Donnerstag, 4. Juni 2015

REZENSION: "Das Lachen und der Tod" (Pieter Webeling)

Copyright Heyne Verlag

Titel: Das Lachen und der Tod

Autor: Pieter Webeling

Genre: Historischer Roman

Verlag: Heyne Verlag

Erscheinungsjahr: 2015 (TB-Ausgabe)

Format: Taschenbuch (9,99 €)

Seiten: 320

ISBN: 978-3453418110


Inhalt:

Ernst Hofman, ein Komiker aus Amsterdam, ist der Sohn einer jüdischen Mutter und eines deutschen Vaters. Nachdem er sich monatelang vor den Nazis versteckt hat, wird er 1944 in einem Viehwaggon nach Auschwitz deportiert. Während der langen Fahrt unterhält er die verzweifelten Menschen mit Witzen und lernt außerdem die schöne Helena kennen. Der Gedanke an sie hilft ihm dabei, das Lager in den nächsten Monaten zu überstehen und auch sein - wie es scheint - unerschütterlicher Humor trägt einiges dazu bei. Nach einem langen Tag der Zwangsarbeit tritt Ernst abends in Charlie Chaplin-Verkleidung vor den Häftlingen in seiner Baracke auf und schon bald erhält er auch ein verlockendes Angebot des Lagerkommandanten. Doch gelingt es Ernst angesichts des allgegenwärtigen Todes und gefangen in einer niemals enden wollenden Hölle tatsächlich, sich seinen Sinn für Humor bis zuletzt zu bewahren?



So gefällt mir das Cover:

 

Das Cover gefällt mir sehr gut, denn es ist nicht zu aufdringlich und passt zu der doch recht düsteren und bedrückenden Thematik. Der Mann mit Lagerhose, Jackett, Melone und Spazierstock stellt außerdem gelungen Ernst Hofman dar, wie man ihn sich vorstellt. Insofern fängt das Cover die Handlung wirklich gut ein und wirkt dennoch nicht so bedrückend, wie es angesichts des Themas sein könnte.


Meine Meinung:

 

Ich war sehr gespannt auf Webelings Roman, denn die Thematik kannte ich schon aus diversen Filmen (Das Leben ist schön und Zug des Lebens), welche ich eher befremdlich und wenig gelungen fand. Zum Glück stellte sich während des Lesens heraus, dass Das Lachen und der Tod ganz anders ist, denn das Buch versucht nicht, das dunkelste Kapitel der Menschheit mir Humor zu nehmen, sondern vielmehr zeigt es einen Weg, wie man mithilfe von Humor den Holocaust irgendwie überleben und (soweit das möglich ist) verdauen kann. 
Webelings Held ist ein niederländischer Komiker mit deutschen und jüdischen Wurzeln, der aus der Ich-Perspektive erzählt. Die Handlung setzt genau ein Jahr nach der Befreiung von Auschwitz, also am 27. Januar 1946 ein, denn an diesem Tag hat Hofman seinen ersten Auftritt seit seiner Deportation - dieser bildet den Rahmen für die folgende Handlung, die 1944 und 1945 spielt und rückblickend erzählt wird. Schonungslos und ehrlich schildert Hofman die Zugfahrt nach Auschwitz, seine Eindrücke vom Lager und die unvorstellbaren Geschehnisse. Dabei muss man als Leser mehrmals schlucken, denn durch die Nähe zum Protagonisten ist es stellenweise, als würde man das Geschilderte mit eigenen Augen sehen und am eigenen Leib erfahren - es ist grausam, unverständlich, bedrückend und erschreckend bildlich - Webeling gelingt es, den Holocaust in seiner ganzen Grausamkeit einzufangen. Allerdings gibt sein Protagonist nicht nur den anderen Inhaftierten im Lager Hoffnung, sondern auch dem Leser. Hin und wieder bringt einen der ein oder andere Witz zum Schmunzeln oder sogar zum Lachen. Das wirkt jedoch keinesfalls unangemessen, denn es ist Hofmans Art, das Lager zu überstehen und Tag für Tag weiterzuleben. Hofman ist also ein überaus authentischer Charakter. Das spürt man vor allem in seiner eigenen Entwicklung: Ist er zu Beginn noch so naiv wie alle deportierten Juden (wir sind Arbeitskräfte, die Deutschen brauchen uns doch), realisiert er bald die gesamte Tragweite des Holocaust, stumpft ab, kämpft nur noch ums nackte Überleben und schreckt auch selbst vor Gewalt nicht mehr zurück. Infolgedessen verachtet Hofman sich nach und nach selbst, sein Lebensmut sinkt und er weiß nicht, wie er jemals mit den Taten seiner deutschen Peiniger und seinen eigenen Taten leben soll.
Schließlich ist es Hofmans Humor, der ihm im Lager Respekt verschafft und ihn zwar beinahe das Leben kostet, es ihm am Ende jedoch auch rettet. Dahinter versteckt sich meiner Meinung nach eine wunderbare Botschaft: Wenn es einem gelingt, sich selbst treu zu bleiben, sich sein eigenes Ich zu bewahren - dann kann man auch ein schlimmes Martyrium überstehen. Hoffnung spendet außerdem die unaufdringliche, in die Handlung eingeflochtene Liebesgeschichte zwischen Ernst Hofman und Helena. Besonders gelungen finde ich dabei, dass der Autor nicht auf Biegen und Brechen versucht, etwas zu konstruieren - als Leser spürt man die Liebe, sie ist auf eine besondere Art und Weise allgegenwärtig, aber sie dominiert den Roman nicht, was mir angesichts des Themas wirklich gut gefällt.

Mein persönliches Fazit:

 

In seinem Roman Das Lachen und der Tod schafft Pieter Webeling eine bedrückende, düstere Atmosphäre, wobei es ihm jedoch gelingt, sie ab und an durch gelungen platzierte und nicht unangemessen wirkende Witze zu durchbrechen - dieser Humor (Hofmans Humor) ist sozusagen ein kleiner Lichtblick inmitten der Hölle Auschwitz. Im Gegensatz zu manchen Filmen des Genres wird in dem Buch nichts verharmlost oder geschönt - um ganz ehrlich zu sein: Wer sich noch nicht eingehend mit Lager- und Holocaust-Literatur beschäftigt hat, braucht beim Lesen dieses Romans definitiv einen starken Magen. Mir hat er genau deswegen aber unheimlich gut gefallen, denn er fängt die gesamte Tragweite des Holocaust ein und macht dennoch Hoffnung. Das liegt nicht zuletzt an dem sympathischen und in erster Linie menschlichen Protagonisten. Hofman ist ein Komiker und bleibt es - trotz seiner grausamen Erfahrungen - bis zuletzt. Eine klare Leseempfehlung an alle, die sich für historische Romane und insbesondere für Lagerliteratur interessieren - ein wirklich außergewöhnlich erschreckender, urkomischer, berührender und wertvoller Roman über den Tod, das Lachen und das Leben.


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