Montag, 20. Juli 2015

REZENSION: Achtung, ich komme! In 80 Orgasmen um die Welt (Henriette Hell)

Copyright blanvalet

Titel: Achtung, ich komme!

Autor: Henriette Hell

Genre: Humor / Sachbuch

Verlag: blanvalet Verlag

Erscheinungsjahr: 2015

Format: Paperback (12,99 €)

Seiten: 256

ISBN: 978-3764505455


 Inhalt:

Henriette hat die Nase voll - und zwar von ihrem (Sex-)Leben. Ihr fester Freund Jaro glaubt - wie anscheinend die meisten deutschen Männer -, dass eine Frau beim Geschlechtsverkehr unbedingt zum Höhepunkt kommen muss: Alles davor oder danach zählt nicht. Das frustriert Henriette, denn durch reine Penetration erlebt sie nun einmal keinen Orgasmus. Das muss doch anders gehen! Also löst sie ihren Bauspar-Vertrag auf, packt ihren Backpacker-Rucksack und macht sich auf den Weg nach Indien, denn hier soll ihre etwas andere Reise um den Globus beginnen. Ihr Ziel: In so vielen Ländern wie möglich mit mindestens einem Einheimischen schlafen, um herauszufinden, was der weibliche Orgasmus alles so zu bieten hat und ob das fast schon krankhafte Bestreben des Mannes, die Frau während des Geschlechtsverkehrs zum Kommen zu bringen, wirklich ein rein deutsches Problem ist.


So gefällt mir das Cover:

Das Cover ist auf jeden Fall ein Hingucker und sticht sofort ins Auge. Klar ist auch, um was es in dem Buch geht: Der Kussmund und das Signalrot sprechen eine eindeutige Sprache. Das Cover polarisiert, wie auch der Inhalt, und passt somit ganz gut, hätte für meinen Geschmack aber auch einen Ticken unauffälliger sein können. 

Meine Meinung:

Von dem Buch habe ich das erste Mal auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse gehört und es hat mich sofort interessiert. Und eines kann ich schon einmal vorweg nehmen: Es ist definitiv spannender und erregender als so mancher als SM-Literatur getarnter Schnulzenroman mit Romantisierungs-Overload. 
Henriette Hell reist also nicht in 80 Tagen, sondern in 80 Orgasmen um die Welt und das auf eine höchst amüsante Weise. Beim Lesen der ersten Seite dachte ich sofort: Die Frau spricht mir aus der Seele! Und so wird es wohl beinahe jeder Frau gehen, die die Nase in Achtung, ich komme! steckt. Henriette möchte einfach Erfahrungen in anderen Ländern sammeln und erklärt dabei, worauf es ihr beim Sex ankommt, was allerdings so gut wie kein deutscher Mann verstehen kann. Also nimmt sie ihr Schicksal selbst in die Hand und ist dabei furchtlos, tough, kühn und manchmal auch ein wenig naiv. Schonungslos und ehrlich erzählt sie von ihren Etappen und ihren Erfahrungen und das kann einen als Leser schon teilweise ziemlich erschrecken: Gruppensex mitten in einem Café in Indien? Spontan-Sex auf einem UNESCO-Weltkulturerbe? Oder in einer Höhle im Wald? Oder in einer Wellblechhütte? Henriette ist auf jeden Fall konsequent und nimmt im Dienste ihrer persönlichen Studien auch so manche Widrigkeiten in Kauf. Dabei erlebt sie Enttäuschungen, entlarvt das ein oder andere Klischee, macht großartige Erfahrungen und zieht beeindruckende Schlüsse. Sie webt Daten und Ergebnisse von Studien in den Text ein und so lernt man ganz nebenbei auch viel über seine eigene Sexualität. 
Faszinierend ist auch die Weltreise an sich - eine Art "Eat Pray Love Selbstfindungstrip" auf Erwachsen. Ich habe Henriette beim Lesen ein ums andere Mal bewundert, dass sie sich ganz allein, furchtlos und mutig, auf den Weg nach Indien, Tansania, Kambodscha und andere Länder macht, in denen die Frau bekanntermaßen keinen besonders hohen Stellenwert hat. Es waren auch brenzlige Situationen dabei, in denen ich dachte: Ohje, das geht böse aus. Vor allem aber ist Achtung, ich komme! urkomisch, denn es ist witzig geschrieben und erzählt auch von sexuellen Pannen, derer man sich aber keineswegs schämen muss. Ich habe mich mehrmals dabei ertappt, wie ich laut loslache, aber auch wie mir in den Sinn kam: DAS muss ich auch mal ausprobieren. Ich finde es einfach großartig, dass Henriette Hell auf eine so offene und selbstverständliche Art und Weise über ihr Sexleben und ihre sexuellen Wünsche und Vorlieben spricht. Das war für mich wirklich erfrischend und unterhaltsam, enthält aber auch eine wichtige Botschaft: Selbst ist die Frau! Wenn man im Bett etwas Bestimmtes möchte, dann muss man offen darüber reden und den Liebhaber notfalls auch mal in die richtige Richtung schubsen. Man sollte niemandem einen Orgasmus "schuldig" sein, sondern ihn genießen, wenn er kommt, ihn aber nicht vermissen, wenn er mal ausbleibt. 
Ich habe die Lektüre wirklich genossen, denn Henriette Hells Schreibweise ist locker, modern und vertraulich, ohne dabei übertrieben hip oder lächerlich zu wirken. Gefallen haben mir auch die Listen, die sie nach dem Besuch eines Landes über das dortige Sexleben aufstellt. Sehenswürdigkeiten kann ja jeder beschreiben, aber DAS ist definitiv mal etwas anderes.

Mein Lieblingszitat:

Witzige Formulierungen und Begebenheiten gab es in Henriette Hells Buch zuhauf, eine Stelle fand ich allerdings besonders komisch:     

"Tja, das wäre schon was: ein eigenes Bordell. Dort könnte ich nach einem anstrengenden Tag einkehren und mir aus hundert knackigen Jünglingen (die natürlich alle so aussehen müssten wie Remy) einen aussuchen. Und das Beste: Jeder von ihnen wäre exakt auf meine Bedürfnisse geschult. Wer es gewagt hätte, an mir und meinem Orgasmusverhalten herumzunörgeln, würde umgehend von meinen Wachen zur Guillotine gebracht. Und dann: 'Ab mit dem Kopf!'" (Seite 211)

Mein Fazit:

Mich hat Henriette Hells Buch Achtung, ich komme! In 80 Orgasmen um die Welt wirklich begeistert, denn es ist nicht nur erfrischend anders, urkomisch, offen und ehrlich, sondern auch informativ und vor allem am Puls der Zeit. Beim Lesen war ich manchmal erheitert, manchmal erschrocken, manchmal peinlich berührt und ja...manchmal auch ein bisschen erregt. Man muss sich auf die Materie definitiv einlassen und offen für Neues sein - dann kann einen Achtung, ich komme! meisterhaft unterhalten und faszinieren. Daher möchte ich mich herzlich beim Blanvalet Verlag für das Rezensionsexemplar bedanken, es war wirklich ein ganz besonderes Vergnügen.

  

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