Sonntag, 3. Mai 2015

REZENSION: "Weit weg und ganz nah" (Jojo Moyes)

Copyright Rowohlt Verlag
Titel: Weit weg und ganz nah

Autor: Jojo Moyes

Genre: Roman / Liebesroman

Verlag: Rowohlt Verlag

Erscheinungsjahr: 2014

Format: Broschierte Ausgabe (14,99 €)

Seiten: 510

ISBN: 978-3-499-26736-9



Inhalt:

Jess ist vom Pech verfolgt: sie widmet sich aufopferungsvoll ihren Kindern Tanzie und Nicky, um ihnen das Leben so einfach wie möglich zu machen, doch so sehr sie sich auch bemüht, das Geld reicht hinten und vorne nicht und immer kommen neue Probleme hinzu. 
Ed ist zwar finanziell abgesichert, seine Zukunft sieht aber trotzdem nicht besonder rosig aus. Erstens hat er seinen Job verloren und zweitens muss er sich vor Gericht dafür verantworten, an eine Ex-Freundin firmeninterne Informationen weitergegeben zu haben, durch die sie erfolgreich an der Börse spekulieren konnte. 
Trotz ihres schlechten Gewissens kann Jess nicht widerstehen, als sie im Taxi einen Batzen Geld findet, den Ed verloren hat. Das ist ihre Chance. Tanzie den Platz an der renommierten Privatschule zu sichern, den sich das kleine Mathegenie so sehnlich wünscht. Sie hat fest vor, ihm das Geld später wiederzugeben. Wen stört es also, wenn sie es einsteckt? Schließlich werden sich die beiden nie wieder begegnen.  
Ein merkwürdiger Zufall will es aber so, dass Ed zu Jess' Mitfahrgelegenheit wird, als sie sich mit Nicky und Tanzie auf den Weg zu einer Matheolympiade macht. Auf engstem Raum kommen sich die beiden näher und mit jeder Minute steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Diebstahl ans Licht kommt. 

Rezension:

