Sonntag, 19. Juli 2015

REZENSION: Das gibt's in keinem Russenfilm (Thomas Brussig)

Copyright S. Fischer Verlag

Titel: Das gibt's in keinem Russenfilm

Autor: Thomas Brussig

Genre: Roman / Humor

Verlag: S. Fischer Verlag

Erscheinungsjahr: 2015

Format: Hardcover (19,99 €)

Seiten: 384

ISBN: 978-3100022981

Inhalt:

Thomas wächst in Ostberlin auf, leistet seinen Wehrdienst, arbeitet danach in einem Hotel und stellt schließlich fest: Er muss unbedingt Schriftsteller werden! Gesagt, getan: Er schreibt sein erstes Buch, veröffentlicht es und ist schon bald in aller Munde. Und das nicht nur, weil seine Bücher sich in irgendeiner Weise gegen die DDR richten, sondern auch weil er während einer Lesung seinen Zuhörern unter anderem verspricht, niemals in den Westen zu reisen, solange es auch alle anderen nicht dürfen. Thomas Brussig hält sich auch Jahre später noch daran - und das muss er auch, denn eine Revolution hat es nie gegeben und die DDR besteht noch immer...


So gefällt mir das Cover:

Das Cover passt meiner Meinung nach sehr gut zum Titel, denn es wirkt auf eine bestimmte Art und Weise nostalgisch, die mich an Filme wie Sonnenallee (übrigens auch von Thomas Brussig geschrieben) und Good Bye, Lenin erinnert. Neben der Skyline von Berlin ist es vor allem der Farbton, der dieses Feeling ausmacht. Irgendwie dachte ich sofort: Da geht's um die DDR! Daher sticht das Cover schon ins Auge, auch wenn es vielleicht nicht so auffällig gestaltet wie manch anderes ist.

Meine Meinung:

Den Roman habe ich auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse entdeckt und habe sogar ein signiertes Exemplar ergattern können. Cover und Klappentext haben mich neugierig gemacht, also kam das Buch direkt mit und lag bis jetzt auf meinem SuB. 
Mit dem Einstieg habe ich mich etwas schwer getan, denn irgendwie hatte ich mir das Ganze schwungvoller vorgestellt. Thomas Brussig erzählt sein Leben und beginnt dabei mit seiner Geburt. Seine Jahre als Kind und in der Armee werden zwar gerafft, kamen mir aber dennoch etwas langatmig vor. Brussigs Schreibstil gefällt mir sehr gut, aber die meiste Zeit über war mir der Text irgendwie zu politisch, obwohl das natürlich bei einem Roman über das Fortbestehen der DDR nicht ausbleibt. 
Was ich von Anfang an ziemlich gelungen fand, ist Brussigs Spiel mit dem Leser. Da er sich selbst als Protagonisten und Ich-Erzähler einsetzt und auch bekannte Persönlichkeiten (wie zum Beispiel Nina Hagen, Udo Lindenberg, Daniel Kehlmann und Angela Merkel) in seine Erzählung einbindet, suggeriert er seine eigene Biografie, die tatsächlich so hätte verlaufen können. Wie viel Wahrheit darin steckt und wie viel Fiktion - darüber kann man nur spekulieren. Mehrmals habe ich mich beim Lesen gefragt: Stimmt das wirklich so oder ist das jetzt wieder erfunden? Gewisse Dinge wie etwa Brussigs grober Werdegang als Schriftsteller und seine Werke kann man googeln, die meiste Zeit über jedoch stellt man als Leser nur Mutmaßungen an. So denkt man unwillkürlich ständig über den Text nach, der dadurch im Gedächtnis bleibt. Sehr gut gefallen hat mir außerdem die Idee an sich: Brussig schreibt derart flüssig und selbstverständlich über das Fortbestehen der DDR bis heute, dass man sich oftmals dabei ertappt, das als gegeben hinzunehmen, bis einem dann zwischendurch wieder einfällt: Ach, da war ja der Mauerfall. Gleichzeitig zieht Brussig die wahren Tatsachen ins Lächerliche (Wie unrealistisch ist es bitte, dass die Wiedervereinigung die Folge einiger komischer Zufälle gewesen sein soll, wie etwa dem berühmten Versprecher und schließlich einer vollkommen friedlichen Revoultion?). Außerdem erspinnt er eine mögliche Entwicklung der DDR zur "Elektrokratie", die führend in der Herstellung von Elektro-Autos und der Nutzung von Windenergie ist. Wer dem Autor beim Lesen dieser skurrilen Vorstellungen unterstellt, er würde eine Utopie kreieren, wird allerdings schnell ausgebremst, denn der fiktive Protagonist Thomas Brussig ist nach wie vor ein erbitterter Gegner des Regimes, dessen neue Ziele noch immer Einschränkungen und Nachteile für die DDR-Bewohner bedeuten.
Das Komischste an Das gibt's in keinem Russenfilm sind für mich die Charaktere selbst, allen voran Thomas Brussig. Er ist ein liebenswerter Protagonist, der einem recht paranoid und ab und an auch etwas trottelig vorkommt, was beweist, dass der Autor es versteht, sich auf amüsante Weise selbst aufs Korn zu nehmen. Eine Stelle ist mir beim Lesen besonders im Gedächtnis geblieben: Hier drückt der fiktive Brussig seine Verachtung für den Autor des in seinen Augen völlig misslungenen Romans Am kürzeren Ende der Sonnenallee aus, dessen Verfasser in der Realität ja Thomas Brussig selbst ist. Die subtile Komik zeigt sich auch in den Neben-Charakteren wie etwa Gregor Gysi, ein verschlagener Anwalt, der später Honeckers und Krenz' Nachfolge als Oberhaupt der DDR antritt, und Apfelkuchen-Angela (Angela Merkel), die ein Fan Thomas Brussigs ist, ihn wiederholt um Autogramme bittet und ihm später sogar dabei hilft, den Fängen der Stasi zu entgehen. So hat man trotz der Längen, die es definitiv gibt und durch die ich mich ab und zu richtiggehend durchquälen musste, jede Menge zu schmunzeln und man ertappt sich oftmals selbst dabei, wie man Brussigs fantastische Ideen weiterspinnt und sich selbst fragt: Ja, was wäre denn eigentlich gewesen, wenn der Mauerfall tatsächlich nicht stattgefunden hätte?

Mein Fazit

Thomas Brussigs Roman Das gibt's in keinem Russenfilm ist ein wunderbar komisches und wahnwitziges Gedankenspiel, das vor allem deshalb fasziniert und zum Nachdenken anregt, weil es sich wie die Biografie des Autors selbst liest und gespickt ist mit realen Geschehnissen, Orten und Persönlichkeiten. Ab und an war mir die Geschichte zwar zu langatmig erzählt und auch zu politisch und ich hätte sie mir mehr auf den Punkt gebracht gewünscht, insgesamt jedoch konnte mich der Roman wirklich überzeugen. Denn wer hat sich nicht schon einmal gefragt: Was wäre eigentlich, wenn...?


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