Freitag, 31. Juli 2015

REZENSION: "Ich will doch bloß sterben, Papa. Leben mit einer schizophrenen Tochter" (Michael Schofield)

Copyright Kösel Verlag

Titel: Ich will doch bloß sterben, Papa

Autor: Michael Schofield

Genre: Autobiografie / Schicksalsbericht

Verlag: Kösel Verlag

Erscheinungsjahr: 2014

Format: Hardcover (19,99 €)

Seiten: 336

ISBN: 978-33466309948



Inhalt:

Von Geburt an ist Janie kein gewöhnliches Mädchen. Sie schläft wenig, lernt unheimlich schnell, hat allerlei Fantasie-Freunde, kann jedoch dafür mit Kindern ihres Alters überhaupt nicht umgehen. Ihre Eltern denken, sie haben einfach eine außergewöhnlich kluge und exzentrische Tochter und wollen ihr ein Geschwisterchen schenken, in der Hoffnung, sie findet in diesem einen Seelenverwandten. Doch mit der Geburt von Janis Bruder Bodhi ändert sich alles: Jani wird zunehmend aggressiv, geht immer wieder auf ihren kleinen Bruder los und beharrt darauf, ihre Freunde, von denen sie nicht weiß, dass sie imaginär sind, würden ihr befehlen, ihn zu schlagen. Es folgen Monate voller Angst, Therapien und Krankenhausaufenthalte, bis dann schließlich bei der mittlerweile 6-Jährigen diagnostiziert wird, was niemand für möglich gehalten hätte: Schizophrenie.

So gefällt mir das Cover:

Das Cover ist sehr hell und schlicht und vor allem verschwommen. Das passt sehr gut zum Thema des Buches, denn an Schizophrenie Erkrankte leiden oftmals an (chronischen) Halluzinationen, weswegen sie nicht mehr zwischen Realität und Wahrnehmung bzw. Fiktion unterscheiden können - die Grenzen verwischen also. Aus diesem Grund empfinde ich das Cover als sehr gelungen, denn es strahlt aufgrund der hellen Farben auch eine gewisse Hoffnung aus und macht so deutlich, dass es keine durchgehend traurige Geschichte ist.


Meine Meinung:

Zunächst muss ich sagen, dass dies keine herkömmliche Rezension ist, denn dieses Buch zu beschreiben und es zu bewerten - das fällt mir unheimlich schwer. E ist autobiografisch und aus diesem Grund sehr persönlich und es ist ein Buch, das man nicht beiseite legen kann und das man garantiert nicht wieder vergessen wird. Ich werde mich also am besten darauf konzentrieren, zu erläutern, wieso das so ist.

Das Thema des Buches - Schizophrenie - hat mich sehr gereizt und interessiert, da meine Mutti in einem Wohnheim für psychisch kranke Menschen arbeitet und ich daher auch in der ein oder anderen Weise schon mit gewissen geistigen Erkrankungen konfrontiert wurde. Außerdem hat mich auch der Titel neugierig gemacht, denn anscheinend geht es um ein Kind, das schizophren geboren wurde und das ist tatsächlich ziemlich selten. Ich habe mich darauf eingestellt, ein durchaus schwer verdauliches und berührendes Buch zu lesen und genauso kam es.

Michael Schofield erzählt sehr einfühlsam und ehrlich die Geschichte seiner Tochter Jani und rekapituliert den langen und zermürbenden Weg bis zu ihrer Diagnose. Schon während der ersten Seite hat mich Janis Geschichte in einen Sog gezogen, dem ich nicht entkommen konnte, denn ich hatte immer im Hinterkopf: Das ist wirklich geschehen. Immer wieder blieb mir beinahe das Herz stehen, da man das Leid der Familie, die mit Janis Krankheit zu kämpfen kann, sozusagen hautnah miterlebt. Und das ist sehr erschreckend und ergreifend.

Jani ist ein kleines Mädchen, aber sie ist völlig anders als andere Kinder und das spürt man sofort. Ich bewundere Michael für den Umgang mit ihr, denn von ihrer Geburt an lässt er sich absolut auf sie ein und versucht sie bei allem zu unterstützen. Doch dabei stoßen er und seine Frau Susan schließlich an ihre Grenzen. Sie müssen miterleben, wie ihre Tochter grundlos auf ihren neugeborenen Bruder losgeht, wie sie um sich schlägt, beißt, strampelt, schreit und von einer Sekunde auf die andere ihre Stimmung wechselt. Sie sind völlig ohnmächtig, denn immer wieder bekommen sie von den behandelnden Psychologen gesagt: Ihre Tochter ist einfach nur ein besonders schwieriges Kind, setzen Sie Ihr Grenzen und werden Sie mit ihr fertig.

Doch Michael und Susan wollen das nicht hinnehmen. Sie fürchten um das Leben ihres Sohnes und wissen, dass mit Jani etwas nicht stimmen kann. Beim Lesen kochte immer wieder die Wut in mir hoch - wie kann man ein offensichtlich so krankes Kind wie Jani immer wieder beiseite schieben, sie als schwierig deklarieren und ihren Eltern jede Hilfe verweigern? Krankenkassen, Ärzte und Psychologen legen den Schofields immer wieder Steine in den Weg, obwohl sie von Anfang an das Schlimmste befürchten - Schizophrenie.

Janis Geschichte hat mich ungemein erschüttert, denn beim Lesen wird klar, dass ihre Erkrankung nicht nur für ihre Eltern und ihren jüngeren Bruder Bodhi eine Qual bedeutet, sondern auch und vor allem für sie selbst. Es ist erschreckend, dass sie in klaren Momenten weiß, worunter sie leidet und immer wieder darum bittet, eingewiesen und behandelt zu werden - und manchmal auch darum, sterben zu dürfen. Sie ist gerade mal im Vorschulalter und erkennt die ganze Tragweite der Schizophrenie, die ihr Leben bestimmt. Das ist unfassbar und vor allem unfassbar berührend und traurig.

Doch die Geschichte der Schofields steckt nicht nur voller Schmerz und Leid, sondern auch voller Hoffnung und Liebe. Zwar drohen Susan und Michael immer wieder unter der Last zusammenzubrechen, doch es gelingt ihnen trotz allem, ihre Familie zusammenzuhalten und sie kümmern sich nach wie vor aufopferungsvoll um Jani. Dabei bringen sie eine Geduld auf, die eigentlich unvorstellbar ist. Sie zeigen: Egal, was das Schicksal einem aufbürdet, es lohnt sich immer, für das eigene Leben und das seiner Liebsten zu kämpfen und niemals aufzugeben.

Was mich nach dem Lesen allerdings bedrückt: Janis jüngerer Bruder Bodhi zeigt mittlerweile ähnliche Symptome, die teilweise noch ausprägter sind. Das hinterlässt bei mir ein beklemmendes Gefühl. Wie kann eine Familie mit zwei schizophrenen Kindern bloß umgehen? Wer sich dafür interessiert, kann es auf Michael Schofields Blog nachlesen. Mittlerweile gibt es außerdem eine Dokumentation mit dem Titel Born Shizophrenic - Jani and Bodhi's Journey, die über das Leben der Schofields und der Geschwister Jani und Bodhi berichtet. Ich möchte an dieser Stelle sagen, dass ich Jani, Bodhi und ihrer Familie sowie allen Familien auf dieser Welt, die ihr Schicksal teilen, viel Kraft und alles Gute wünsche. Es ist unglaublich, was diese Menschen Tag für Tag leisten und davor ziehe ich mit dem größten Respekt den Hut.


Mein Fazit

Ich will doch bloß sterben, Papa beschreibt die Reise einer Familie von der völligen Dunkelheit ins Licht. Es thematisiert eine der erschreckendsten und unberechenbarsten psychischen Krankheiten - Schizophrenie - und wie sie das Leben eines kleinen Mädchens beherrscht. Das Buch ist wahnsinnig beklemmend und berührend und garantiert alles andere als leichte Lektüre. Aber es ist auch packend vom Prolog bis zur Danksagung, weil es eben echt und zugleich unglaublich ist - es ist das Leben. Und von welchem Buch kann man das schon sagen!?


Mein Dank geht an den Köser Verlag, der mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte. Ich habe wirklich selten ein Buch gelesen, das mich derartig beschäftigt und betroffen gemacht hat.

1 Kommentare:

Nelly G. hat gesagt…

Huhu, ich wollte dir kurz mein Lob für deine Rezi aussprechen. Ich hab das Buch zwar noch nicht gelesen, aber deine Gedanken und Gefühle dazu wurden wirklich gut rübergebracht.
Dass du dir da mit einer Bewertung schwer tust, kann ich voll und ganz verstehen. Und es wird auch deutlich, dass dich das Buch nicht mehr so schnell loslassen wird.
Landet auf jeden Fall auf meiner WuLi

Liebste Grüße, Nelly

Kommentar veröffentlichen