Weit weg und ganz nah ist eines dieser Bücher, das mich schon von der ersten Seite an angesprochen hat. Ich mag es grundsätzlich, wenn Geschichten aus mehreren Perspektiven erzählt werden. Dadurch bekommt man einen wesentlich vielseitigeren Blick auf das Geschehen und lernt die Personen und ihre Gedanken viel besser kennen. Jojo Moyes versteht es, zwischen den einzelnen Figuren zu wechseln und passt sich ihnen in Ton und Stil entsprechend an. Das macht sich besonders beim Wechsel von den Erwachsenen zu Tanzie und Nicky bemerkbar. Tanzies Sicht auf die Dinge ist noch sehr kindlich (aber nicht naiv) und belebt. In ihrer Liebe zu Zahlen blüht sie auf und ich muss gestehen, dass mir ihre mathematischen Fähigkeiten einigen Respekt eingeflößt haben.  
Nickys Leben hat mich von allen am meisten getroffen: vernachlässigt vom eigenen Vater, verbal und physisch attackiert von Gleichaltrigen, immer der Außenseiter. Er will eigentlich nur in Ruhe gelassen werden und irgendwo dazugehören, kann sich aber nicht zur Wehr setzen und resigniert dadurch. Die Ungerechtigkeit, die Jess und ihrer Familie widerfährt, treibt einem schon fast die Tränen in die Augen. Immer, wenn ich gedacht habe, es geht nicht  mehr schlimmer, tat sich ein neues Problem auf. Umso mehr Bewunderung hatte ich für Jess, die trotzdem stark und meistens optimistisch geblieben ist und versucht hat, die positive Sicht auf die Dinge ihren Kindern zu vermitteln. Sie ist einfach eine dieser Buchfiguren, die man auf Anhieb mag. Sie ist gütig und selbstlos, willensstark und eine Kämpfernatur. Diese Eigenschaften machen sie nahezu perfekt, aber eben nur nahezu. Auch sie ist nicht fehlerfrei: sie handelt unüberlegt und bricht in Schimpftiraden aus, die zwar Ausdruck ihrer Verzweiflung sind, aber mich dennoch häufiger zum Schmunzeln gebracht haben. 
An Ed mochte ich besonders seinen Galgenhumor, denn trotz seiner misslichen Lage konnte er noch Witze auf seine Kosten reißen. Er ist kein schlechter Mensch, sondern hat einfach nur eine falsche Entscheidung getroffen bzw. sein Vertrauen in den falschen Menschen gesetzt. Ich fand es toll, dass Ed mit beiden Kindern so viele Gemeinsamkeiten hatte. Er selbst war als Jugendlicher ein Außenseiter, der sich lieber mit Mathe und Computern beschäftigt und konnte den beiden durch seine eigenen Erfahrungen gute Ratschläge geben. 
Die Gefühle zwischen Ed und Jess entwickeln sich schleichend, es gibt keinen großen magischen Moment. Weil sie beide an sehr schwierigen Punkten in ihrem Leben stehen, überstürzen sie nichts und wollen (zumindest war das Eds Vorsatz) nichts Unüberlegtes tun. Wie ich es sehe, entsteht zwischen den beiden in erster Linie eine Art Freundschaft. Sie helfen sich gegenseitig aus der Patsche, tun dem jeweils anderen durch große und kleine Gesten etwas Gutes und versuchen einander einige Lasten von den Schultern zu nehmen. So etwas zu lesen, ist einfach erbaulich und gibt einem selbst ein gutes Lebensgefühl. Erst danach kommt zu dieser platonischen Freundschaft die körperliche Anziehung hinzu, der sie dann aber auch ziemlich schnell (und ziemlich oft) nachgeben.  
Mein absolutes Hassobjekt (man muss es tatsächlich so sagen) war Marty, Jess' Noch-Ehemann. Sie tut alles, um ihm das Leben zu erleichtern, zeigt Verständnis für seine Depression, seine Schwierigkeit, einen Job zu finden, kümmert sich um seine Kinder (wobei Nicky ja noch nicht einmal ihr eigener Sohn ist, sondern aus Martys vorheriger Beziehung stammt) ohne Unterhaltskosten von ihm zu verlangen, damit er wieder auf die Beine kommen kann. Und was ist? (Vorsicht: Spoiler) Es stellt sich heraus, dass er sie durchweg nur angelogen hat! So was macht mich einfach nur wütend und ich kann sehr gut verstehen, dass Jess ausgerastet ist. Aber ich denke, das war letztendlich der Knackpunkt, denn dadurch ist Jess endlich für sich selbst eingetreten, anstatt immer die anderen an erste Stelle zu setzen. Ein bisschen gesunder Egoismus hat noch keinem geschadet. 
Das Ende hat mir auch wirklich zugesagt: die grundlegenden Konflikte und Probleme sind gelöst, aber nicht vollkommen aus der Welt geschafft - also nicht allzu perfekt.
Man schlägt das Buch mit einem positiven Gefühl zu, fühlt sich inspiriert und hoffnungsvoll durch die Botschaft die vermittelt wird: So ausweglos eine Situation auch erscheint, irgendwo dort draußen gibt es einen Menschen, der für einen da ist. Auch wenn er einen nicht retten kann, so ist man durch ihn zumindest nicht allein. 
Vielleicht ist es nicht Jojo Moyes bestes Buch, aber definitiv jede einzelne Leseminute wert!


2 Kommentare:

Sonja lovinbooks hat gesagt…

Huhu hab Deinen Blog bei einer FB Gruppe entdeckt und finde ihn echt toll! Bleibe gleich mal als Leserin hier :-)

Vielleicht hast du ja Lust auch mal bei mir vorbeizuschauen?
www.lovinbooks4ever.blogspot.de

Liebste Grüße

Sonja

Katharina Piske hat gesagt…

Hallo,
das freut uns zu hören :)
Ich (Katha) hab auch gleich mal bei dir vorbeigeschaut.Scheinbar haben wir einen sehr ähnlichen Buchgeschmack, also hab ich mich bei dir revanchiert - du hast jetzt auch eine Followerin mehr^^

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