Samstag, 9. Mai 2015

REZENSION: "Love Letters to the Dead" (Ava Dellaira)

Copyright cbt Verlag

Titel: Love Letters to the Dead

Autor: Ava Dellaira

Genre: Roman / Jugendroman

Verlag: cbt Verlag

Erscheinungsjahr: 2015

Format: Hardcover (17,99 €)

Seiten: 416

ISBN: 978-3570163146


Inhalt:

Laurie fühlt sich nach dem Tod ihrer älteren Schwester May allein gelassen und stellt sich immer wieder die Frage, wer sie eigentlich ist und wer sie sein will. Nach einer Hausaufgabe wird es für sie allmählich zur Gewohnheit, ihre Gedanken und Sehnsüchte mit verstorbenen Persönlichkeiten zu teilen, die sie bewundert. Und so erzählt sie in zahllosen Briefen an Kurt Cobain, Amy Winehouse, Heath Ledger, River Phoenix und viele andere von ihrem Leben. Sie schildert, wie ihre Familie nach Mays Tod auseinanderbrach, wie sie sich verzweifelt bemüht, ihrer Schwester nachzueifern, wie sie neue Freundinnen findet und wie sie sich zum ersten Mal verliebt - und nach und nach ins Leben zurückfindet. Doch da gibt es ein Geheimnis - ein Geheimnis, das so furchtbar ist, dass Laurie nicht einmal Kurt und Amy davon erzählen kann...



Rezension:

Was für ein traumhaftes Cover - wahrscheinlich das schönste, das mir seit Langem über den Weg gelaufen ist und gemeinsam mit dem außergewöhnlichen Titel sicherlich der Grund dafür, wieso du dieses Buch auf den ersten Blick so interessant erscheint. Mir gefällt vor allem die Farbgebung: Der Himmel im Hintergrund ist sowohl düster als auch sanft und hell - wie das Leben, das manchmal trostlos und sinnlos ist und dann wieder einen neuen Lichtblick bereithält. So transportiert schon allein das Cover eine wichtige Botschaft des Romans.
Nach dem Lesen des Romans die richtigen Worte zu finden, fällt mir schwerer, als ich gedacht hätte. Zu Beginn hatte ich noch das Gefühl, Love Letters to the Dead wäre - abgesehen von der besonderen Erzählsituation - eine typische Teenager-Geschichte mit allem, was dazu gehört: Verlust, die erste Liebe, Liebeskummer, der Wunsch, jemand anderer zu sein... Und all diese Dinge sind auch Bestandteil des Romans und trotzdem ist er außergewöhnlich und das nicht nur, weil er vollends aus Briefen an verstorbene Persönlichkeiten besteht, sondern weil er es auf eine ganz bestimmte und berührende Art und Weise schafft, das Leben und den Tod in Einklang zu bringen - auch wenn das manchmal sehr schmerzhaft ist. Aber nun dazu, wieso ich so empfinde:
Laurel ist ein typischer Teenager, aber zusätzlich zu den klassischen Problemen junger Leute, muss sie den tragischen Tod ihrer geliebten Schwester, die für sie der große Fixpunkt in ihrem Leben war, bewältigen und (wie man später erfährt) auch die Trennung ihrer Eltern und ein weiteres, besonders traumatisches Erlebnis. Das Faszinierende an ihrem Charakter ist, dass sie sich nie selbst bemitleidet. Ihre Verzweiflung und ihre Traurigkeit sind auf eine bestimmte Art rein und absolut glaubwürdig. In vielen ihrer Handlungen und Reaktionen habe ich mich selbst wiedererkannt und ich wusste: Vor einigen Jahren noch hätte ich mich ganz genauso verhalten. Dellaira schafft eine unglaubliche Nähe zu ihrer Protagonistin und manchmal war ich von all den Gefühlen und Empfindungen Laurels selbst so bedrückt, dass ich das Gefühl hatte, all das selbst zu erleben. Das liegt womöglich auch zum Teil an Dellairas geschicktem Erzählstil: Sie gibt der Geschichte zwar einen Raum, aber keine konkrete Zeit und so wird sie allgemeingültig - sie könnte die Geschichte eines jeden Lesers sein.
Sehr bemerkenswert fand ich außerdem die Briefe an sich: Sie sind genauso geschrieben, als stammten sie von einem verzweifelten Teenager. Außerdem setzt Laurel sich in ihnen auch mit den Geschichten der verstorbenen Persönlichkeiten selbst auseinander und setzt sie ins Verhältnis zu ihren eigenen Erlebnissen. Sie versucht, Erklärungen dafür zu finden, wieso ihre Idole so früh starben und gleichzeitig erklärt sie ihnen, was sie hätten anders machen können, um ein glücklicheres Leben zu führen. Denn all die Menschen, an die Laurel schreibt, haben eines gemeinsam: Sie starben jung und unter tragischen Umständen. Besonders die Briefe an Kurt Cobain, Amy Winehouse und Judy Garland waren sehr emotional und bewegend, denn sie fanden auf einer sehr persönlichen und intimen Ebene statt. Im Gegensatz dazu hat Laurel einige Adressaten gesiezt und ihnen weniger persönliche Dinge erzählt, wodurch eine eher respektvolle Ebene entstand.
Das alles trägt dazu bei, dass der Roman vor allem von zwei Dingen lebt: Von seiner Authentizität und Allgemeingültigkeit und von seiner Emotionalität. Er erzählt von der Zerrissenheit eines jungen Mädchens, das verzweifelt alles dafür tut, um ihrer verstorbenen Schwester näher zu kommen, indem es versucht, so zu sein wie sie und dabei sich selbst vergisst. Er erzählt außerdem von der ersten Liebe, die oftmals viel tiefer geht als eine bloße Schwärmerei. Er erzählt von zwei Mädchen, die nicht den Mut haben, zueinander zu stehen, was sie beinahe zu zerstören droht. Er erzählt von Eltern, die nach dem Tod ihres Kindes nicht fähig sind, sich gleichzeitig um ihre Seelen und um die ihrer verbliebenen Tochter zu kümmern. Und er erzählt davon, wie ein junges Mädchen erst verzweifelt und droht, zu zerbrechen - und wie es dank ihrer Freunde (auch und vor allem der bereits verstorbenen) irgendwann die Kraft und den Mut findet, um wieder ins Leben zurückzukehren.

Zuerst dachte ich, Love Letters to the Dead wäre einfach eine tragische Teenager-Geschichte, die auf besonders originelle Weise erzählt wird. Aber nach einer Weile, hat der Roman mich abgeholt und mit auf eine Reise genommen, die mich fasziniert, berührt und stellenweise tief erschüttert hat. Laurel war mir so nah, wie kaum eine Protagonistin eines Romans zuvor. Ihre Ängste, ihre Gefühle waren so pur und echt, dass sich mir mehr als einmal das Herz zusammenzog. Jetzt habe ich die letzte Seite gelesen und bin noch immer emotional aufgewühlt. Sehr wahrscheinlich werde ich den Roman lange nicht vergessen können und wenn ein Buch so etwas bei mir bewirkt, dann ist es wirklich ein einzigartiges und besonderes, das es verdient hat, gelesen zu werden.


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