Freitag, 3. Juli 2015

REZENSION: "Halbe Helden" (Erin Jade Lange)

Copyright Magellan Verlag
Titel: Halbe Helden

Autor: Erin Jade Lange

Genre: Roman / Jugendroman

Verlag: Magellan Verlag

Erscheinungsjahr: 2015

Format: Hard Cover (16,95 €)

Seiten: 331

ISBN: 978-3-7348-5010-3




Inhalt:

Dane ist nicht gerade das Musterbeispiel eines netten Jugendlichen. In der Schule begegnen ihm alle mit Respekt, aus Angst, von ihm geschlagen zu werden. Sein Hang zur Gewalt gefährdet zunehmend seine schulische Laufbahn, weshalb er den Auftrag bekommt, sich um Billy D. zu kümmern, den Neuen an der High School. Billy D. ist ganz offensichtlich anders als seine Mitschüler: er hat das Down-Syndrom. Doch schon bald wird Dane klar, dass man Billy D. keineswegs darauf reduzieren sollte. Mit der Zeit stellen sie fest, dass sie sich gar nicht so unähnlich sind. Und auf der Suche nach ihren jeweiligen Vätern entwickelt sich nach und nach eine ganz besondere Freundschaft.  


Cover

An dem Titelbild habe ich, wie häufig, nichts auszusetzen. Der Schwarz-Weiß-Kontrast sticht sofort ins Auge und dadurch, dass die Gesichtspartie ausgespart wurde, kann man sie nach Belieben selbst "füllen". Man kann das auch metaphorisch dafür sehen, dass Dane noch ein unbeschriebenes Blatt ist, der noch eine eigene bzw. neue Identität entwickeln wird. 

Meine Meinung

Schon im Voraus möchte ich mich dafür entschuldigen, dass diese Rezension sehr lang wird (sogar noch länger als das für mich ohnehin schon üblich ist). Das liegt einfach daran, dass Halbe Helden eines dieser Bücher ist, in denen so viele wichtige Aspekte stecken, die einen noch eine Weile beschäftigen werden. 

Dane, der Ich-Erzähler des Romans, ist kein Held wie aus dem Bilderbuch. Im Gegenteil ist sogar von Anfang an klar, dass er einen wesentlichen Fehler hat: er schlägt scheinbar grundlos andere Menschen. Würde mir ein solcher Mensch auf der Straße begegnen, würde ich ihn mit Verachtung strafen. Allerdings wird ebenso schnell deutlich, dass Dane weitaus mehr als ein hirnloser Schläger ist. Erstens ist er ziemlich intelligent, wie seine guten Noten beweisen, zweitens liebt er seine Mutter sehr, auch wenn er mit ihrem Faible, Lotterielose zu kaufen und den Gewinn dann nicht einzulösen, alles andere als einverstanden ist, und drittens hat er einen stark ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit (auch wenn das auf den ersten Blick paradox erscheint). Er ist also definitiv der Typ "harte Schale, weicher Kern", was spätestens in seinem Umgang mit Billy D. ersichtlich wird, und dadurch schließt man ihn sofort ins Herz.
Billy D. einzuordnen fällt mir da schon wesentlich schwerer, was wohl daran liegt, dass man zwar weiß, dass er das Down-Syndrom hat, aber man das die meiste Zeit vergisst. Das Syndrom ist eigentlich nur dann präsent, wenn Dane hin und wieder einige Bemerkungen zu Billys äußerlichen Merkmalen einstreut, oder andere Billy D. aufgrund seiner Krankheit anders behandeln. Die meiste Zeit über teilt man allerdings Danes Perspektive und nimmt daher Billy D. als normalen Jungen wahr. Das ist, wie ich finde, wirklich fantastisch gelungen. Was nun seinen Charakter betrifft, bin ich, wie gesagt, nicht so sicher, wie ich ihn einschätzen soll. Zum einen ist er ein ehrlicher und direkter, friedliebender Mensch, der zudem scheinbar furchtlos ist, wenn man bedenkt, dass er sich nicht von Danes Ruf und Drohungen einschüchtern lässt. Außerdem ist er nicht auf den Kopf gefallen, wie man anhand der Rätsel sieht. Zum anderen hat er wiederum Phasen, in denen er ausflippt und Wutausbrüche bekommt, oder einfache Anspielungen und Redewendungen nicht versteht (beides liegt am Down-Syndrom) und, obwohl er die Geheimniskrämerei seiner Mutter nicht leiden kann, verhält er sich selbst doch ungemein rätselhaft, wenn es um seinen Vater geht. Außerdem sieht er sich selbst, wie Dane das so schön ausgedrückt hat, in der "Opferrolle", will aber auch kein Mitleid von anderen Leuten haben. Das macht ihn in meinen Augen zu einer sehr widersprüchlichen Figur.
Trotzdem habe ich die Szenen zwischen ihm und Dane absolut genossen. Ihre Freundschaft ist etwas ganz Besonderes. Typisch für Jungs in dem Alter sind sie nicht Freunde großer Worte, sondern zeigen ihre Sympathie füreinander durch kleine und große Gesten. Sie beeinflussen sich gegenseitig in ihrem Denken und Handeln. Beispielsweise hilft Dane Billy dabei, (à la Karate-Kid) Selbstverteidigung zu lernen, oder beschützt ihn, wenn andere ihn schikanieren. Im Gegenzug verändert Billy Danes Sicht auf die Dinge, leitet ihn zur Reflexion über seine Taten an und weckt in ihm den Wunsch zur Selbstkontrolle. Ganz so harmonisch, wie das jetzt klingen mag, ist die Freundschaft allerdings nicht. Manchmal reagieren beide über oder haben doch nicht so viel Kontrolle über sich, wie sie es sich wünschen würden. Weil Dane gewissermaßen für Billy verantwortlich ist, wird er automatisch zum Schuldigen, wenn sich Billy mal falsch verhält. Anstatt sich allerdings für Dane einzusetzen, hüllt sich Billy in Schweigen oder bricht sogar einen Streit mit ihm vom Zaun. Das waren Momente, in denen mir Billy wirklich unsympathisch wurde. Gegen Ende hat sich dieses Gefühl sogar nochmal verstärkt. Billy nimmt bewusst in Kauf, dass Dane suspendiert wird, nur, damit sie sich auf die Suche nach seinem Vater begeben können. Dieses Verhalten finde ich für einen Freund einfach zu egoistisch. Zum Glück macht er dieses Verhalten am Ende wieder wett, sodass ich nicht allzu enttäuscht von ihm bin.
Zur Spannung der Handlung hat im Wesentlichen die Suche nach den Vätern von Billy D. und Dane beigetragen. Während Dane von seinem nicht einmal den Namen kennt, scheint Billys spurlos vom Erdboden verschluckt zu sein. Mit seiner Mutter kann er nicht über ihn reden. Die einzigen Anhaltspunkte, die er hat, stehen in dem Atlas, den ihm sein Vater geschenkt hat. Dort hat er Hinweise auf seinen möglichen Aufenthaltsort vermerkt. Durch kleine Rätsel verweist er ihn von einem Ort zum nächsten, die alle äußerst skurrile Namen tragen. "Santa Claus" in Indiana ist dabei bei weitem noch nicht der Ungewöhnlichste.Diese Idee fand ich wirklich klasse, denn zum einen haben die Namen mich zum Lachen gebracht, zum anderen haben die Rätsel der Suche Züge einer Schnitzeljagd verliehen. Zu dem Roadtrip, den ich basierend auf dem Klappentext erwartet habe, kam es allerdings doch nicht. Sie begeben sich zwar schon auf Reisen, aber überwiegend vollzieht sich die Suche auf der Karte bzw. im Internet. Ein zusätzliches Mysterium ist der Grund, warum Billys Vater überhaupt weg ist. Weder Billy, noch seine Mutter erklären, warum sie getrennte Wege gehen. Man weiß nur, dass er nicht freiwillig gegangen ist. Die Vermutung, die ich dahingehend hatte, hat sich allerdings bestätigt. Die Suche nach Billys Vater nimmt einen wesentlich größeren Teil ein, als die nach Danes Erzeuger, die vergleichsweise "hinten runterfällt". Sie fällt daher auch wesentlich simpler aus, auch wenn sie erst am Schluss ein Ergebnis hervorbringt.  
Das Ende lässt mich etwas zwiegespalten zurück. Einerseits gefällt mir die Entwicklung, die Dane durchlaufen hat, super, andererseits bin ich mit einigen anderen Wendungen nicht völlig zufrieden. Die Suche nach den Vätern ist definitiv nicht zu dem Abschluss gekommen, den ich mir erhofft hatte. Dafür, dass sie ein so zentrales Thema in der Handlung waren, fiel die Lösung (zumindest bei Billy) zu sporadisch aus. Zufrieden war ich allerdings mit der Dane-Seely-Konstellation, auf die ich hier nicht eingegangen bin, um die Rezension nicht noch weiter in die Länge zu ziehen. Sie ist aber auf jeden Fall ein tolles Mädchen (weitaus besser als Nina), das sich wunderbar in das Jungs-Duo einfügt.  

Fazit

Halbe Helden ist ein überaus vielschichtiger Roman. Die Geschichte wird sowohl humorvoll und locker-leicht, als auch dramatisch und berührend erzählt. Dadurch gewinnt man die (meisten) Charaktere lieb, auch wenn sie phasenweise wechselhafte Gefühle in mir wachgerufen haben. Aber das gehört zu einem guten Buch dazu. Insgesamt haben mich die Handlung und die Dialoge wirklich sehr gut unterhalten, denn ich habe mich zu keinem Zeitpunkt gelangweilt.  


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