Donnerstag, 30. Juli 2015

REZENSION: "Die Bücherflüsterin" (Anjali Banerjee)

Copyright blanvalet Verlag

Titel: Die Bücherflüsterin

Autor: Anjali Banerjee

Genre: Roman

Verlag: blanvalet Verlag

Erscheinungsjahr: 2014

Format: Taschenbuch (8,99 €)

Seiten: 317

ISBN: 978-3-442-37834-0


Inhalt:

Die junge Inderin Jasmine Mistry ist verbittert, nachdem sie von ihrem Mann geschieden ist und der sich mit seiner Affäre das Leben schön macht. Ihre Tante Ruma verfolgt daher eine etwas andere Strategie, sie von ihrem Frust abzulenken und wieder aus ihrem Schneckenhaus hervorzulocken: als sie für eine Operation ins Ausland reisen muss, bittet sie Jasmine in ihrer Abwesenheit ihren Buchladen auf Shelter Island zu führen. Nur widerwillig kommt Jasmine der Bitte nach, denn die Arbeit in dem staubigen kleinen Laden stellt sie sich ziemlich öde vor. Doch schon bald muss sie feststellen, dass dieser Ort außergewöhnlich - um nicht zu sagen magisch - ist, denn nicht nur kann Jasmine die Stimmen der verstorbenen Autoren hören, sondern bekommt zudem fast täglich Besuch von einem mysteriösen Mann, der ihre best gehütetsten Geheimnisse kennt.  


Cover

Mit dem Cover bin ich nicht so recht zufrieden. Zwar gefällt mir das Motiv an sich ganz gut (ich weiß nicht, warum, aber ich muss irgendwie ans Tanzen denken), aber diese Gelbnuance ist einfach nicht mein Fall, auch wenn sie definitiv ins Auge sticht. Außerdem bin ich mir mal wieder nicht sicher, in welchem Zusammenhang das Bild und der Inhalt miteinander stehen sollen. Bei einem Buch, in dem es um Bücher geht, hat man doch so viele Möglichkeiten, die das Kerngeschehen besser repräsentieren würden.

