert voneinander betrachtet eher fad sind. Sie könnten als Einzelpersonen keine komplette Handlung tragen. Erst beim Interagieren mit den anderen werden sie interessant. Die Gruppendynamik ist also für den Roman extrem wichtig, damit die einzelnen Merkmale deutlich hervortreten. Da sie aber meistens in der Gemeinschaft oder zumindest in Paarkonstellationen aufgetreten sind, war auch das kein großes Problem. 
Sie alle haben etwas, das einen für sie einnimmt, aber auch Eigenschaften, die einen aufregen. Natalie beispielsweise ist eine tolle Freundin, meist lieb und verständnisvoll und versucht stark zu sein, aber manchmal ist sie passiv-aggressiv, besonders, wenn es um Andrew geht. Auch wenn ich ihr zustimmen muss, dass es Andrew mit seinen Schuldgefühlen übertreibt, so bin ich doch der Meinung, dass es andere Wege und Mittel gibt, ihm das mitzuteilen.
An Jen wiederum hat mich gestört, dass sie sich mit Entscheidungen so schwer tut bzw. meiner Meinung die falschen trifft. Ich fand allerdings sehr gut, dass sie keinen Hass auf Andrew oder einen der anderen geschürt hat, weil sie durch ihr "Verschulden" ihren Freund verloren hat. Sie ist nicht nachtragend und hat sich auch nicht in einen Trauerkloß verwandelt, sondern mit der Zeit ihr Leben wieder in die Hand genommen. 
Dan war in meinen Augen derjenige, der alle zusammengehalten hat. Er hat es geschafft, für jeden Verständnis aufzubringen, auch wenn die betreffende Person es nicht wirklich verdient hat. Er hat niemanden für seine Handlungen und Worte verurteilt und hat öfter seine eigenen Bedürfnisse hinter die der anderen gestellt. Das hat ihn zu etwas Besonderem gemacht. Er hätte aufgrund seines Erfolgs als Regisseur leicht oberflächlich und abgehoben sein bzw. zu einer Karikatur eines Frauenhelden gemacht werden können, aber er hat viel Tiefgang bewiesen. Trotzdem hätte ich mir von ihm wesentlich öfter gewünscht, dass er mal ausrastet und sich seinen Frust von der Seele redet. Das ging mich auch bei Andrew so. Da er unbeirrt daran festgehalten hat, die Schuld am Unfall auf sich zu nehmen, hat er sich immerzu in die Opferrolle gedrängt. Versteht mich nicht falsch: ich bewundere diese Haltung, denn nicht viele wären zu einem solchen Schuldeingeständnis fähig und könnten weiterleben. Ich meine nur, dass er es vielleicht etwas zu sehr übertrieben hat. Er hat sich bei absolut allem so benommen, als müsste er Wiedergutmachung leisten, selbst wenn die Umstände gar nichts mit dem Unfall zu tun hatten. Das hat sich erst geändert, als immer mehr Details aus der Unfallnacht ans Licht gekommen sind und dann hat auch er endlich all den Dampf abgelassen, der sich angestaut hat - teilweise auf eine Art und Weise, die mich dann etwas wütend auf ihn gemacht hat.
Aus den Erzählungen der fünf geht meist hervor, wie toll und liebevoll Conor als Freund und Partner gewesen ist. Beispielsweise hat er zu College-Zeiten Liebesbotschaften in den Büchern versteckt, die Jen demnächst für die Uni lesen musste. Aber wie auch bei den anderen Charakteren hat auch er Eigenschaften, die ein anderes Licht auf ihn werfen. Durch den Zeitsprung im Mittelteil zurück zu Conors Lebzeiten erfährt man, dass er ein ziemliches Alphatier, d.h. dominant, war. Er hat Entscheidungen meist eigenmächtig gefällt, ohne Jen vorher um ihre Meinung zu fragen, was zu einem immer größeren Riss in ihrer heilen Welt geführt hat. Zudem hat man durch diesen Exkurs mitbekommen, dass die Dynamik damals eine ganz andere war und dass sich jeder der 5 deutlich entwickelt hat. 
Unerwarteterweise war mir Lilah sogar die Liebste von allen, obwohl ich das am Anfang niemals vermutet hätte. Sie war zwar zeitweise zickig und biestig (was im Grunde auf jede der 3 Frauen zutrifft), aber auch einfach unverfälscht und hat definitiv bewiesen, dass sie ein gutes Herz hat. Sie hat sich von ihrer besten Freundin hintergangen gefühlt und ist im Grunde in der Gruppe auf der Strecke geblieben. Deshalb konnte ich gut verstehen, dass sie sich irgendwann zurückgezogen und auf jede Annäherung ablehnend reagiert hat. Ich hatte ihr gegenüber ähnliche Gefühle wie gegenüber Charmaine aus Die Welt zu Füßen von Lesley Lokko: am Anfang hätte ich gut auf sie verzichten können, aber mit jeder Szene hat sie sich mehr in mein Herz geschlichen. Das lag mitunter an ihrer Beziehung zu Zac, die zunächst ungewöhnlich erschien, aber im Prinzip von allen Konstellationen die ausgeglichenste war. Er war für mich immer ein kleines Highlight. Auch wenn er keine tragende Rolle spielt (da er nicht zur "Kerngruppe" gehört), war er immer entweder amüsant oder hat einige kluge Bemerkungen von sich gegeben. Er hat bewiesen, dass er nicht bloß Lilahs Toyboy ist, für den ich (und die Figuren) in anfangs gehalten haben, sonder dass er Lilah tatsächlich liebt und bedingungslos an ihrer Seite steht.
Was die Paare im Allgemeinen betrifft, hätte ich mir an der ein oder anderen Stelle ein paar mehr Informationen gewünscht. Manche Dinge, z.B. der genaue Anfang von Natalies und Andrews Beziehung, waren einfach zu schwammig, weil sie immer nur angedeutet werden. Das hat mich ein wenig gestört.
Abgesehen davon war der Spannungsbogen im Handlungsverlauf gut aufgebaut: über die Anfangsphase, in der man noch keinen rechten Zugang zu den Personen hat, weil man einfach zu wenig über sie weiß, hilft die Unkenntnis über den Unfall hinweg. Man fragt sich die ganze Zeit, was passiert ist. Stück für Stück setzen sich die Ereignisse vor, während und nach dem tragischen Geschehen zu einem Gesamtbild zusammen. Eine Enthüllung jagt quasi die nächste, denn die Umstände des Unfalls sind wesentlich komplexer als zunächst vermutet. Auf diesem Weg lernt man die Figuren dann so gut kennen, dass man sich mit der ein oder anderen Persönlichkeitsfacette identifizieren kann. Danach will man eigentlich vor allem wissen, ob sie endlich wieder ihre verlorene Freundschaft kitten können bzw. ihre Probleme in den Griff bekommen. Gegen Ende nimmt die Handlung dann eine (für mich) vollkommen unerwartete Wendung, die mich ziemlich mitgenommen hat. Ich habe zwar nicht geweint (das schaffen nur wenige Bücher), aber ich war bewegt und traurig.

Fazit


Nach einem schwachen Start ist es Amy Silver gelungen, mich doch noch zu überzeugen. Die Charaktere werden mit jeder Seite greifbarer und wachsen einem ans Herz. Auch wenn einige Konstellationen vorhersehbar waren, so gab es doch gegen Ende (mindestens) einen Überraschungsmoment. Die Geschichte mausert sich und es steckt mehr drin, als ich zuerst vermutet hatte. 


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