Montag, 8. Juni 2015

REZENSION: "Die Shakespeare-Schwestern" (Eleanor Brown)

Copyright Insel Taschenbuch Verlag
Titel: Die Shakespeare-Schwestern

Autor: Eleanor Brown

Genre: Roman

Verlag: Insel Taschenbuch (Suhrkamp                      Verlag)

Erscheinungsjahr: 2012

Format: Taschenbuch (14,99 €)

Seiten: 374

ISBN: 978-3-458-35835-0


Inhalt

Die Schwestern Bianca, Cordelia und Rosalind sind alles andere als ein Herz und eine Seele. Ihre einzige Gemeinsamkeit ist, dass sie alle drei nach Shakespeare-Figuren benannt sind, doch ansonsten könnten sie kaum unterschiedlicher sein. Cordy ist eine Weltenbummlerin, nirgends sesshaft und in den Augen ihrer Schwestern verantwortungslos. Auch Bean ihrem Heimatdorf den Rücken gekehrt und lebt jetzt ein schillerndes Großstadtleben in New York. Rose ist als einzige noch in der Nähe ihrer Eltern geblieben und eilt zur Hilfe, sobald sie gebraucht wird. Erst die Krebserkrankung ihrer Mutter führt die drei wieder zusammen und bringt sie dazu, ihren Blick aufeinander zu überdenken. 

Cover

Die Aufmachung des Buches kommt durch die dunklen Farbtöne meiner Meinung nach eher düster daher, passt aber sehr gut zur Geschichte. Erstens ist sie kein locker-flockiger Gute-Laune-Roman, zweitens verweisen die drei abgebildeten Frauen sofort darauf, dass es um drei Schwestern geht, und drittens kann man das Treiben im Wasser so interpretieren, dass alle drei darum kämpfen, an die Oberfläche zu kommen, bzw. auch als eine Anspielung auf Ophelia aus Hamlet. 

Meine Meinung

Zugegebenermaßen habe ich mich durch den Anfang ein wenig gequält. Die Handlung hat mich nicht sofort mitgerissen, wobei aber nicht genau sagen kann, woran das lag. Die Geschichte setzt mit der Nachricht ein, dass Beans, Cordys und Roses Mutter an Krebs erkrankt ist und den plötzlich auftretenden Komplikationen im Leben der drei. Im Prinzip ein guter Einstieg, da man genug Informationen hat, die das Interesse wecken, aber nicht genug, damit alles klar ist. Und trotzdem hatte ich das Gefühl, dass sich der Anfang etwas in die Länge zog. Der Schreibstil von Eleanor Brown hat das Ganze gewissermaßen gerettet, da sie wirklich schön und abwechslungsreich schreibt. Beim Lesen hatte ich - ähnlich wie bei Romanen von Judith Lennox - das Gefühl, mich in einer ganz anderen Welt und Zeit zu befinden, was mir sehr gut gefällt.
Allerdings hat mich die Erzählperspektive die ganze Zeit irritiert. Einerseits springt die Handlung zwischen den einzelnen Schwestern hin und her (in Form eines auktorialen Er-Erzählers), andererseits wir häufig "wir" oder "uns" verwendet, als würde das Geschehen nur aus der Sicht einer der Schwestern erzählt werden. Deshalb habe ich mich am Anfang gefragt, ob es vielleicht noch eine vierte Schwester gibt, die alles beobachtet. 
Aber nun zu den drei Schwestern: Trotz der gewaltigen charakterlichen Unterschiede, war mir keine der drei (un-)sympathischer als die andere. Es gab bei jeder mindestens eine Sache, mit der ich mich identifizieren konnte, weshalb ich ihr (Innen-)Leben gleich gerne mitverfolgt habe. Was die drei zu etwas "Besonderem" macht ist, dass sie nicht nur die Namen von weiblichen Figuren aus Shakespeare-Stücken tragen, sondern zum Teil auch mit deren Eigenschaften versehen sind. Das führt unweigerlich dazu, dass man als Leser gewissermaßen eine Analyse der Dramenfiguren bekommt. Jede der drei wird sehr ausführlich beschrieben: einerseits, wie sie sich selbst wahrnehmen, und andererseits, wie sie von ihren Schwestern wahrgenommen werden. Meistens stehen diese Perspektiven im Widerspruch zueinander, was mir persönlich sehr gut gefallen hat. Es zeigt sehr deutlich den Kontrast zwischen subjektiven Wahrnehmungen. Geschwister haben immer das Gefühl, der bzw. die andere würde von den Eltern bevorzugt werden, auch wenn dem nicht so ist, und auch der äußere Anschein kann sehr häufig trügen. Auch wenn es so wirkt, als würden sie für sich glücklich sein und keine Probleme haben, ist dem nicht so. Jede der drei hat ein Geheimnis (die ich hier nicht verraten werde), mit dem sie erst dann umgehen können, als sie es einander gestehen. Das ist meiner Meinung nach die wichtigste Botschaft des Textes: die Familie ist immer für einen da, selbst wenn es untereinander Differenzen gibt. Daher muss ich auch dem Buch selbst widersprechen: die drei behaupten zwar, einander nicht sonderlich zu mögen, aber ich hatte eher den gegenteiligen Eindruck. Sie waren vielleicht hin und wieder neidisch aufeinander, aber sie erkennen auch gegenseitig ihre jeweiligen Qualitäten an. Sie kennen einander in- und auswendig, sowohl die Stärken als auch Schwächen, und können daher nachvollziehen, was ihre Schwester denken oder fühlen mag. 
Überraschenderweise waren auch ihre Eltern, trotz ihrer Verschrobenheit (seien wir ehrlich, seine Kinder nach Shakespeare-Figuren zu benennen, ausschließlich Texte von ihm zu lesen und fortwährend aus seinen Werken zu zitieren, ist verschroben), bemerkenswert fähige, liebevolle Eltern. Ich hätte eigentlich gedacht, dass sie mental in einem vollkommen anderen (Shakespeare-) Universum leben würden. Aber im Gegenteil haben sie sich als überaus feinfühlige, Menschen herausgestellt. Besonders ihr Umgang miteinander war absolut bezaubernd mitzuverfolgen, weil ihr Vater sich wirklich aufopferungsvoll um seine Frau gekümmert hat. Im Grunde waren sie das Musterbeispiel einer glücklichen Ehe - von dem harten Schicksalsschlag abgesehen. Ich hatte allerdings auch den Eindruck, dass die Erkrankung der Mutter durch die Probleme ihrer Kinder teilweise stark in den Hintergrund gerückt ist und nicht die Aufmerksamkeit bekommen hat, die sie verdient hätte. Die Einzige, die sich wirklich gekümmert hat, war Rose. Erst gegen Ende beteiligen sich die andren zwei mehr im Haushalt und an der Pflege. Das fand ich etwas befremdlich, weil es schließlich ihre Mutter ist und ich persönlich wohl nicht von ihrer Seite gewichen wäre.  
Ähnlich erging es mir mit den Nebenfiguren, die meiner Meinung nach viel zu kurz gekommen sind. Sowohl über den Pastor Aiden, auf den Bean ein Auge geworfen hat, als auch Roses Verlobten Jonathan oder Dan, Cordys Freund aus Studienzeiten, hätte ich gerne mehr erfahren, da mit ihnen einige schöne Dialoge entstanden sind.

Lieblingszitat


 "[D]ie Menschen lieben Bean, das weißt du. Aber nicht so, wie sie dich lieben. Bean ist ein Tornado, sie überrollt einen einfach mit ihrer Gegenwart. Aber du, du bist ein lautloser Meteor. Du kommst herein, und es entsteht ein Krater. Dabei legst du es gar nicht darauf an. ich habe dich früher öfter auf dem Campus beobachtet, du bist da wie eine Märchenprinzessin umhergeschwebt. Als würden deine Füße gar nicht den Boden berühren." (S. 338)

Fazit

Insgesamt verzichtet das Buch auf jegliche Melodramatik - soll heißen: die Handlung verläuft nicht übermäßig spannend. Sie setzt eher auf die Beziehung zwischen Bean, Cordy und Rose, woran an sich nichts auszusetzen ist. Die Story wird gut erzählt, allerdings bekommt man leicht den Eindruck, dass sich dahinschleppt und manchmal waren es mir zu viele Zitate. Shakespeare-Liebhaber werden jedoch ihre Freude daran haben, die einzelnen Zitate dem jeweiligen Werk zuzuordnen und die Aussagen in Zusammenhang mit dem geschehen zu interpretieren.


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