Meine Meinung


Ich weiß nicht, woran es liegt, aber dieses Buch hat mir vom ersten Moment an gefallen. Vielleicht liegt es daran, dass Geschichten, in denen es verstärkt um Bücher geht einen gewissen Sog auf mich ausüben, oder aber an der Art und Weise. wie Anjali Banerjee ihre Protagonistin beschreibt. Jasmine kommt mit einem trockenen, beißenden Humor daher, was mir immer sehr zusagt. Und wie ich finde, ist diese Haltung auch berechtigt, denn eine Scheidung und den Betrug durch den Ehemann kann man nicht so leicht verkraften, auch wenn es nun schon eine geraume Zeit her ist. Ihre Wunden sind noch immer nicht verheilt - im Gegenteil scheinen sie jedes Mal neu aufgerissen zu werden, weil sie noch immer Kontakt zu ihrem Exmann Robert hat. Man teilt automatisch Jasmines Hass auf ihn, auch wenn er aus der Distanz betrachtet in den wenigen Passagen, in denen er eine Rolle gespielt hat, einigermaßen taktvoll gewesen ist.
Man merkt Jasmine häufig ihre schlechte Laune an, allerdings muss man ihr zu Gute halten, dass sie sich viel Mühe gibt, ihre Verbitterung in unangemessenen Situationen für sich zu behalten. Eine besondere "Härteprobe" ist dabei die Tatsache, dass ihre kleine Schwester demnächst heiraten will. Auch wenn Jasmine hin und wieder einige deplatzierte Bemerkungen herausrutschen, so versucht sie doch so überzeugend wie möglich Begeisterung zu zeigen und ihre Schwester bei den Vorbereitungen zu unterstützen. Das lässt sie insgesamt als äußerst erwachsen und rücksichtsvoll und daher umso sympathischer erscheinen, weil sie ihre eigenen Gefühle auch mal zurückstellen kann. Ihre emotionale Seite kehrt im Grunde bloß Connor Hunt in extremen Maß hervor, auch wenn sie sich nicht erklären kann, warum sie physisch und psychisch so stark auf ihn reagiert. Wahrscheinlich ist es seine Mischung aus Direktheit, guten Manieren und Aussehen, Hartnäckigkeit und dem Reiz des Geheimnisvollen. Gleich das erste Treffen zwischen ihr und Connor verläuft nämlich ziemlich kryptisch, wenngleich auch sehr interessant, weil er mehrere Bücher kauft, die scheinbar nicht zueinander passen und auch sehr fragwürdige Namen tragen. Man fragt sich sofort, wie diese willkürliche Auswahl zustande kommt. Die Lösung ist recht simpel: Connor interessiert einfach, was hinter den ungewöhnlichen Buchtiteln steckt. Man mag sich jetzt vielleicht fragen, warum ich diese Szene überhaupt erwähne. Ganz einfach: mir gefällt es, was sie über Connor aussagt: er sieht über den Tellerrand hinaus und ist offen für neue Dinge. Diese Einstellung hat unmittelbare Auswirkungen auf Jasmine, denn sie beginnt sich allmählich ihm und der Welt zu öffnen und ihre Verbitterung hinter sich zu lassen - genau das, was Ruma im Sinn hatte, als sie ihr den Laden überließ. Es geht also nicht darum, die große Liebe zu finden, sondern einen Neuanfang zu wagen und sich von negativen Gefühlen zu befreien. Zwar kommt es zu einer romantischen Verwicklung, aber sie dient hauptsächlich dazu, dass Jasmine Robert loslassen kann. Ich fand sie, um ehrlich zu sein, fast schon störend, weil sie erstens zu schnell zustande gekommen ist und zweitens mir die schmalzigen Liebesbekundungen und ständigen Schönheitsbeteuerungen etwas zu viel waren. Natürlich waren sie wichtig, um Jasmines Ego wieder aufzubauen, aber man muss nicht in jedem zweiten Dialog erwähnen, dass sie "wunderschön" ist, auch wenn sie gerade geschwollene Augen und eine gerötete Nase hat. Vielen Lesern mag das vielleicht gefallen, für mich ist es jedoch eher ein Kritikpunkt.
Was nun die übernatürlichen Elemente im Roman betrifft, d.h. die Stimmen, die Jasmine hört, und die Geister, die sie sieht, kann man geteilter Meinung sein. Normalerweise sehe ich das in einem ansonsten "realistischen" Roman eher kritisch, da es dadurch schwieriger wird, das Geschehen als authentisch zu rezipieren.  Ich selbst glaube nicht an höhere Mächte, allerdings glaube ich schon, dass Bücher einen gewissen Zauber besitzen. Daher habe ich mich nicht allzu sehr daran gestört. Im Gegenteil wäre es mir sogar lieber gewesen, wenn die verstorbenen Autoren eine wesentlich größere Rolle gespielt hätten. Welcher Bücherwurm wünscht sich denn nicht, die Chance auf einen Dialog mit einem verstorbenen Schriftsteller wie Charles Dickens oder Edgar Allan Poe zu haben? Leider sind deren Auftritte bzw. Erwähnungen eher flüchtig und kurz gehalten. Hier wäre noch genug Spielraum für mehr gewesen. Ein ähnliches Gefühl hatte ich in Bezug auf Ruma, die allein deswegen schon mein Interesse geweckt hat, weil sie von anderen Familienmitgliedern als eigenwillig und verschroben (besonders in Bezug auf ihren Laden) beschrieben wird. Da sie aber am Anfang ins Ausland reist, hat man nur bedingt die Möglichkeit, sie näher kennenzulernen.
Am meisten genossen habe ich die Szenen, die im Buchladen stattfanden. Ich mochte die unterschiedlichen Kunden, denen Jasmine begegnet ist, denn sie lassen den Job als Buchverkäuferin einerseits als spaßig und abwechs- lungsreich erscheinen, andererseits auch als eine Herausforderung. Es ist nicht immer leicht, das passende Buch für einen Kunden zu finden. Umso größer ist das Erfolgserlebnis für beide Parteien, wenn man das Buch findet, das der Kunde (unbewusst) gesucht hat. Man braucht ein gutes Gespür für Menschen und Literatur, um dazu in der Lage zu sein, und ich denke, dass die übernatürlichen Stimmen und Geister eine Versinnbildlichung dieses Gespürs sein sollen.
Es hat mir außerdem gut gefallen, dass der Text einige kulturspezifische Erklärungen z.B. zu den einzelnen Gottheiten mitgeliefert hat, damit man einige Dinge besser verstehen konnte. Zwar sind Jasmine und ihre Familie eindeutig "amerikanisierte" Bengalen, aber ihre Herkunft spielt für sie noch immer eine wichtige Rolle. Sie schaffen es, "den Osten und den Westen miteinander zu verbinden", wie Jasmines Schwester das so schön ausgedrückt hat, sodass sie keinesfalls stereotypisch beschrieben werden, was ein weiterer Pluspunkt ist.
Die Ereignisse in den letzten Kapitel folgten mir zugegebenermaßen etwas zu rasant aufeinander, wodurch sie überstürzt wirkten und den ursprünglichen Schreib- und Lesefluss gestört haben. Trotzdem hat der Schluss in mir den Wunsch nach mehr geweckt, weil ich nur zu gern wissen würde, die Jasmines Leben jetzt weitergeht. Da es aber keine Fortsetzung gibt, bleibt das wohl meiner Imagination vorbehalten.

Lieblingszitat

"Ein Buch ist keine gewöhnliche Ware. Bücher enthalten unsere Kultur, unsere Vergangenheit, andere Welten und das Mittel gegen Traurigkeit." (S. 87)

Fazit

Auch wenn ich übernatürlichen Elementen in nicht-fantastischen Geschichten immer als kritisch betrachte, hat mir Anjali Banerjees Die Bücherflüsterin sehr gut gefallen. Das liegt hauptsächlich am tollen Schreibstil der Autorin und auch daran, dass Bücher in der Geschichte sehr stark präsent sind, was mir immer sehr zusagt. Einige Stellen sind für meinen Geschmack zu kitschig geraten und zu manchen Personen und Geistern hätte ich mir ausführlichere Beschrei- bungen gewünscht, aber das hat meinen Lesegenuss nicht allzu stark beeinträchtigt. Ich werde mir die Autorin definitiv vormerken.


0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen