Mittwoch, 13. Mai 2015

REZENSION: "Echt" (Christoph Scheuring)

Copyright Magellan Verlag
Titel: Echt

Autor: Christoph Scheuring

Genre: Roman / Jugendroman

Verlag: Magellan Verlag

Erscheinungsjahr: 2014

Format: Gebundene Ausgabe (16,99 €)

Seiten: 256

ISBN: 978-3-7848-5001-1


Inhalt:

Albert verbringt seine Freizeit auf dem Bahnhof, wo er Menschen fotografiert, die sich verabschieden. In Momentaufnahmen hält er Umarmungen fest, traurige Blickwechsel, Tränen. Emotionen, die echt sind. Real. Greifbar. Trotzdem sind ihm die Menschen auf den Fotos fremd, denn durch die Kameralinse bewahrt er seine Distanz, bleibt Beobachter. Erst als er Kati kennen lernt, beginnt er seine Haltung zu ändern. Kati interessiert sich für seine Fotos, speziell für ein einziges, für das perfekte Bild, dem Abschied einer jungen Frau und eines Mannes. Gemeinsam begeben sie sich auf die Suche nach Hinweisen auf das Pärchen, durch die Kati sich endlich Antworten erhofft. 

Rezension: 

Die beste Zusammenfassung, die man von Echt bekommen kann, liefert im Prinzip schon das Autorenprofil, das absolut treffend formuliert ist. In der Beschreibung von Christoph Scheurings Person heißt es "Seine Leidenschaft gehört besonders den Jugendlichen in den Randgebieten der Gesellschaft. Als Autor schreibt er über das Leben dort, wo es brüchig ist, wo es ausfranst, wo es wehtut. Dort, wo es interessant wird." Im Falle von Echt ist der brüchige Ort der Bahnhof, auf dem die obdachlosen Jugendlichen leben.
Die Story fängt vergleichsweise harmlos an: Albert ist ein gut behütet aufgewachsener 16-Jähriger, der noch nicht mit schweren Schicksalsschlägen konfrontiert wurde. In seinem Alltag gibt es keine Dramatik, keine Angst davor, was der nächste Tag bringen wird. Durch Kati kommt er erstmals mit Menschen in Berührung, die weit weniger Glück hatten als er selbst. Dadurch verschiebt sich sein Blick auf die Welt. Er verlässt die Rolle des Beobachters und wird selbst zum aktiv Handelnden. Das bedeutet aber auch, dass er sich unweigerlich auf einen Abgrund zubewegt. Mein Problem war nur, dass Albert für mich eher unin- teressant war. Als Protagonist war er okay, aber nicht herausragend und er allein hätte die Handlung nicht tragen können. Hätte es die Nebenfiguren nicht gegeben, wäre die Geschichte ziemlich reizlos für mich gewesen.
Von dem Leben der Jugendlichen auf dem Bahnhof zu lesen, hat mich zeitweise sehr mitgenommen und erschüttert und mir bewusst gemacht, dass ich nicht anders als Albert bin: ich nehme sie vielleicht auf der Straße wahr, aber wirklich Gedanken mache ich mir nicht über ihr Leben oder ihre Geschichten. Gleichzeitig führt es einem vor Augen, welches Glück man selbst im Vergleich zu ihnen hat. Leider hatten sie keine Chance, mir längerfristig unter die Haut zu gehen, da sie immer nur in sehr kurzen Sequenzen auftreten und damit auf ihre Rolle als Randcharaktere reduziert bleiben. Der Einzige, von dem der Leser etwas mehr erfährt, ist Sascha. Er ist im Grunde so etwas wie der Vater für alle. Er hält die Gruppe zusammen, kümmert sich um sie und sorgt dafür, dass sie nicht ebenso weit abrutschen wie er. Dafür ist er sogar gewillt, sein eigenes Glück bzw. seine eigene Zukunft auf's Spiel zu setzen. Daher war er der Charakter, von dem ich am meisten beeindruckt war. Ein paar mehr Hintergrundinformationen zu ihm hätte ich demnach schön gefunden bzw. wäre seine Sicht auf das Geschehen spannend für mich gewesen.  
Alberts Vater hat in gewisser Weise nicht in die Handlung hineingepasst, da er das komplette Gegenteil zu den übrigen Personen war. Trotzdem fand ich ihn irgendwie niedlich. Er hat Albert gegenüber sehr viel Verständnis gezeigt und ihn nie für irgendeine dumme Aktion verurteilt. Das liegt vielleicht daran, dass er mit seinen Gedanken immer irgendwo anders ist und etwas fernab der Realität lebt.
Schade fand ich außerdem, dass der eigentliche Aufhänger, Abschiede von an- deren Leuten zu sammeln, immer mehr in den Hintergrund gerückt ist. Zwischen- zeitlich gerät es total aus dem Fokus und wenn Alberts Fotografie wieder thematisiert wird, dann nur wenig ausführlich. Mir scheint, dass Scheuring beim Schreiben dem Motto "In der Kürze liegt die Würze" gefolgt ist, denn auch die Sätze sind oft kurz und bündig bzw. Aneinanderreihungen von Phrasen, wodurch der Stil etwas abgehackt wirkte. Das ist aber im Bezug auf die Thematik nicht weiter problematisch, da malerische Beschreibungen wohl kaum zum Setting gepasst hätte. Manche seiner Metaphern, Wortspielereien und Allegorien fand ich unglaublich treffend und bemerkenswert. Sie ließen eindeutig eine Begabung für die deutsche Sprache erkennen und haben sowohl die Unbescholtenheit des Protagonisten als auch die Härte des Alltags eingefangen.
Entsprechend des Titels wird nichts in der Handlung beschönigt und auch das Ende ist "echt". *Vorsicht Spoiler* Es blieb so ungewiss, wie die reale Zukunft es auch ist. Die Handlung reißt einfach ab, was mich als Leser leider total unzufrieden zurückgelassen hat. Natürlich habe ich kein harmonisches Ende erwartet, aber diese vollkommene Ungewissheit verwehrt mir einen Abschluss mit dem Buch. Alberts und Katis Suche bleibt im Grunde ergebnislos und deshalb habe ich mich gefragt, welchen Sinn sie dann eigentlich hatte und welchen Zweck der Autor mit der Geschichte verfolgt hat. Somit wirkte der Roman im Endeffekt unfertig auf mich. 

  

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